Inhalt des Artikels:

  • Entscheidung bis zu den Sommerferien
  • "Universelle braune Soße" für Generationen von Kindern
  • Ist gesundes Essen teurer?
  • Die Bedeutung gesunder Ernährung

In Tschechien ist ein regelrechter Kulturkampf um das Essen in den Schulkantinen entbrannt. Die bis Mitte Dezember 2025 amtierende Regierung plante, dass dort reichhaltigere und gesündere Kost angeboten werden sollte, etwa mehr Gemüse und weniger Süßes oder Vorgefertigtes. "Das kommt nicht in Frage!", wetterte der damalige Oppositionsführer Andrej Babiš während des Wahlkampfs und versprach, alles wieder rückgängig zu machen, sollte er die Wahl gewinnen. Dabei schreckte er nicht davor zurück, offenkundige Fake-News zu verbreiten: Angeblich sollte Fleisch aus dem Schulessen verbannt und die Kinder zu Vegetariern umerzogen werden.

Seit Babiš Regierungchef geworden ist, ist er ein wenig zurückgerudert. Dennoch sind ihm die Änderungen ein Dorn im Auge. Daher will er die Diskussion noch einmal aufmachen. Dazu soll in den kommenden Wochen ein Runder Tisch einberufen werden, an dem Experten, die zuständigen Ministerien und die Hersteller des Essens für die Schulkantinen teilnehmen sollen. Auch der Premier höchstpersönlich hat seine Anwesenheit angekündigt, womit dieses Thema wohl endgültig zur Chef-Sache geworden ist. Was dabei am Ende herauskommen soll, lässt Babiš indes offen.

Entscheidung bis zu den Sommerferien

Die Zeit drängt, denn bis zum Beginn der Sommerferien, d.h. bis Ende Juni 2026, muss das Ganze entschieden sein. Schließlich brauchen die Schulen Planungssicherheit und müssen wissen, was sie zum 1. September 2026, wenn der Unterricht wieder beginnt, anders machen sollen.

Mehr frische Zutaten, weniger vorgefertigte Produkte im Schulessen: Das wollte die letzte Regierung durchsetzen. (Symbolbild) Bildrechte: IMAGO / Westend61

Die zuständigen Ministerien für Bildung und Gesundheit bleiben auf Anfrage des MDR jedenfalls im Ungefähren, was das weitere Schicksal der bereits beschlossenen Schulküchen-Verordnung angeht. "Gegenwärtig läuft in ausgewählten Kantinen ein Pilotprojekt. Das Feedback der Küchen-Teams sollte in absehbarer Zeit zeigen, ob es möglich ist, anhand dieser neuen Verordnung zu kochen und wie die Reaktionen von Seiten der Schülerinnen und Schüler ist", steht in einem offiziellen Statement des tschechischen Bildungsministeriums, welches dem MDR auf Anfrage zugeschickt wurde.

Die Kollegen vom Gesundheitsministerium sind ebenfalls wenig konkret und wollen den Ergebnissen des geplanten Runden Tisches nicht vorgreifen. "Das gemeinsame Ziel besteht darin, dass die weitere Vorgehensweise auf fachlichen und sachlichen Argumenten basiert und gleichzeitig die Erkenntnisse aus der Praxis berücksichtigt", sagte eine Pressesprecherin des Gesundheitsministeriums dem MDR. "Alle Beteiligten haben als Ziel definiert, dass die endgültige Ausgestaltung der Verordnung für die Gesundheit der Kinder wie auch für die ganze Gesellschaft wirklich von Nutzen ist."

"Universelle braune Soße" für Generationen von Kindern

Dass sich beim kulinarischen Angebot der Schulkantinen etwas ändern muss, zweifeln nur die wenigsten Tschechen an. Vielen, die in den vergangenen Jahrzehnten schulpflichtig waren und in den "Genuss" des Kantinenessens kamen, ist noch das Kürzel "UHO" bekannt. Ins Deutsche übersetzt steht das für "universelle braune Soße" (Univerzální Hnědá Omáčka), womit zum Ausdruck kommen sollte, dass jede Mahlzeit irgendwie gleich ausgesehen hat und in der Regel mit einer undefinierbaren braunen Soße übergossen wurde. Darunter fanden sich dann oft Fertigknödel, Rouladen mit Instant-Kartoffelbrei oder Nudeln.

Doch damit sollte eigentlich in Zukunft Schluss sein. Der Plan ist, dass die tschechischen Schulkantinen ihr Angebot auf gesündere und schmackhaftere Kost umstellen. Dazu gehört, dass sie den Anteil von frischen Zutaten erhöhen, und zwar auf Kosten von zum Beispiel vorgefertigten, tiefgekühlten Produkten. Das soll im Großen und Ganzen dazu führen, den Anteil von Salz und Zucker im Schulessen zu reduzieren. Der Anteil von Gemüse soll derweil kräftig ansteigen.

Ist gesundes Essen teurer?

Ein wichtiges Argument der Gegner jeglicher Änderungen ist die Kostenfrage. Sie behaupten, gesünderes und reichhaltigeres Essen in den Schulkantinen müsse automatisch auch wesentlich mehr kosten. Gegenwärtig zahlen Eltern fürs Schulessen rund 35 Kronen (ca. 1,40 Euro) pro Mahlzeit. Diese Summe bemisst sich aus dem Einkaufspreis für die Lebensmittel, die auf die Eltern umgelegt werden. Die Kosten für Energie und Personal trägt ohnehin der Staat. Experten zufolge muss aber gesünderes Essen nicht notgedrungen teurer sein.

Die Kantine kann ein trister Ort sein, wenn es immer nur "universelle braune Soße" gibt. (Symbolbild)Bildrechte: IMAGO / Funke Foto Services

Aber natürlich geht es beim Schulkantinen-Essen nicht nur um Preis, Qualität oder Nährwert. Essen habe auch eine starke soziale Komponente, erläutert Ernährungsexperte Tomáš Václavík im Gespräch mit dem MDR und beklagt, dass es an Wertschätzung dafür fehle: "Da wir in einer Zeit des Überflusses leben, sind sich manche Eltern, Politiker und einige staatliche Stellen nicht dessen bewusst, wie wichtig das Schulessen im Allgemeinen ist. Sie verstehen nicht dessen soziale Rolle, die Wichtigkeit für die Bildung, aber auch die potenziellen Vorteile für lokale Landwirte, wie auch die Rolle von Schulkantinen bei der Aneignung von Grundmustern bei der Ernährung."

So würden gerade Kinder aus armutsbetroffenen oder bildungsfernen Haushalten oft die schlechten Ernährungsgewohnheiten ihrer Eltern übernehmen, wenn die Schulen den Wert gesunder Ernährung nicht vermitteln, so der Experte.

Die Bedeutung gesunder Ernährung

Zudem gehe es darum, so Václavík, auch bei den Kindern ein Bewusstsein dafür zu schärfen, wo das Essen in ihrer Schule herkomme und wie es hergestellt wird. Václavík leitet den Verein "Skutečně zdravá škola", was sich am ehesten mit "Eine wirklich gesunde Schule" übersetzen ließe. Interessierten Schulen werden Hilfestellungen angeboten, wie sie Kindern beibringen können, wie genau Lebensmittel hergestellt werden und wie viel Arbeit vom Bauernhof bis zur Kantine in ihrem Mittagessen steckt. So soll ihnen Wertschätzung vermittelt werden.

Zudem wird den Schulen eine fachliche Beratung angeboten, wie sie das Essen in den Schulkantinen zum Besseren verändern können, etwa durch Kurse und Workshops für die Küchenangestellten. Am Programm, das es seit mehr als zehn Jahren gibt, beteiligen sich mittlerweile an die 500 Bildungseinrichtungen, in der Regel Kindergärten oder Grundschulen. Das ist angesichts der mehr als 8.000 Schulkantinen in ganz Tschechien eine eher vernachlässigbare Zahl.

Václavík glaubt daher auch, dass das Potenzial für Veränderungen sehr groß ist. In den vergangenen dreißig Jahren sei in den Schulkantinen in der Regel alles beim Alten geblieben. Praktisch zwei Generationen an Köchinnen und Köchen seien immer noch auf den gleichen eingefahren Wegen unterwegs.

Ob sich da in naher Zukunft etwas ändern wird, ist indes fraglich. Die Debatte hat gezeigt, dass die traditionellen Hersteller von Schulessen eine starke Lobby haben und das gute Geschäft nicht einfach aufgeben wollen. Viele dieser Unternehmen sehen im Regierungschef einen natürlichen Verbündeten. Der Grund: Unternehmen aus Babiš' Agrofert-Holding sind in vielen Bereichen der Landwirtschafts- und Lebensmittelproduktion im Land führend. Um Interessenkonflikte zu vermeiden, hatte Babiš vor seinem Amtsantritt angekündigt, Agrofert in einen Treuhandfonds übertragen zu wollen, wie es das Gesetz verlangt. Bisher ist dies aber noch nicht erfolgt.

MDR (tvm)

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