Inhalt des Artikels:

  • Immer mehr Lokale in ganz Russland schließen
  • Inflation in Russland höher als offiziell angegeben
  • Restaurantsterben als Anzeichen für Wirtschaftsprobleme
  • Ein Bäcker kritisiert Putins Wirtschaftspolitik
  • Russische Gastrobranche weiter unter Druck

Clubs, Bars und Restaurants in Russland wird oft vorgeworfen, den Krieg auszublenden und weiter so zu tun, als sei nichts geschehen. Dabei kommt die Kritik von verschiedenen Seiten: von Russen, die gegen die Invasion in die Ukraine sind, ebenso wie von sogenannten Kriegsbloggern und Staatsvertretern. Diese wünschen sich angesichts des Kriegszustands wiederum weniger Feierlust und mehr Betroffenheit in der Bevölkerung.

Immer mehr Lokale in ganz Russland schließen

Russlands Krieg hat aber nicht nur Einfluss darauf, wie die Russen zu schönen Abenden im Restaurant oder ausgelassenen Nächten im Clubs stehen. Auch die verschlechterte Wirtschaftslage im Land geht an der Gastrobranche nicht spurlos vorbei. Im Januar dieses Jahres kam es in Moskau zu einer Welle von Gaststättenschließungen. Rund 45 Lokale stellten ihren Betrieb innerhalb kurzer Zeit ein, was in russischen Medien für Aufsehen sorgte. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen, berichtete Gazeta.ru unter Berufung auf den russischen Gastronomen- und Hotelierverband. Dass die russische Gastrobranche unter Druck steht, belegt eine Analyse des Projekts Kontur.Fokus. Demnach wurden im Jahr 2025 mehr als 35.000 Gastronomiebetriebe im Land geschlossen – rund zehn Prozent mehr als im Vorjahr.

Das größte Problem sei der Umsatzrückgang, sagt Daniil Goldman, Gründer mehrerer Bars in Moskau. Der Unternehmer hatte Russland kurz vor Beginn der Großoffensive gegen die Ukraine verlassen. Obwohl er sich aus dem russischen Geschäft zurückgezogen habe, stehe er weiterhin in Kontakt mit Gastronomen aus seiner Heimat. Sie berichten ihm über sinkende Gästezahlen, steigende Betriebskosten und deutliche Preissteigerungen bei Lebensmitteln und Alkohol.

Der russische Gastronom Daniil Goldman wanderte kurz vor Beginn der Großoffensive gegen die Ukraine nach Israel aus, später ging er in die USA.Bildrechte: Daniil Goldman

Inflation in Russland höher als offiziell angegeben

Dahinter stehe die Inflation, die die russische Regierung seit langem nicht mehr in den Griff bekommen könne, erklärt Wladimir Milow, Ökonom und russischer Oppositionspolitiker im litauischen Exil. Offiziell beträgt sie im Jahresvergleich sechs Prozent, doch die Statistik sei manipuliert, meint der Experte. In der Realität liege sie bei 13 bis 15 Prozent und treffe sowohl Verbraucher als auch Unternehmer hart: "Die Kaufkraft der Menschen für Waren und Dienstleistungen nimmt ab. Für die Unternehmen steigen die Kosten, während die Gewinne sinken."

Die hohe Inflation im Land gehe wiederum auf den Krieg und die Isolation Russlands zurück. "Oft wird behauptet, die westlichen Sanktionen seien wirkungslos. Tatsächlich jedoch bremsen sie das Produktionswachstum. Und genau das ist die zentrale Ursache der Inflation. Russland hat die letzten Jahre nicht überstanden, weil die Sanktionen nicht wirken, sondern weil es über Reserven verfügte, die inzwischen aufgebraucht sind." Gemeint ist damit vor allem der russische Wohlfahrtsfonds, der in wirtschaftlich starken Jahren aus Öl- und Gaseinnahmen gebildet wurde und nun weitgehend aufgezehrt ist.

Restaurantsterben als Anzeichen für Wirtschaftsprobleme

Derzeit gehe Russland von einer wirtschaftlichen Stagnation in eine Rezession über, sagt der Experte. Vermehrte Schließungen in der Gastronomie seien ein Symptom der verschlechterten Wirtschaftslage. "Was mit Kleinunternehmern geschieht, passiert auch in allen anderen Bereichen — nur wird es hier sichtbar", sagt Milow. "Die Menschen sehen, dass Restaurants und Geschäfte dicht machen. Was sich dagegen in den Bilanzen großer Unternehmen abspielt, bleibt ihnen verborgen. Doch dort geschieht im Grunde dasselbe."

Darüber hinaus stehen Unternehmer vor einer neuen Herausforderung. Die russische Regierung versucht, das Haushaltsdefizit mit höheren Einnahmen zu kompensieren: Innerhalb eines Jahres erhöhte die Staatsführung zwei Mal die Steuern. Die jüngste Erhöhung trat am dem 1. Januar 2026 in Kraft und betrifft die Mehrwertsteuer, die von 20 auf 22 Prozent angehoben wurde.

EIn Straßencafé im historischen Zentrum von MoskauBildrechte: IMAGO / ITAR-TASS

Zugleich wurde die Umsatzgrenze für die Steuerpflicht gesenkt. Aber selbst in Lokalen, die unter bestimmten Voraussetzungen von der Zahlung dieser Steuer befreit sind, führt das zum Anstieg der Steuerbelastung. Schließlich werde der erhöhte Mehrwertsteuersatz entlang der Lieferkette über die Einkaufspreise für Lebensmittel weitergegeben, erklärt Daniil Goldman. Wenn dann auch noch die gesamten Betriebskosten ansteigen, könnten viele Lokale unrentabel werden. "Der Staat erhöht die Steuern und verteilt die Mittel über den Haushalt um, doch das führt nicht zu Wachstum, sondern verschärft die Stagnation der Unternehmen", sagt Wladimir Milow.

Ein Bäcker kritisiert Putins Wirtschaftspolitik

Wegen der aktuellen Steuerreform erwägen laut einer Umfrage im Auftrag der russischen Bank Tochka 15 Prozent der Unternehmer sogar, ihr Geschäft aufzugeben. Einer der bekanntesten Fälle offenen Unmuts über die Reform war der Auftritt von Denis Maximow, dem Inhaber einer Bäckerei namens "Maschenka", in Putins jährlicher Fragestunde im Dezember vergangenen Jahres. Wegen der gestiegenen Steuern befinde sich sein kleines Familiengeschäft in einer schwierigen Lage, sagte der Unternehmer. "Wir blicken ohne Optimismus in die Zukunft. Viele werden schließen oder in die Schattenwirtschaft abgleiten."

Kremlchef Wladimir Putin bei seiner Jahrespressekonferenz im Dezember 2025 Bildrechte: IMAGO / Anadolu Agentur

Trotz Putins Zusage, die Sorgen kleiner Unternehmer im Blick zu behalten, meldete sich der Bäcker im Januar wieder zu Wort. Sein öffentlicher Auftritt habe ihm zwar neue Kunden verschafft, ändere jedoch nichts an den Folgen der Reform. Er fürchte weiterhin, schließen zu müssen. Nach der medialen Aufmerksamkeit wurde die Rettung der Bäckerei wohl zu einer Imagefrage für das Regime. Bald nach Maximows abermaliger öffentlicher Kritik, verkündete der Bäcker, dass er nun plane, sein Geschäft auszubauen. "Ich will nicht heucheln. Für mich persönlich gibt es bestimmte Vergünstigungen", zitiert ihn die russische Zeitung Wedomosti. Die Behörden sollen ihm angeboten haben, zusätzliche Bäckereien an Standorten mit hohem Publikumsverkehr zu eröffnen und die Kosten für Miete sowie die Anschaffung von Ausrüstung über ein lokales Förderprogramm zu kompensieren, berichtet die Zeitung.

Russische Gastrobranche weiter unter Druck

Während Bäcker Maximow von der zusätzlichen Aufmerksamkeit profitiert, bleibt die Situation für die übrigen Unternehmer unverändert. Doch wenn der Mittelstand pleitegehe, führe das wiederum zu geringeren Steuereinnahmen, sagt Ökonom Wladimir Milow. "Natürlich schränkt das die Möglichkeiten ein, den Krieg weiterzuführen und das diktatorische Regime zu stützen. Umso wichtiger ist es, dass die EU ihre Politik fortsetzt, die finanziellen Spielräume Putins zu verringern."

Daniil Goldman bringt seinen Unternehmergeist mittlerweile im Ausland ein. Er arbeitet derzeit daran, in den USA eine mobile Cocktailbar aufzubauen. Wenn er auf die Bar- und Restaurantszene in Russland schaut, habe er zwei Seelen in der Brust: "Ich bin traurig, weil es eigentlich eine gesellige Branche ist", sagt er. Auch träfen die Schwierigkeiten alle Gastrounternehmer, unabhängig von ihrer Haltung zum Krieg gegen die Ukraine. Dennoch findet er es richtig, dass Russland die wirtschaftlichen Konsequenzen des Krieges tragen muss.

MDR (usc)

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