Kateřina Kejzlarová wartet an der Straßenbahnhaltestelle Národní třída. Ein paar Schritte vom Nationaltheater entfernt, mitten in dem Prag, das man von Postkarten kennt. Während ringsherum die Touristen schlendern, bereitet sie sich auf den Arbeitstag vor: Takt, Fahrplan, Routine. Auf die Minute pünktlich rollt die Bahn ein. Für die Straßenbahnfahrerin ist das der Moment, in dem ihre Schicht beginnt, sie wechselt eine Kollegin im Führerstand ab.
Ihr Arbeitsplatz heute ist die Tatra T3: rot und cremefarben, rundlich-kantig, vertraut. Und noch ein wenig altmodischer als üblich, denn heute fährt Kejzlarová die Retro-Linie 23, den Prager "Straßenbahnhimmel" – hier werden T3-Wagen der ersten, bereits vor zehn Jahren aus dem regulären Linienverkehr ausgemusterten Generation eingesetzt, mit ikonischen Bakelit-Sitzen und Blechschildern statt Fahrplan-Displays.
Die Linie 23 ist bei Touristen besonders beliebt – nicht nur, weil sie zur Prager Burg hinauffährt, sondern auch, weil sie weitgehend originalbelassen ist.Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNKTouristen bewundern das stylishe Sechziger-Jahre Ambiente, und Prager genießen einen Hauch Vergangenheit auf dem Weg durch die schönsten Ecken der Stadt, hinauf zur Prager Burg. Bei der Fahrt über die Moldau wandert der Blick hinüber zur Karlsbrücke und immer wieder auch zu anderen T3-Bahnen, die entgegenkommen. Denn ob Retro-Linie oder nicht: Die T3 ist in Prag auch nach sechs Jahrzehnten im Dienst keine Museumsbahn, sondern Alltag.
Dass gerade junge Mütter die alte T3 oft nicht mögen, weiß Kejzlarová aus Erfahrung. Zu umständlich sei das Heben des Kinderwagens, zu steil die Stufen, zu eng der Einstieg. Viele warten lieber auf die nächste moderne Niederflurstraßenbahn, die meist schon kurz darauf folgt. Auch für Senioren ist der Aufstieg über die hohen Stufen manchmal eine kleine Qual – und zugleich, sagt mancher im Scherz, eine kostenlose Portion Bewegung, die die Prager Verkehrsbetriebe hier mitliefern.
Auch Kejzlarová selbst fährt lieber modern. Die neuen Bahnen nehmen den Fahrern Arbeit ab. Computer berechnen anhand der Fahrgastzahl und des Gewichts, wie stark beschleunigt und gebremst werden muss – so sanft, dass es kaum jemand bemerkt. Im Sommer gibt es eine Klimaanlage, im Winter gleichmäßige Wärme – Komfort, der den Alltag leichter macht.
Straßenbahnfahrerin Kateřina Kejzlarová fährt eigentlich lieber moderne Bahnen, weil die Technik ihr dort viel Arbeit abnimmt.Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNKDie alte T3 kann das alles nicht. Sie hat keinen Bordcomputer, keine Assistenzsysteme, keine digitale Feinsteuerung. Und genau das macht sie, paradoxerweise, bis heute so wirtschaftlich, denn weniger Elektronik bedeutet weniger Reparaturen. Die Technik ist überschaubar, robust und leicht zu warten. Moderne Bahnen tragen mehr Gewicht mit sich – durch die aufwändigere Niederflur-Konstruktion, aber auch, weil sie mit Zusatzsystemen vollgeladen sind: Klimatisierung, Dämmung, Technik. Die T3 ist dagegen leicht. Kühlung? Prag kennt den Klassiker: Fenster auf. Funktioniert seit Jahrzehnten.
Die Tatra T3 gilt als eine der meistgebauten Straßenbahnen der Welt. Über 14.000 Wagen haben praktisch den gesamten Ostblock bewegt. Warum die Stadt an dieser Ikone festhält, erklärt Robert Mara, Leiter des Archivs der Prager Verkehrsbetriebe, mit nüchternen Zahlen. Seit 1962 fährt die Tatra T3 ohne Unterbrechung durch Prag. Heute sind modernisierte Varianten am häufigsten auf den Schienen anzutreffen – entstanden ab 2001 in einem langfristigen Erneuerungsprogramm. Alte Wagen wurden ausgemustert, andere grundlegend überholt, neue Technik dort eingebaut, wo sie sinnvoll ist.
Straßenbahn der Linie 23 in den Prager StraßenBildrechte: IMAGO / VWPicsDas Ergebnis: Noch immer stellt die T3 rund ein Drittel der Prager Straßenbahnflotte. In absoluten Zahlen sind es knapp 300 Hochflurwagen sowie weitere 80 modernisierte, teilniederflurige Varianten. Mit den klassischen Hochflur-T3 rechnet der Betreiber noch weitere zehn bis 15 Jahre, die teilniederflurigen Versionen sollen sogar bis zu einem Vierteljahrhundert weiter fahren.
Ein entscheidender Faktor ist das Gewicht. Nach der Modernisierung bringt eine T3-Doppelzug rund 32 Tonnen auf die Waage. Moderne Niederflurstraßenbahnen kommen schnell auf 45 Tonnen. Weniger Masse bedeutet weniger Energieverbrauch. Zwar verfügen neue Fahrzeuge über Rückgewinnungssysteme beim Bremsen – doch trotz Rekuperation bleibt die Rechnung eindeutig: Moderne Technik bringt Gewicht. Und Gewicht kostet Strom.
Größenvergleich: Die kleineren Tatra-Bahnen sind leichter, einfacher im Unterhalt und verbrauchen weniger Strom als modernen Schienenfahrzeuge.Bildrechte: IMAGO / Zoonar"Paradoxerweise gehören die modernisierten T3 heute zu den energiesparendsten Fahrzeugen im gesamten Prager Straßenbahnnetz", sagt Mara. Hinzu kommen sehr lange Wartungsintervalle. Zwischen zwei großen Überholungen können die Wagen bis zu 1,5 Millionen Kilometer zurücklegen. Und selbst danach ist noch lange nicht Schluss: Die Wagenkästen sind so robust gebaut, dass sie immer wieder erneuert werden können.
So bleibt die Tatra T3 Teil des Prager Alltags. Sie fährt nicht im Museum, sondern im Berufsverkehr. Sie bringt Touristen zur Burg und Pendler nach Hause. Im Nachtverkehr kommt ausschließlich die T3 zum Einsatz, die die raue Behandlung durch Partypeople und Nachtschwärmer klaglos wegsteckt. Manche Straßenbanhnfahrer lieben sie, andere bevorzugen die moderne Version. Und auch die Fahrgäste sind geteilter Meinung.
Tatra-Straßenbahnen des Typs T3 werden noch zwei Jahrzehnte lang nicht aus dem Prager Stadtbild verschwinden.Bildrechte: IMAGO/DepositphotosDoch während in vielen ostdeutschen Städten alte Tatra-Straßenbahnen ausgemustert werden, entscheidet sich Prag bewusst für das Weiterfahren – nur auf der Linie 23 geht es dabei um Nostalgie, auf den anderen Linien ist es eine Frage der wirtschaftlichen Vernunft. Weil es sich rechnet. Weil der Austausch in längeren Zyklen erfolgt. Und vielleicht auch, weil es manchmal gut ist, nicht alles zu verändern. Erst recht bei der T3, die hohen Wiedererkennungswert hat: Wenn sich die rote Bahn singend durch die Kurven schlängelt, hinauf zur Burg, dann ist das mehr als ein Verkehrsgeräusch – es ist der Sound der Stadt.
MDR (baz)
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