Inhalt des Artikels:
- Ausgetrickst, allein gelassen – kein Einzelschicksal
- Baubranche lebt von ausländischen Arbeitern
- Kroatien wird zum Einwanderungsland
- Gewalt gegen ausländische Arbeitskräfte
- Aufenthaltsbedingungen gelockert
Durga war knapp 20, als sie vor zwei Jahren aus dem fernen Nepal nach Kroatien kam. Nicht etwa als Touristin, um Sommer, Sonne und Meer zu genießen, sondern um zu arbeiten. Etwa 7.000 Euro hatte sie einer Agentur in Nepal gezahlt, die sich um Arbeitserlaubnis, Aufenthaltsgenehmigung, Flugticket und ähnliches kümmerte. Dafür musste sich Durgas Familie bei Verwandten verschulden und einen Kredit aufnehmen. Doch die Agentur versicherte Durga – in einem Jahr hast du das alles abbezahlt und sogar Geld dazuverdient.
Ausgetrickst, allein gelassen – kein Einzelschicksal
Die junge Frau wurde an die dalmatinische Küste vermittelt: in eine Wäscherei, die während der Hauptsaison händeringend nach Angestellten suchte, um die Wäscheberge der Hotels zu bewältigen. Doch nach nur anderthalb Monaten war die Saison vorbei und Durga wurde nicht mehr gebraucht. Über Nacht verlor sie ihren Job und die Agentur in der Heimat wollte nichts von ihr wissen. "Ich bin nicht dein Vater! Hör auf, mich dauernd am Telefon zu belästigen", sagte ihr der Agenturchef am Telefon. Durga teilte sich mit mehreren Schicksalsgenossen eine Unterkunft, die sie von dem wenigen Ersparten bezahlte, und musste auf dem Boden schlafen.
Ružica Kerepčić kennt viele solcher Schicksale. Sie besitzt selbst eine Agentur zur Vermittlung ausländischer Arbeiter in Zagreb. Unter den ausländischen Arbeitern hat sich herumgesprochen, dass sie ein weiches Herz hat. "Sagen wir, wie es ist – wir wollen alle Geld verdienen. Aber doch nicht um jeden Preis. Man darf den Menschen nicht ihre Würde nehmen", sagt Ružica. Sie möchte, dass sich ihre Arbeiter wohl fühlen in Kroatien, dass sie eine Zukunftsperspektive bekommen. Als sie von Durga und ihrem Schicksal hörte, wollte sie helfen. So eröffnete sie ein "Head spa", in dem die Kopfhaut durch intensive Massagen, Dampfbehandlungen und Tiefenreinigung revitalisiert und gepflegt wird. Ružica stellte Durga und einige ihrer Kolleginnen ein, damit sie ihre Schulden in der Heimat zurückzahlen können.
Ružica Kerepčić betreibt eine Agentur zur Vermittlung ausländischer Arbeitskräfte in Zagreb und hilft gestrandeten ausländischen Arbeiterinnen und ArbeiternBildrechte: Marijan Vrdoljak/MDRBaubranche lebt von ausländischen Arbeitern
Neben Tourismus- und Saisonarbeitern sind in Kroatien ausländische Arbeiter in der Baubranche am gefragtesten. Auf einer Baustelle in Zagreb am Rand des Universitätscampus entstehen mehrere Tausend neue Wohnungen und rund 80 Prozent der Bauarbeiter kommen aus Ländern wie Indien, den Philippinen und Nepal. Susant ist einer von ihnen. Er kam vor fünf Jahren aus Kathmandu: "Am Anfang war es sehr schwer. Ich hatte keinen richtigen Job und keine Unterkunft. Doch mit Glück fand ich einen Job auf einer Baustelle, wurde zum Verputzer ausgebildet und bekam eine Unterkunft".
Susant aus Kathmandu arbeitet als Verputzer in KroatienBildrechte: Marijan Vrdoljak/MDRDie kroatische Baubranche boomt. Spätestens seit dem schweren Erdbeben 2020, das einen Schaden von geschätzten zehn Milliarden Euro in Zagreb und Umgebung anrichtete, wurde die Lage so ernst, dass man immer mehr Arbeiter aus dem Ausland beschäftigen musste, um die zerstörten Gebäude wieder aufzubauen. Die einheimischen Fachkräfte haben längst besser bezahlte Jobs in Deutschland, Österreich oder der Schweiz gefunden. Und seit Einführung des Euro 2023 können die Löhne auch direkt verglichen werden – ausländische Arbeiter wie Susant sind deshalb nicht mehr wegzudenken aus Kroatien.
Kroatien wird zum Einwanderungsland
Höhepunkt der Beschäftigungswelle aus Drittländern war 2024, als rund 206.000 Arbeitsgenehmigungen für ausländische Arbeiter ausgestellt wurden. Bei rund 3,8 Millionen Einwohnern bedeutet dies für Kroatien einen Zufluss von etwa fünf Prozent der Gesamtbevölkerung in nur einem Jahr. Das stört viele Kroaten, die eine Gesellschaft gewöhnt sind, die mehrheitlich aus weißen Katholiken besteht.
Die jüngste Umfrage des Institutes für Migrationsforschung ergab, dass etwa 97 Prozent der Befragten den ausländischen Arbeitnehmern ablehnend oder gleichgültig gegenüberstehen. Keiner der Befragten würde sie in die Familie aufnehmen wollen und nur etwa drei Prozent in den Freundeskreis. Als Grund gab man kulturelle Unterschiede an, außerdem die Angst vor dem Verlust des eigenen Arbeitsplatzes, einem sinkenden Arbeitsstandard und Lohnniveau.
Gewalt gegen ausländische Arbeitskräfte
Nader Wachech kann ein Lied davon singen. Er ist 2015 aus Syrien nach Kroatien gekommen, seine Mutter ist Kroatin, sein Vater Syrer. Trotzdem war es nicht einfach für ihn, in Kroatien Fuss zu fassen. Er arbeitet als Kurier für einen Essenlieferdienst und erlebt hautnah mit, wie die Stimmung unter ausländischen Arbeitern immer mehr kippt: "Es gibt Viertel in Zagreb, die sind für Ausländer No-go-Zonen. Selbst mir ist es passiert, dass ich angepöbelt wurde, obwohl ich eigentlich nicht wie ein Ausländer aussehe. Erst als ich in fließendem Kroatisch geantwortet habe, ließen mich die Jugendlichen ziehen."
Nader Wachech, Sohn einer Kroatin und eines Syrers, berichtet von Angriffen gegen ausländische Kurierfahrer. Bildrechte: Marijan Vrdoljak/MDRNader liest in der WhatsApp Gruppe der Kuriere immer wieder von Angriffen oder Raub. "Manche finden sogar heraus, wo die Kuriere leben und schmieren dort dann fremdenfeindliche Graffiti an die Wände." Über 1.000 Angriffe auf ausländische Arbeiter zählte das Innenministerium 2023, im nächsten Jahr jedoch deutlich weniger. Doch weder Nader noch seine Kollegen können bestätigen, dass es weniger Angriffe werden. Im Gegenteil: "Vor allem Jugendliche scheinen zu fürchten, dass ihnen die Ausländer die Jobs wegnehmen könnten", sagt Nader. Die niedrigere Zahl von Angriffen in der Polizeistatistik scheint eher daran zu liegen, dass die Polizei solche Übergriffe mittlerweile eher als Raub verzeichnet und nicht als Verbrechen aus Hass.
Aufenthaltsbedingungen gelockert
Die kroatische Regierung sah sich zum Handeln gezwungen, um den Fachkräftemangel zu mildern, und verbesserte Anfang 2025 die Arbeits- und Aufenthaltsbedingungen der ausländischen Arbeitskräfte durch eine grundlegende Änderung des Gesetzes. Unter anderem wurde die Gültigkeit von Arbeitserlaubnissen von maximal einem Jahr auf drei Jahre angehoben. Wer seinen Job verliert oder wechseln will, hat nun sechs Monate dafür, einen neuen zu finden, ohne dass die Aufenthaltsgenehmigung erlischt. Arbeitgeber können auch keine horrenden Summen mehr für Unterkünfte verlangen, sondern nur noch maximal 30 Prozent des Lohnes. Und jeder ausländische Arbeitnehmer, der länger als ein Jahr in Kroatien bleiben möchte, muss nach dem ersten Jahr zumindest rudimentär die kroatische Sprache beherrschen.
Doch Menschen wie Ružica Kerepčić ist klar, dass es damit alleine nicht getan ist. Sie schickt die Arbeitnehmer, die über ihre Agentur vermittelt werden, jetzt schon an eine Abendschule. Dort werden sie in kroatischer Sprache, Kultur und Lebensgewohnheiten geschult. "Wir brauchen mehr Geduld mit diesen Menschen. Sie sind ans andere Ende der Welt gekommen und vieles von dem, was für uns normal ist, ist ihnen völlig fremd", sagt Kerepčić. Integration lautet das Zauberwort. Doch sie steckt in Kroatien noch in Kinderschuhen.
MDR (dh)
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