Der russlandfreundliche Ex-General Rumen Radew war bis vor Kurzem bulgarischer Präsident und hatte damit eher repräsentative Funktion. Jetzt will er bei den Wahlen im Frühjahr antreten, um Regierungschef zu werden. Die Chancen, dass es klappt, stehen gut. Woran liegt das?

Es liegt daran, dass das Präsidentenamt im krisengeschüttelten Bulgarien die einzige stabile Institution war. Radew war so etwas wie der Fels in der Brandung. Dadurch sind seine Umfragewerte gestiegen, er ist nach wie vor der beliebteste Politiker des Landes. Deshalb achten die Menschen wenig auf seine politischen Ansichten. Wenn man im Dauerwahlmodus ist, wünscht man sich etwas, woran man sich festhalten kann.

Rumen Radew als Luftwaffenchef (2014): Als General der Reserve und ehemaliger Kampfpilot erscheint er vielen Bulgaren attraktiv, die sich nach Jahren des politischen Chaos im Land eine "starke Hand" wünschen.Bildrechte: IMAGO / Dreamstime

Hinzu kommt, dass man in Bulgarien, einer relativ jungen Demokratie, eher geneigt ist, die Regierung einem "starken Mann" anzuvertrauen. Und Radew strahlt genau das aus: General der Reserve, Ex-Kampfpilot, Ex-Luftwaffenchef. Als er seinen Rücktritt am 19. Januar erklärt hat, sagte er der gesamten politischen Elite in Bulgarien den Kampf an. Er will es jetzt richten.

Was würde das für die politische Ausrichtung des Landes bedeuten? Radew gilt als eher pro-russisch und durchaus auch EU-kritisch. Muss man ihn in eine Reihe stellen mit den EU-kritischen und russlandfreundlichen Ministerpräsidenten Orbán in Ungarn und Fico in der Slowakei?

Das muss man abwarten. Fest steht, dass er die annektierte ukrainische Schwarzmeerhalbinsel Krim zum Beispiel als russisch betrachtet. Als der Termin der Euroeinführung in Bulgarien für Anfang 2026 festgelegt wurde, forderte er ein Referendum darüber, obwohl der Beitritt zur Eurozone im EU-Beitrittsvertrag Bulgariens 2007 festgeschrieben ist.

Bei diversen EU-Gipfeln zur Unterstützung der Ukraine sprach er eher wie Orbán und wiederholte immer wieder, dass die europäischen Waffenlieferungen den Krieg nur unnötig verlängern würden, dass man in eine verlorene Sache investiere und nicht in den Frieden. Eine seiner markantesten Äußerungen war: Kiew wolle den Krieg führen, aber Europa zahle dafür. Und als Wolodymyr Selenskyj 2023 Bulgarien besuchte, sprach Radew nicht von einem Krieg, sondern nur von einem Konflikt.

Erst im Dezember hatten vor allem junge Menschen in Bulgarien massenhaft für faire Neuwahlen demonstriert, ohne Betrug und Stimmenkauf. 150.000 Teilnehmer waren es beispielsweise in der Hauptstadt Sofia. Kann Radew diese Erwartungen erfüllen?

Radev hofft, aus den Massenprotesten Kapital zu schlagen. Er übersieht aber, was auf den Plakaten bei diesen Demos stand: "Radew, lecke dir nicht gierig die Lippen!" Die Massendemonstrationen waren ausgesprochen prowestlich, proeuropäisch und gegen eine Umorientierung und Hinwendung zu Russland gerichtet.

Gleichzeitig muss man im Auge behalten: Diese Proteste waren zwar sehr beeindruckend, dennoch waren die Teilnehmerzahlen weit von einer Mehrheit der Bevölkerung entfernt. In Bulgarien gibt es nach wie vor viele Menschen, vor allem ältere, die sich eine starke Hand wünschen und durchaus bereit sind, Radew zu wählen.

Die absolute Mehrheit schafft er in dieser Gemengelage aber nicht, da sind sich die Meinungsforscher einig. Ich glaube deshalb, dass es von seinen künftigen Koalitionspartnern abhängen wird, wie sich Bulgarien in Zukunft außenpolitisch orientiert.

Wie will Radew konkret vorgehen? Momentan hat er ja noch nicht einmal eine eigene Partei. Bis zu den Wahlen, die voraussichtlich Ende März oder Anfang April abgehalten werden, bleibt ja auch nicht mehr viel Zeit…

So etwas passiert nicht zum ersten Mal in Bulgarien. Bis zu den Wahlen hat Radew keine Zeit für eine Parteigründung und wird deshalb vermutlich eine schon bestehende Formation nutzen. Das ist schon oft in Bulgarien passiert. Manche mutmaßen, dass sich Radew eine Präsidentenrepublik wünscht, denn in seiner Rücktrittserklärung sprach er von einem neuen Gesellschaftsvertrag für Bulgarien, ohne aber genauer zu umreißen, was er damit meint.

Das Interview führte Dörte Hanisch von der Osteuroparedaktion des MDR.

MDR (baz)

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