In der Silvesternacht ist es im Schweizer Skiort Crans-Montana zu einer schweren Brandkatastrophe gekommen. In der Bar Le Constellation brach kurz nach Mitternacht ein Feuer aus, das sich offenbar innerhalb von Sekunden ausbreitete. Rund 40 Menschen kamen ums Leben, mehr als 100 wurden laut Medienberichten verletzt, viele von ihnen schwer.

Während die Schweiz trauert, bangen viele Angehörige noch immer in Ungewissheit. Denn die Identifizierung der Toten ist komplex und nimmt viel Zeit in Anspruch, unter anderem, weil vermutlich Opfer aus mehreren Ländern betroffen sind. Warum dieser Prozess so langwierig ist, hat uns Dirk Labudde, Professor für Forensik und Bioinformatik an der Hochschule Mittweida, im Interview erklärt.

MDR WISSEN: In den Berichten zu dem Unglück in Crans-Montana wird beschrieben, dass die Identifizierung der Todesopfer sehr langwierig ist. Woran liegt das? Ein DNA-Abgleich müsste doch eigentlich relativ schnell gehen.

Prof. Dirk Labudde, digitaler Forensiker, Hochschule MittweidaBildrechte: MDR / Hochschule Mittweida

Dirk Labudde:
Der entscheidende Punkt ist das Vergleichsmaterial. Natürlich kann man aus noch vorhandenem auswertbarem Material, also zum Beispiel Knochen, Gewebe oder Haarwurzeln, DNA entnehmen. Das ist das eine. Aber niemand weiß ja eigentlich, wer zu diesem Zeitpunkt wirklich in dieser Location war. Also muss man erst einmal klären: Wer war da? Wer kann sich erinnern, wer links oder rechts saß? Woher kamen diese Personen? Wen könnte man fragen?

Gerade bei solchen Massenkatastrophen ist das große Problem, dass jede einzelne Person identifiziert werden muss. Ein DNA-Profil ist relativ schnell erstellt, wenn eine Probe da ist. Aber ich muss ja wissen, mit wem ich dieses Profil vergleichen soll.

Das heißt, das eigentliche Problem ist weniger die Analyse selbst, sondern die Zuordnung?

Genau. Wenn man sich zum Beispiel Flugzeugunglücke anschaut: Da wundert man sich ja oft, warum man so streng auf seinem Platz bleiben soll. Das hat genau diesen Grund. Es gibt ein Ticket mit Namen und Platznummer. Im Ernstfall erleichtert das die spätere Identifizierung erheblich. In einer Bar oder in einer solchen Location hat man das eben nicht. Da gibt es keine Liste, keine festen Plätze, keine Dokumentation, wer wirklich da war.

Neben DNA ist auch von Zahnunterlagen die Rede. Welche Rolle spielt der Zahnstatus heute noch bei der Identifizierung?

Die Frage ist immer: Wie viel auswertbares Material finde ich überhaupt? Bei Brandleichen kann man das im Vorfeld nicht einschätzen. Aber bei etwa 40 Todesopfern kann man zumindest davon ausgehen, dass der Zahnstatus häufig noch verwertbar ist. Deshalb nutzt man den Zahnvergleich auch heute noch. Solange das funktioniert, ist das ein sehr gängiges und sicheres Verfahren.  Auch bei den Tsunamis Anfang der 2000er-Jahre wurde aus Sicherheitsgründen sehr stark über den Zahnstatus identifiziert. DNA kommt ergänzend dazu, aber das dauert alles.

Man sieht das übrigens auch bei anderen Fällen: Wir identifizieren zum Teil heute noch Opfer aus dem Balkankonflikt über DNA. Daran sieht man, wie lange solche Prozesse dauern können, auch wenn ein einzelner Abgleich technisch schnell möglich ist.

Gibt es neben DNA und Zahnstatus noch weitere Identifikationsmöglichkeiten?

Grundsätzlich kann man alles nutzen, was einen Menschen eindeutig identifiziert. Es gibt zum Beispiel auch Fälle, in denen über die Nasennebenhöhlen identifiziert wird, weil diese individuell einzigartig sind.

Aber die große Frage ist immer: Habe ich eine Vergleichsprobe? Wenn ich die nicht habe, nützen mir weder ein Röntgenbild des Schädels noch Fingerabdrücke etwas. Ohne Vergleichsmaterial funktioniert kein Verfahren.

Wie aufwendig ist die Identifizierung einer einzelnen Person, sowohl zeitlich als auch personell?

Rein technisch kann man ein DNA-Profil im Labor innerhalb eines Tages erstellen, wenn es nur darum ginge: rein, raus, fertig. In der Praxis ist es aber so, dass die Labore ohnehin eine sehr hohe Falllast haben, etwa bei den Landeskriminalämtern oder beim BKA. Jetzt kommt dieser Fall zusätzlich dazu – also etwa 40 Proben. Das bedeutet, andere Fälle bleiben erst einmal liegen. Man braucht Maschinen, Personal und Zeit. Technisch ist vieles schnell machbar, aber die Ressourcen sind begrenzt. Genau das macht den Prozess dann so zeitintensiv.

Brandopfer wird in Leipzig behandelt

Während die Identifizierung der Opfer weiterläuft, dauern auch die Ermittlungen zur Brandursache an. Das Gelände rund um die Bar bleibt weiträumig abgesperrt, um Spuren zu sichern und den Brandort untersuchen zu können. Ermittler werten derzeit unter anderem am Tatort gefundene Mobiltelefone sowie Video- und Bildmaterial aus, das in der Silvesternacht entstanden ist. Parallel dazu werden Zeugenaussagen gesammelt und überprüft.

Die medizinische Versorgung der Verletzten stellt die Region weiterhin vor große Herausforderungen: Schwerverletzte werden in spezialisierten Kliniken in mehreren Schweizer Kantonen behandelt, einige auch in Krankenhäuser ins Ausland verlegt, unter anderem ins Klinikum St. Georg in Leipzig. Für Angehörige wurde eine zentrale Auskunftsstelle eingerichtet, um Informationen zu bündeln und den Austausch mit den Behörden zu erleichtern. Erst wenn alle Opfer identifiziert und die Abläufe der Unglücksnacht rekonstruiert sind, werden sich das volle Ausmaß und die genauen Umstände der Katastrophe abschließend klären lassen.

Das Interview führte Victoria Obermanns

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