Die Herrlichkeit Gottes wird im Berliner Galerienviertel selten verkündet. Doch nun strahlt sie in sakraler Wucht aus einem Schaufenster Ecke Große Hamburger Straße und Auguststraße. Passanten können kaum an der großen Glasscheibe der Galerie Schwind vorbeigehen, ohne vom Abglanz eines altmeisterlich gemalten Bildes aufgehalten zu werden – unerwartet hier, wo die zeitgenössische Kunst zu Hause ist.
Der Blick wird angezogen vom golddurchwirkten Ornament eines kostbaren Stoffs, vom Schein einer perlenbesetzten Aureole vor tiefschwarzem Grund, von anatomisch exakten Darstellungen abgetrennter Vogelschwingen, von zwei Eulen, von denen die eine zum Landeanflug ansetzt, während die andere den Betrachter fixiert.
„Doxa“ heißt das großformatige Gemälde und verweist damit auf den griechischen Begriff dessen, was im Lateinischen mit „Gloria“ gefasst wird: Ruhm, Ehre und Herrlichkeit Gottes. Pompöse Mystik gehört dazu, wenn sich Michael Triegel des Themas annimmt. Triegel ist kein alter Meister, sondern Jahrgang 1968, geboren in Erfurt, aufgewachsen in Weimar, ausgebildet an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig – wo man diese technisch äußerst versierte Art der Malerei zu Beginn der 1990er-Jahre noch lernen konnte.
Triegel ist ein zeitgenössischer Maler, auch das Porträt der Verlegerin Friede Springer in der Berliner Ehrenbürger-Galerie hat er gemalt, doch seine Inspiration schöpft er weniger aus der Moderne als aus der Renaissance – und aus dem „Schein der Dinge“, in dem das Göttliche sichtbar werde.
Vor dekorativ geworfenen Falten eines roten Stoffs sitzt ein nackter, gleichsam in sich zusammengefalteter Mann mittleren Alters und blickt demütig fragend ins Licht. Neben ihm ein menschlicher Schädel als Vanitas-Symbol. Überschrieben ist das Bild mit der Inschrift „Numquid frustra timet Iob Deum“ („Geschieht es ohne Grund, dass Hiob Gott fürchtet?“), entnommen dem biblischen Buch Hiob, aus der Konversation Gottes mit Satan. Im Gesicht des „Hiob“, wie auch das Gemälde heißt, lassen sich die Züge des Malers erkennen.
Mit seinem realistischen, allegorischen und häufig von Porträts und Selbstporträts durchsetzten Stil hat sich Michael Triegel früh für klerikale Aufträge empfohlen. 2005 erhielt er von einer evangelischen Kirchengemeinde im Weserbergland den Auftrag, einen Flügelaltar für eine Dorfkirche zu gestalten. Triegel malte ein Jüngstes Gericht – mit sich selbst als Christus. Breitere Bekanntheit erlangte er zu Beginn der 2010er-Jahre mit zwei Porträts von Benedikt XVI. und galt fortan als „Papstmaler“, was ihm, wie er einmal sagte, „auf den Geist“ ging.
„Für mich war klar: Wenn ich mich taufen lasse, dann katholisch“, sagt Triegel im Dokumentarfilm „Triegel trifft Cranach – Malen im Widerstreit der Zeiten“, der im Kino läuft. „Im Glauben suche ich das Geheimnis, den Zauber, auch die Ästhetik.“ Der Film gibt tiefe Einblicke in Triegels Arbeitsprozess. Und ist die Chronik seines bislang größten Projekts – das sich zu einer kulturpolitischen Posse auswuchs.
Touristisch wie symbolisch bedeutsam
2020 bekam Triegel den Auftrag, die im Bildersturm der Reformation zerstörten Teile des Marienaltars im Naumburger Dom neu zu gestalten. 1541 war der von Lucas Cranach dem Älteren geschaffene Altar von lutherisch aufgestachelten Handwerksgesellen beschädigt worden: Die Mitteltafel wurde herausgerissen, nur die Seitenflügel sind erhalten. Über das Hauptbild ist kaum mehr bekannt, als dass es Maria mit Heiligen zeigte.
Triegel orientierte sich an Cranach und komponierte das Motiv neu. Er porträtierte seine Tochter Elisabeth als Maria, die das Jesuskind als Neugeborenes, nicht „als Raffael-Putte“ präsentiert. Die Heiligen, deren Köpfe sich hinter einem Tuch zeigen, das Maria zur Schutzmantelmadonna macht, sind ebenso veristisch dargestellt. Versammelt ist eine illustre Gesellschaft, „Menschen von heute“, wie Triegel sagt: ein römischer Bettler, ein Jerusalemer Rabbi, ein dunkelhäutiger Junge, aber auch der evangelische Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer. Triegels Frau Christine Salzmann erscheint gleich zweimal. Doch die psychologisch interessante „Sacra conversazione“ geriet zur „Sacra provocazione“.
Kaum war der imposante Flügelaltar – ergänzt durch eine Triegel’sche Auferstehungsszene auf der Rückseite und die erhaltenen Seitentafeln von Cranach – im Westchor des gotischen Doms wieder aufgestellt, meldete sich der Denkmalschutz. Kurz vor der Einweihung im Juni 2022 äußerte das Gremium, das die Unesco in Fragen des Weltkulturerbes berät, Bedenken; der Altar störe die Blickachsen in einem „Meisterwerk menschlicher Schöpferkraft“.
Gemeint war offenbar der Blick der berühmten Stifterfigur der Uta von Naumburg aus der Mitte des 13. Jahrhunderts, die sich mit hochgezogenem Mantelkragen an einem Chorpfeiler verbirgt. Seit 2018 zählt der Dom zum Weltkulturerbe – für Naumburg touristisch wie symbolisch bedeutsam.
Pflichtschuldig, aber gegen den Willen der Gemeinde, wurde der Cranach-Triegel-Altar wieder abgebaut, ging auf Ausstellungstournee, wurde 2025 kurzzeitig erneut installiert und trotz Protesten auch der evangelischen Landeskirche abermals ins Exil geschickt. Derzeit befindet er sich im Vatikan. Die Aberkennung des Welterbes steht im Raum. Im Film ist spürbar, wie sehr Triegel diese Situation belastet.
Kunst muss Widersprüche zeigen
Der Streit ist umso grotesker, als er vermutlich nicht ausgebrochen wäre, wäre etwa die originale Cranach-Maria wieder aufgetaucht oder hätte originalgetreu rekonstruiert werden können. Wer hätte Cranach gegen den unbekannten Meister der Uta ausspielen wollen? Bei einer zeitgenössischen Neuinterpretation maßt sich die Unesco jedoch Kunstkritik an.
Bei Schwind sind mehrere Arbeiten zu sehen, die im Kontext des Naumburger Projekts stehen. Eine Druckgrafik zeigt Triegels Tochter als leicht frustriert blickende „Naumburger Maria“. Der Junge mit der Büßerkapuze, einer der Heiligen auf dem Altarbild, schaut beinahe empört. Triegel hat ihn bei einer Karfreitagsprozession auf der italienischen Insel Procida beobachtet. Diese Mischung aus traditioneller Volksfrömmigkeit und gegenwärtiger Festlichkeit, dieses „visuelle Geheimnis, das sich nie ganz enthüllen wird“, fasziniere ihn, erklärt er im Film.
„Es ist die Aufgabe von Kunst, den Menschen zu zeigen, dass es Widersprüche gibt, die nicht auflösbar sind“, sagt Triegel unter dem Eindruck der religiösen Pracht Süditaliens. Manche Betrachter fühlen sich herausgefordert, wenn ein Gegenwartskünstler sich altmeisterlicher Feinmalerei hingibt, Blumen und Früchte in zugleich fotorealistischer und historisierender Manier mit Eitemperafarbe auf echtem Pergament anrichtet, renaissancehafte Auferstehungstriptychen mit Anspielungen auf Surrealismus und Neue Sachlichkeit garniert.
Ein letzter Blick auf „Doxa“. Der herrliche Goldbrokatmantel unter dem überraschend kopflosen Heiligenschein lenkt beinahe davon ab, dass im Zentrum des Bildes ein kleiner Sperling flattert – Sinnbild des Psychopompos, des Seelenführers. Der Sperling steht für Gottvertrauen, ist aber auch der Vogel, den der Teufel schickt, wenn er jemanden ärgern will.
Michael Triegels symbolistischer Psychopomp wird in der Galerie Schwind zu Preisen vom niedrigen fünfstelligen bis in den niedrigen sechsstelligen Eurobereich angeboten. Sein Marienaltar war ein Geschenk der Naumburger Domgemeinde an die Öffentlichkeit und hat seinen Platz im Westchor, ob es die Unesco versteht oder nicht.
„Michael Triegel. Neue Arbeiten“, bis zum 21. März, Galerie Schwind, Berlin; der Film „Triegel trifft Cranach - Malen im Widerstreit der Zeiten“ läuft im Kino
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