Ein Septembertag im Jahr 2002. Die Stimmung an diesem Ort war gedrückt. Man konnte schon an den Gesichtern der meisten Menschen hier ablesen, dass sie sich Sorgen machten. Niemand wusste, was genau auf ihn zukommen würde. Die Naval Station Rota, die größte US-Militärbasis in Spanien, genau ein Jahr nach dem Anschlag auf das World Trade Center. Die Soldaten hier hatten nur wenige Tage Aufenthalt, bevor sie in die Kampfgebiete weitertransportiert wurden. Für die meisten ging es nach Afghanistan.

Doch an diesem Wochenende hatten sie und ihre Angehörigen gehofft, zumindest einen Abend durchatmen zu können. 3 Doors Down hatten ein exklusives Open-Air-Konzert auf dem Gelände angekündigt, Tausende Tickets waren verkauft. Bei der Band handelte es sich um eine der erfolgreichsten US-Alternative-Bands der Stunde, ihr erstes Album „The Better Life“ war vor zwei Jahren auf den Markt gekommen und hatte sich bereits millionenfach verkauft. Doch dann kam der Ausnahmezustand.

Eine Anschlagsdrohung auf die Basis. Es herrschte noch immer Post-9/11-Angst und die Sicherheitswarnung sorgte dafür, dass das Konzert abgesagt werden musste. Doch die Band wollte spielen. Um jeden Preis. Sie einigten sich mit dem Sicherheitspersonal, das Konzert in den engen, spartanischen Bankettsaal des Stützpunktes zu verlegen, wo normalerweise offizielle Empfänge stattfanden. Nun drängten sich knapp 500 Soldaten Schulter an Schulter in einer drückenden Hitze aneinander, mehr konnte der Saal nicht aufnehmen.

Es war heiß und stickig, und die Stimmung war auf einmal noch angespannter als schon die Tage zuvor. Doch als Brad Arnold die improvisierte Bühne betrat und das Mikrofon ergriff, löste sich plötzlich alles. Schnell wurde den Soldaten klar: Da stand kein Rockstar im Saal, der vor seinen Fans spielte, sondern ein Freund aus Mississippi, der verstand, was es bedeutete, weit weg von zu Hause zu sein.

Er sang Songs, die von Unsicherheit, von Angst, von der Suche nach einem Sinn im Leben handelten. Von der eigenen Schwäche, den eigenen Dämonen, die einen treiben. Aber er sang auch Songs, die Durchhalteparolen waren, die zeigten, dass nach der Dunkelheit auch immer wieder ein Licht kommen würde. Und nach dem Konzert zog er mit den Soldaten noch durch die Bars.

Keine Platin-Rockstars, die Stimme der einfachen Menschen

Noch heute sprechen die, die dabei waren, von einem ganz besonderen Erlebnis, von einem prägenden Moment. Die Musik der Band sollte zu ihrem Soundtrack werden. „Here Without You“ zu einer Hymne ihrer Einsamkeit und Zweifel. Es war dieser Moment in Rota, der das Vermächtnis von 3 Doors Down zementierte und zeigte, wofür Brad Arnold und seine Band wirklich standen. Sie waren nicht einfach nur Platin-Rockstars, sie waren zuallererst die Stimme der einfachen Menschen.

Nun ist diese Stimme verstummt. Brad Arnold ist am Samstag im Alter von 47 Jahren gestorben. Bis zuletzt glaubte der Sänger noch, dass ein Wunder geschehen würde. Vergangenes Jahr hatte er seine Nierenkrebs-Erkrankung öffentlich gemacht. Er habe keine Angst, hatte er damals gesagt, denn auch wenn es gerade nicht gut aussehen würde, glaube und vertraue er auf Gott. Auch das war bezeichnend für Arnold. God, Guns, Guitars, das war so etwa der Dreiklang, in dem vor allem Kritiker den Wertekanon von 3 Doors Down verorteten.

3 Doors Down waren der zu einer Band geformte Spirit des US-amerikanischen Kernlandes. Arnold ein Junge aus den Südstaaten, der so ziemlich jedem Klischee entsprach, dass man über die Jungs aus den Südstaaten so hatte. Und er war stolz darauf. Er stammte aus Escatawpa, Mississippi, einer kleinen, ländlichen Arbeiterstadt im tiefen Süden der USA. Seine Herkunft prägte den Sound und die Identität der Band massiv. Arnold wuchs in einem Umfeld auf, in dem Glaube, Familie und harte Arbeit den Alltag bestimmten – und das formte auch seine Musik.

Sie wollten nie Teil einer Szene sein

3 Doors Down waren Vertreter des Post-Grunge, einem in der Szene eher verhassten, im Mainstream aber durchaus populären Genre um Bands wie Creed, Puddle Of Mudd oder Nickelback. Post-Grunge hatte sich als musikalischer Nachfolger des 1990er-Jahre Seattle-Sounds geformt, man orientierte sich zwar zunächst optisch und auch musikalisch an Bands wie Nirvana, Alice In Chains oder Soundgarden, distanzierte sich aber von den Codes der ehemaligen Subkultur. Man versuchte stattdessen den Sound noch mehr in den Mainstream zu tragen.

Einige Bands verwiesen immer wieder auf ihre eigenen Punk-Wurzeln und beharrten darauf, dass sie doch ein legitimer Teil des alternativen Spektrums waren. 3 Doors Down taten das nicht. Es war ihnen egal, sie wollten nie Teil einer Szene sein, sie wollten einfach die Musik machen, die ihnen gefiel. Und die viele Menschen erreichte. Menschen, die so waren, wie sie, die die alltäglichen Probleme aus der Provinz kannten, sie wollten den hard-working man ansprechen, den ganz normalen Menschen. Das machte die Band bei den Massen so populär und in der Szene so verhasst.

Dabei war der Sound der Band ein außergewöhnlich gut produzierter Alternative-Rock, der genauso im schäbigen Punk-Club, wie auch im Radio funktionierte. Er hatte Ecken und Kanten, aber die waren so abgeschliffen, dass sich niemand daran verletzten konnten. 3 Doors Down waren Gratwanderer zwischen einem alternativen Gitarrensound und dem Lebensgefühl des Mainstreams. Mit ihrer ersten Single „Kryptonite“ gelang ihnen der Durchbruch, ein Song, der die Frage behandelte, wie groß die Loyalität der Menschen auch im Moment der eigenen Schwäche noch ist, gerade dann, wenn von einem nach Außen hin Stärke erwartet wird. Ein Gefühl, mit dem die Soldaten in Rota sich ohne Frage identifizieren konnten.

Anfeindungen, weil sie für Trump spielten

Als die Band im Jahr 2017 bei der ersten Inauguration von Donald Trump spielte, wurde sie öffentlich massiv angefeindet, doch im Selbstverständnis von Arnold war der Schritt nur logisch, er habe nicht für Trump, sondern für Amerika und die Menschen, die Trump gewählt hätten, gespielt. Das war sein Verständnis von Patriotismus. Der Auftritt untermauerte das Image der Band als eine Gruppe, die sich weniger als Teil der liberalen Musikindustrie von Los Angeles sah, sondern als Stimme der Arbeiterklasse und des ländlichen Amerikas. Der zweite Song, den sie an diesem Abend spielten war „When I’m Gone“, dort heißt es:

So hold me when I'm here / right me when I'm wrong / Hold me when I'm scared / and love me when I'm gone

Am Samstag ist Brad Arnold seinem Krebsleiden erlegen. In seiner Musik wird er weiterleben. Weil seine Musik es war, die vielen Menschen in schweren Situationen den Mut gemacht hat, genau das zu tun: Weiterzuleben. Dafür wird man ihn und seine Stimme auch über seinen Tod hinaus noch lieben. Ganz so, wie er sich das erhofft hatte.

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