Bei den massiven russischen Angriffen auf Kiew starben mindestens 23 Menschen. Das Büro der EU-Vertretung wurde schwer beschädigt. Die internationale Empörung über Russlands "Skrupellosigkeit" und "Barbarei" ist groß.

Nach den russischen Luftangriffen auf Kiew mit mindestens 23 Toten und Einschlägen in unmittelbarer Nähe der EU-Vertretung ist der europaweite Aufschrei groß - und die Drohungen mit Konsequenzen werden lauter.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kündigte eine schnelle Vorlage von neuen Sanktionsvorschlägen gegen Russland an. Nach Angaben von Diplomaten könnte der jüngste russische Angriff dazu führen, dass die Arbeiten an einem 19. Paket mit Russland-Sanktionen beschleunigt werden - und die Maßnahmen könnten deutlich stärker ausfallen.

Von der Leyen gab an, nach dem Angriff mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj und US-Präsident Donald Trump telefoniert zu haben. Sie forderte, die Ukraine in ein "stählernes Stachelschwein" zu verwandeln. Die sogenannte Stachelschwein-Strategie ("Porcupine Strategy") würde bedeuten, der Ukraine Waffensysteme zu liefern, mit denen sie im Fall einer erneuten russischen Aggression deutlich stärker zurückschlagen könnte als bislang.

Die Europäische Union will als Reaktion auf die Attacke außerdem den russischen Gesandten, Wladimir Tschischow, einbestellen. London bestellte ebenfalls den russischen Botschafter ins Außenministerium ein - denn auch das britische Kulturinstitut in Kiew wurde beschädigt.

Mindestens 23 Tote nach Angriffen auf Kiew

Neben 629 Drohnen setzte Russland bei den jüngsten Angriffen an 13 Orten auch 2 Hyperschallraketen vom Typ "Kinschal" ("Dolch"), 9 ballistische Raketen vom Typ "Iskander" sowie 20 Marschflugkörper vom Typ "X-101" ein, hieß es von der ukrainischen Luftwaffe. Bei den Angriffen sind nach offiziellen Behördenangaben mindestens 23 Menschen in der Hauptstadt Kiew getötet worden. Dazu zählten auch vier Kinder, erklärte der Chef der Kiewer Militärverwaltung, Tymur Tkatschenko, auf Telegram.

Laut Behörden gab es rund 50 Verletzte. Von der Leyen zufolge seien zwei Raketen innerhalb von 20 Sekunden 50 Meter von der EU-Vertretung entfernt eingeschlagen. Mitarbeitende seien nicht unter den Verletzten.

"Es zeigt, dass der Kreml vor nichts zurückschreckt, um die Ukraine zu terrorisieren, indem er blindlings Zivilisten, Männer, Frauen und Kinder tötet und sogar die Europäische Union ins Visier nimmt", erklärte die Kommissionspräsidentin.

Merz verurteilt "Skrupellosigkeit", Macron spricht von "Barbarei"

Auch Bundeskanzler Friedrich Merz verurteilte die russischen Angriffe "aufs Schärfste". Er schrieb auf der Plattform X: "Dass nun auch die EU-Vertretung ins Fadenkreuz geraten ist, zeugt von der wachsenden Skrupellosigkeit des russischen Regimes." Bundesaußenminister Johann Wadephul forderte, der russische Angriff dürfe nicht ohne Folgen bleiben. Er gehe davon aus, dass auch die USA ernsthaft über weitere Sanktionen nachdenken würden. 

"Das ist die Idee Russlands von Frieden: Terror und Barbarei", erklärte der französische Präsident Emmanuel Macron. Der spanische Premierminister Pedro Sánchez betonte, der Angriff auf das Gebäude der EU-Vertretung in Kiew sei zudem "ein neuerlicher eklatanter Verstoß gegen das Völkerrecht".

Für NATO-Generalsekretär Mark Rutte ist die "schreckliche Attacke" auf "unschuldige Zivilisten und zivile Infrastruktur" ein klarer Hinweis darauf, dass die NATO gestärkt werden müsse. "Wir sollten nicht naiv in Bezug auf Wladimir Putin sein. Und die vergangene Nacht ist Beweis dafür." Russland werde mit seiner Kriegsführung nicht zum Ziel kommen, weil die Unterstützung der Ukraine weitergehe.

Ratspräsident Costa spricht von vorsätzlichem Angriff

Auch EU-Ratspräsident António Costa zeigte sich entsetzt über die nächtlichen Angriffe auf die Ukraine. Er bezeichnete den russischen Angriff auf die diplomatische Vertretung der Union als vorsätzlich. "Die EU lässt sich nicht einschüchtern. Russlands Aggression bestärkt uns nur in unserer Entschlossenheit, an der Seite der Ukraine und ihrer Bevölkerung zu stehen", sagte er.

Der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha warf Russland auf der Plattform X vor, gezielt Diplomaten ins Visier genommen zu haben.

Die russischen Drohnen- und Raketenschläge seien Moskaus Antwort auf den seit Wochen und Monaten geforderten Waffenruhe und die Aufrufe zu echter Diplomatie, sagte der ukrainische Präsident Selenskyj. Russland nutze es aus, dass ein Teil der Welt sich blind stelle, wenn Kinder getötet würden. Mit Blick auf die am Sonntag beginnende mehrtägige China-Reise von Kremlchef Putin forderte Selenskyj Peking zu einer Reaktion auf die russischen Angriffe auf.

Kulturinstitut British Council schwer beschädigt

Der britische Premierminister Keir Starmer warf Russland vor, jegliche Hoffnung auf Frieden zu sabotieren. Bei den russischen Angriffen auf Kiew wurde nicht nur das Gebäude der EU-Vertretung beschädigt, sondern auch der British Council. Das Gebäude befindet sich unweit der EU-Vertretung in der Zhylyanska Straße im Zentrum der Hauptstadt.

Der British Council ist eine gemeinnützige Einrichtung zur Förderung internationaler Beziehungen. Die Organisation teilte mit, dass ihre Büros schwer beschädigt seien, die Kultureinrichtung bleibe vorerst geschlossen. Ein Mitarbeiter des Wachpersonals sei verletzt worden. Man werde versuchen, die Arbeit mit den ukrainischen Partnern und die Sprach- und Kulturkurse fortzusetzen.

Schäden in ihren Büros meldete auch die Redaktion der Onlinezeitung Ukrajinska Prawda.

Kreml spricht von Angriffen auf militärische Ziele

Das russische Verteidigungsministerium widersprach den Vorwürfen der EU und der Ukraine, gezielt Wohngebäude und diplomatische Einrichtungen angegriffen zu haben. Ziele seien Rüstungsbetriebe und ukrainische Luftwaffenstützpunkte gewesen, hieß es aus dem Ministerium. Alle Ziele seien getroffen worden. Auf Fotos von völlig zerstörten Wohngebäuden und Videos, die das enorme Ausmaß der Schäden in der ukrainischen Hauptstadt zeigen, reagierte der Kreml bislang nicht.

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