Inhalt des Artikels:

  • Warum Nato-Truppen im rumänischen Dorf Cincu?
  • Rumänische Ukrainehilfe und ihre Kritiker
  • Kaum Arbeit im Dorf – viel Abwanderung
  • Sicherheit oder Gefahr durch Nato-Soldaten?

Ioan Suciu führt seine Schafherde über die Weide. Er ist einer der wenigen, die in dieser Gegend noch Schafe züchten. Die Tradition ist am Fuße der rumänischen Karpaten Jahrhunderte alt. Nur wenige Meter entfernt rollen hochmoderne französische Panzer vorbei.

Militärkonvois, Schießübungen und das Dröhnen von Kampfhubschraubern sind längst Teil des täglichen Lebens in Cincu, denn am Dorfrand liegt ein wichtiger Nato-Stützpunkt. Für die Schäfer hat die Dorfverwaltung von Cincu durchgesetzt, dass sie ihre Herden auf dem Übungsgelände weiden dürfen, wenn gerade keine Manöver stattfinden. Das hat auch Vorteile für die Militärs, denn so wuchert das riesige Gelände nicht zu.

Warum Nato-Truppen im rumänischen Dorf Cincu?

Cincu ist heute ein strategischer Punkt für die Nato. Auf über 30.000 Hektar trainieren Soldaten aus verschiedenen Nato-Staaten. Nachdem Russland 2022 seine Vollinvasion auf Rumäniens Nachbarland Ukraine begonnen hatte, beschloss die Nato, hier eine multinationale Kampftruppe zu stationieren. Sie soll Russland von einem potenziellen Angriff auf Nato-Gebiet abschrecken und den Ernstfall trainieren.

Für das Manöver "Dacian Fall 2025" verlegte die Nato etwa 5.000 Soldatinnen und Soldaten sowie schweres Militärgerät nach Cincu.Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Nato-Präsenz in Cincu rückt den Krieg in der Ukraine gefühlt noch näher an die Menschen in Rumänien heran. Immer wieder verletzen russische Drohnen den rumänischen Luftraum, gerade am Donaudelta und am Schwarzen Meer.

In Cincu, rund 400 Kilometer vom Donaudelta entfernt, sind Soldaten und Kampftechnik schon lange ein Teil des Alltagsbildes. Der Militärübungsplatz am Dorfrand wurde vor mehr als einhundert Jahren angelegt, seit 2022 nimmt die Zahl der dort stationierten Soldaten wieder zu. Heute leben in Cincu 1.300 Menschen, auf der Nato-Basis sind fast ebenso viele Soldaten stationiert.

Rumänische Ukrainehilfe und ihre Kritiker

Schäfer Suciu stößt das Engagement seines Landes in dem Verteidigungsbündnis sauer auf, gerade wenn er an die Probleme denkt, die Rumänien ohnehin hat: "Die Infrastruktur, Gesundheit, Bildung – alles liegt am Boden. Rumänien liegt buchstäblich am Boden." Gerade die ländlichen Gegenden Rumäniens sind oft vernachlässigt. So haben etwa Arztpraxen immer seltener geöffnet, Schulen und Straßen warten auf Investitionen.

Dass Rumänien nun die Ukraine unterstützt, sorgt bei Schäfer Suciu für Unmut: "Als ob es nicht genügte, dass wir arm sind – ein großer Teil unseres Geldes geht in die Ukraine, in den Krieg. Was haben wir damit zu tun?", fragt er aufgebracht. Tatsächlich liegt Rumänien unter den europäischen Ländern bei der Ukraineunterstützung eher im Mittelfeld. Laut Kieler Institut für Weltwirtschaft lag der Anteil der Ukrainehilfen am Bruttoinlandsprodukt zwischen 2022 und 2024 bei unter einem Prozent.

Sich aus dem Krieg in der Ukraine herauszuhalten, fänden aber offenbar viele Dorfbewohner besser. So entfielen bei den Präsidentschaftswahlen im vergangenen Jahr mehr als sechzig Prozent der Stimmen aus dem Dorf auf den Kandidaten der rechtspopulistischen AUR-Partei. Er sprach sich dafür aus, Rumäniens militärische Hilfen für das Nachbarland zu kürzen.

Kriegsangst wird oft durch Falschinformationen in den sozialen Netzwerken geschürt. Das verbreitete Gefühl vieler Rumänen, wirtschaftlich und sozial abgehängt zu sein, lässt sich gut instrumentalisieren. Die große Unzufriedenheit mit den etablierten Parteien und ihren Korruptionsgeschichten spielt dabei den Rechtspopulisten in die Hände. Über Jahrzehnte verschwanden in Rumänien öffentliche Gelder und EU-Beihilfen, viele Investitionsversprechen wurden nicht eingelöst.

Kaum Arbeit im Dorf – viel Abwanderung

Die Schafzucht rentiert sich für Ioan Suciu kaum noch, das hat jedoch nichts mit dem Nato-Stützpunkt zu tun. Früher hatte Suciu tausend Schafe, heute nur noch halb so viele, rumänisches Lammfleisch und Wolle sind kaum mehr gefragt. Der Schäfer findet auch keine guten Mitarbeiter, so dass er alle Arbeit allein schaffen muss. Seinen Töchtern versucht Suciu auszureden, die Schafzucht einmal zu übernehmen, obwohl sie sich das vorstellen können. Davor, dass seine Töchter auswandern könnten, hat er noch größere Angst. 

Schafzucht im Schatten der Nato-Basis in Cincu.Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ganz ausgeschlossen ist das nicht. Das Dorf verfällt, viele Bewohner zieht es zum Arbeiten ins Ausland. Werbung für Saisonarbeit in Dänemark und Deutschland sieht man auch an der Kneipentür im Dorf. Während sich die Einwohnerzahl von Cincu in den letzten Jahrzehnten halbiert hat, wuchs die Zahl der Soldaten in den letzten vier Jahren aber stetig. Einen wirtschaftlichen Aufschwung hat die Nato-Basis dem Dorf allerdings nicht beschert. Nur wenige der Dorfbewohner verdanken ihr Einkommen dem Militärstützpunkt, etwa, weil sie dort Handwerksarbeiten erledigen.

Sicherheit oder Gefahr durch Nato-Soldaten?

Brigitte Boghian kümmert sich um die Kirche im Dorf. Die Wehrkirche aus dem 13. Jahrhundert wurde von den deutschsprachigen Siebenbürger Sachsen erbaut und diente damals auch zur Verteidigung gegen die Osmanen und Tataren. Boghian ist heue als Kirchenvorsteherin dafür zuständig, die Glocken zu läuten. Eine stammt aus dem Jahr 1512. Mit ihr wurden die Bewohner von Cincu schon vor Jahrhunderten auch vor Gefahren gewarnt. Heute ist Rumänien mit seiner Nähe zum Ukraine-Krieg für die Nato geopolitisch wichtig geworden. Cincu entwickelt sich so zu einem Drehpunkt der Nato-Verteidigung in Osteuropa.

Die Kirchenvorsteherin Brigitte Boghian führt oft Gäste durch die Wehrkirche von Cincu.Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

An die multinationale Nato-Kampfgruppe in Cincu hat sich die Kirchenvorsteherin gewöhnt. Auch an den Lärm von Explosionen und die Panzer in der Umgebung des Dorfes: "Sie haben immer dafür gesorgt, dass das Dorf keine Probleme wegen der Übungen hat. Und ich hoffe, dass nichts mit uns passiert. Ich möchte nicht glauben, dass ein Krieg kommt. Ich möchte glauben, dass wir in Sicherheit sind."

Schäfer Ioan Suciu ist sich unsicher: "Einerseits denkst du, wenn etwas beginnt, sind wir hier im Nachteil, exponiert wegen der NATO-Basis. Andererseits: Gut, dass sie da sind, vielleicht schützen sie uns. Wir sind irgendwie in der Mitte gefangen."

MDR (usc)

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