Mit der deutschen Besatzung von Paris im Jahr 1940 reichte der Arm der Nationalsozialisten bis an die Seine und zerstörte die blühenden Zirkel der Künstler und Literaten. Auf der Basis von Archivstudien erzählt Uwe Neumahrs Buch „Die Buchhandlung der Exilanten. Paris 1940. Zuflucht und Widerstand“ (C.H. Beck, 320 Seiten, 26 Euro) erstmals von diesem Kapitel deutsch-französischer Geschichte, in der zwei Buchhändlerinnen aus der Rue de l’Odeon eine besondere Rolle spielen: Sylvia Beach und Adrienne Monnier. Nachstehend bringen wir einen Buchauszug.
Paris, im September 1942
Sylvia Beach wollte Honig. Ein Gerücht, dass es in der Nähe der Kirche La Madeleine Honig zu kaufen gebe, ließ sie auf ihr Fahrrad steigen, um sich dort in die Schlange der Wartenden einzureihen. Honig war im besetzten Paris ein kostbares Gut. Der Schwarzmarkt blühte, obwohl Schwarzmarkthandel von den Besatzungstruppen als „Verbrechen gegen die Gemeinschaft“ streng geahndet wurde. Doch keine Pariserin wollte sich mit der erzwungenen Verknappung von Nahrungsmitteln begnügen. Und Sylvia Beach hatte Glück.
Nachdem sie zwei Stunden in der Schlange gewartet und ihr Glas wider Erwarten hatte füllen können, fuhr sie nach Hause in die Rue de l’Odéon. Doch wenn sie gewusst hätte, was ihr wenig später bevorstehen würde, hätte sie wohl auf das mühsame Anstehen verzichtet. Madame Allier, ihre Concierge, die kurz zuvor von der Gestapo Besuch erhalten hatte, fing sie bereits an der Haustüre ab. Die Deutschen würden kommen und sie abholen, ließ sie Sylvia Beach mit tränenerstickter Stimme wissen, sie solle sich sofort fertig machen.
Es war der 24. September 1942. Als die deutsche Armee in den frühen Morgenstunden des 14. Juni 1940 Paris kampflos besetzte, war sie auf eine große amerikanische Gemeinde getroffen. Obwohl der US-Botschafter bei Kriegsausbruch 1939 allen geraten hatte, die Stadt zu verlassen, waren fast 5000 geblieben, darunter die in Baltimore geborene Buchhändlerin Sylvia Beach. Viele hatten berufliche und familiäre Bindungen in Paris, und die meisten hegten eine spezielle Liebe zu Frankreich, die auf der besonderen Beziehung gründete, welche die beiden Länder auf kulturellem Gebiet verband. Als Bürger eines neutralen Landes glaubten sie, von den Deutschen nichts befürchten zu müssen. Sie irrten sich.
Die 55-jährige Sylvia Beach war zu diesem Zeitpunkt bereits eine literarische Legende. Ihre kleine amerikanische Buchhandlung Shakespeare and Company in der Rue de l’Odéon war Teil der Geschichte von Ernest Hemingway, James Joyce, André Gide, Simone de Beauvoir und vielen anderen geworden. 1922 hatte sie James Joyces Ulysses veröffentlicht, der wegen der Obszönität einiger Passagen die Zensurbehörden auf den Plan gerufen hatte, und dem irischen Autor zu Weltruhm verholfen. Die Buchhändlerin hatte sich ganz der Förderung seiner Arbeit verschrieben und sichergestellt, dass ihm und seiner Familie genügend Geld zur Verfügung stand.
Mit ihrer kongenialen Partnerin Adrienne Monnier, die gegenüber in der Rue de l’Odéon 7 die französische Buchhandlung La Maison des Amis des Livres betrieb, hatte sie zwischen den Kriegen eine Literaturoase im Herzen von Paris geschaffen, in der Vertreter verschiedener neuer Strömungen „zusammen Genies sein konnten“ (Robert McAlmon). Doch mit der deutschen Okkupation Frankreichs änderte sich alles. Nach und nach wurden die beiden Buchhandlungen, die einst Veranstaltungsorte, Ideenplattformen und Anlaufstellen einer literarischen Elite gewesen waren, zu Orten der Zuflucht und des Widerstands. Deutsch-jüdischen Exilanten verhalfen die Buchhändlerinnen zur Flucht, französischen Juden und Résistance-Kämpfern gewährten sie Asyl. An sich selbst dachten sie selten.
An Flucht war an jenem 24. September 1942 ohnehin nicht mehr zu denken. Sylvia Beach stand unter Beobachtung der Gestapo. Seit Mai 1942 wurde diese in Paris von Heinrich Himmlers persönlichem Vertreter Carl Oberg, dem „Schlächter“, kommandiert, der die Maßnahmen gegen die Juden massiv verschärft hatte. Obergs Handlanger wussten, dass die hoch aufgeschossene Amerikanerin in ihrem Laden einst Kunstdrucke verkauft hatte, um Geld für Spaniens republikanische Regierung im Kampf gegen den von den Nationalsozialisten unterstützten General Franco zu sammeln. Den Gestapo-Männern war auch bekannt, dass zu ihren besten Freunden Ernest Hemingway zählte, dessen 1941 in einem Exilverlag auf Deutsch erschienener Roman „Wem die Stunde schlägt“ eine Anklage gegen den Faschismus war.
Unter Sylvia Beachs zahlreichen jüdischen Freunden befand sich auch eine Mitarbeiterin ihrer Buchhandlung, Françoise Bernheim. Sylvia Beach hatte sie zeitweise in der leeren Wohnung über ihrem Laden versteckt. Eines Tages war die Amerikanerin offenbar denunziert worden, denn als die Gestapo sie abholte, schnauzte einer der Männer sie an: „Wegen deiner jüdischen Freunde steht dein Name auf der schwarzen Liste.“
Als Händlerin von englischsprachigen Büchern und damit von Werken, die die Zensoren der Besatzungsmacht nur schwer kontrollieren konnten, war sie ohnehin besonders verdächtig, antinazistische Publikationen zu verbreiten. Bereits im Juli 1941 hatten Wehrmachtsoldaten in Paris eine Buchhandlung geräumt, deren Besitzer im Verdacht stand, Schriften der Résistance zu verteilen. Nachdem Deutschland den USA am 11. Dezember 1941 den Krieg erklärt hatte, sollten zunächst alle männlichen Amerikaner unter sechzig Jahren in Paris interniert werden. Die Frauen hatte man noch eine Weile verschont, doch damit war es nun vorbei. „Die Verhaftungen begannen am Donnerstagmorgen, 24. September 1942, und endeten am Abend des 26. September. In der Zwischenzeit wurde jede Frau nicht nur in medizinischer Hinsicht, sondern auch hinsichtlich ihrer Identität untersucht“, berichtete das Schweizer Konsulat in Paris an die amerikanische Gesandtschaft in Bern.
Als der deutsche Lastwagen vor Sylvia Beachs Wohnung hielt, war er bereits mit anderen Frauen beladen. Angsterfüllt verabschiedete Beach sich von Adrienne Monnier und packte rasch noch ein paar Bücher und warme Kleidung ein, weil sie dachte, man deportiere sie mit den anderen Amerikanerinnen in ein Lager in Deutschland. Keine der Insassinnen wusste, wohin sie gebracht wurden. Die erste, die Sylvia im Lastwagen erkannte, war Katherine Dudley, eine Freundin Picassos und selbst eine sehr talentierte Malerin. Ihre Schwester Caroline hatte einst dazu beigetragen, die junge Josephine Baker nach Paris zu holen, wo Baker singend, tanzend und praktisch nackt als Hauptdarstellerin der Revue Nègre zum Weltstar wurde, stets im Kampf gegen den grassierenden Rassismus.
Von Wohnung zu Wohnung fuhr der Lastwagen durch Paris auf der Suche nach weiteren Amerikanerinnen. Sylvia Beach freute sich insgeheim, wenn die Häscher niemanden antrafen und mit leeren Händen zurückkamen. Bei den vielen Unterbrechungen kamen sie nur langsam voran, schließlich fuhr der Fahrer in den Westen der Stadt. Als der Transport sein Ziel erreichte, war Sylvia Beach erstaunt: Sie hatte mit einem gefängnisartigen Gebäude gerechnet, umgeben von Stacheldraht, in das man sie internieren würde. Doch der Lastwagen hatte den Jardin d’Acclimatation angesteuert, einen Freizeitpark, in dem sich ursprünglich Tiere aus den Überseekolonien an das französische Klima hatten gewöhnen sollen. Dort, im Affenhaus, wurde Sylvia Beach eingesperrt. Affen waren in dem Gehege keine mehr, aber 350 weitere Amerikanerinnen.
Eine schicksalhafte Begegnung (1917)
Es war ein kalter, stürmischer Märztag des Jahres 1917, als Sylvia Beach und Adrienne Monnier sich zum ersten Mal begegneten. Adrienne Monnier bemerkte eine schlotternde Passantin in spanischem Mantel und Hut, die das Schaufenster ihrer Buchhandlung betrachtete. Kurzentschlossen bat sie die schüchterne Frau hereinzukommen. Sylvia Beach gab sich als Amerikanerin zu erkennen, beide waren sich auf Anhieb sympathisch, verbrachten mehrere Stunden miteinander und versicherten sich wechselseitig ihrer Liebe zur Sprache und Literatur des anderen Landes. Sylvia Beach war eigentlich auf der Suche nach einer literarischen Zeitschrift. Bei Recherchen in der Bibliothèque nationale hatte sie den Namen einer Buchhandlung gelesen und beschlossen, das kleine Geschäft in der Rue de l’Odéon 7 aufzusuchen.
Als Tochter von Reverend Sylvester Beach, der als presbyterianischer Pastor später Seelsorger von US-Präsident Woodrow Wilson wurde, war sie in Baltimore und Bridgeton aufgewachsen. Früh schon profitierte sie von der Weltläufigkeit ihrer Familie. 1902, als Sylvia gerade fünfzehn Jahre alt war, zogen die Beachs nach Paris, nachdem man Sylvester Beach beauftragt hatte, für die Amerikanische Kirche in Paris die Students Atelier Reunions zu betreuen – Zusammenkünfte, die dazu gedacht waren, Amerikaner in der Ferne Heimatluft schnuppern zu lassen. Dieser erste Aufenthalt in der Seine-Metropole im Kreis ihrer Familie hinterließ bei Sylvia Beach einen unvergesslichen Eindruck.
„Sylvia hatte ein lebendiges, scharf geschnittenes Gesicht“, bemerkte Ernest Hemingway, „braune Augen, die so lebendig waren wie die eines kleinen Tieres und so fröhlich wie die eines jungen Mädchens. (…) Sie hatte hübsche Beine, war freundlich, fröhlich, interessiert und liebte Scherze und Klatsch.“
Was Sylvia Beach aber vor allem liebte, war die französische Kultur. Nachdem sie mit ihrer Familie 1905 in die Vereinigten Staaten zurückgekehrt war und 1914 einige Monate in Spanien verbracht hatte, reiste sie 1916, mitten im Krieg, wegen des Sprach- und Literaturstudiums zurück in die Stadt, die sie als Teenager verlassen hatte. Paris elektrisierte sie, seine schiere Größe, die gotischen Kirchen, der Geruch von Pferdefleisch, Lavendel, Parfüm, die Rufe der Käseverkäufer. In der amerikanischen Gesellschaft, die im Begriff war, ihre puritanischen Werte wiederzuentdecken, hatten Homophobie und Moralismus der damals 29-Jährigen keine Luft zum Atmen mehr gelassen.
In Paris wartete auf sie ihre jüngere Schwester Cyprian, mit der sie in ein Zimmer im Palais Royal zog, jenem riesigen rechteckigen Stadtpalast, der 300 Jahre lang die Bühne für politische Intrigen, für Mode, Glücksspiel und käufliche Liebe abgegeben hatte. Cyprian – tatsächlich hieß sie Eleanor – war eine stadtbekannte Schönheit. Ohne Wissen ihrer Eltern hatte sie in Paris unter dem Namen Cyprian Giles als Filmschauspielerin Karriere gemacht. Als Sylvia zu ihr stieß, war Cyprian gerade als „Belle-Mirette“ ein Star in der Krimi-Stummfilmserie „Judex“ über den gleichnamigen verkleideten Rächer. Regelmäßig sah man sie in den Kinos. Gingen die Schwestern auf die Straße, wurde Cyprian oft von Autogrammjägern umringt.
Als sich Sylvia Beach und Adrienne Monnier 1917 zum ersten Mal in Paris begegneten, beschoss noch die „Dicke Bertha, das Lieblingsgeschütz der Deutschen“, die Straßen der Stadt. Sylvia besuchte gerade einen Sprachkurs, in ihren Einreisedokumenten firmierte sie als Journalistin (journaliste littéraire). In ihren frühen Pariser Jahren veröffentlichte sie jedoch nur einen Artikel über das Musée Rodin und entwickelte zeitlebens keine Affinität zum Schreiben. Ganz anders verhielt es sich mit dem Lesen. Die Bibliophilie zieht sich wie ein roter Faden durch ihre Korrespondenz dieser Zeit, die voll von Rezensionen und Empfehlungen ist, von Victor Hugos „Les Misérables“ bis hin zu amerikanischen Liebesromanen.
Adrienne Monnier lud die vor Leben sprühende Amerikanerin, deren „ungemein fesselndes Gesicht“ und deren Humor sie faszinierten, zu einer Lesung in ihre Buchhandlung ein. Dort hörte Sylvia den Dichter Jules Romains in französischer Uniform aus seinem Antikriegsgedicht „Europa“ lesen, einer weit über den Friedensschluss hinausgehenden literarischen Vision. Rasch wurde sie in Adriennes Kreis aufgenommen, wo sie sich inmitten der französischen Moderne wiederfand. Während sie ursprünglich wegen des Sprach- und Literaturstudiums nach Paris gekommen war, holte der Krieg auch sie ein.
Bereit, ihren Beitrag zu leisten, trat sie schließlich als freiwillige Hilfskraft den Arbeitsdienst auf dem Land an, wo sie mit ihren Hosen – Frauen trugen traditionell lange Röcke – und ihrer Kurzhaarfrisur die Bevölkerung nachhaltig schockierte. Wenig später verteilte sie mit ihrer älteren Schwester Holly auf Vermittlung ihres Vaters für das amerikanische Rote Kreuz Hilfsgüter in Serbien. Das kriegsgebeutelte Land pflegte sie auf dem Pferderücken zu erkunden, meist ohne Begleitung. Es waren ihre roaring years, eine stürmische Zeit, und es vergingen zwei Jahre, bis sie 1919 nach Paris zurückkehrte. Für Adrienne Monnier brachte sie ein Zigarettenetui mit, in das eine persönliche Widmung eingraviert war.
Innovatorin des Buchhandels
Sylvia Beach, geboren 1887, war fünf Jahre älter als Adrienne Monnier. Was sie an der ebenso resoluten wie herzlichen Französin faszinierte, war ihr Pioniergeist und ihr Mut zur Grenzüberschreitung. Das Geschäft des Buchhändlers, das Sylvia schon damals interessierte, war bei Adrienne Monnier ein intellektuell-künstlerischer Beruf, ganz anders, als Sylvia den Berufsstand zuvor gekannt hatte. Bevor ein Buch im Regal oder in der Auslage ihrer Buchhandlung Platz fand, las Adrienne es, und es musste für gut befunden werden. Was in ihren Augen minderwertig war oder alt, mied sie. Im Fokus ihrer Aufmerksamkeit stand die gegenwärtige französische Literatur. Den Werken ihrer Zeitgenossen galt ihre besondere Leidenschaft, und sie setzte sich ebenso für die Bücher wie für die Autoren ein. La Maison des Amis des Livres, das „Haus der Bücherfreunde“ mit seinen zurückhaltend grau gestrichenen Wänden, wurde bald ein Salon, in dem berühmte Schriftsteller und solche, die es werden sollten, Lesungen abhielten, sich trafen und diskutierten, darunter Guillaume Apollinaire, Louis Aragon, André Breton und Paul Valéry.
Viele später bekannt gewordene Literaten verdankten ihren Durchbruch der Förderung durch Adrienne Monnier. Ob Dadaisten, Surrealisten, Symbolisten, der großbürgerliche Individualist André Gide oder der erzkatholische, für seine Arroganz berüchtigte Schriftsteller-Diplomat Paul Claudel – Adrienne verstand es, mit allen auszukommen. Immer war sie bereit, „neuen Wahrheiten und Methoden zum Durchbruch zu verhelfen“. Selbst Jean Cocteau, verhätschelter Liebling in den Salons der Rive droite, den Adrienne für ein „verwöhntes Kind“ hielt, verkehrte im Haus der Bücherfreunde.
Der gemeinsame Pariser Nenner all dieser Schriftsteller war eben ihre Buchhandlung, und wenn es dort manchmal zu konfliktreichen Begegnungen kam, weil sich einzelne Gäste nicht ausstehen konnten, wusste Adrienne auszugleichen. Als einmal ein Herr die Buchhandlung verließ, kurz bevor Paul Claudel sie betrat, fragte Claudel Adrienne: „War das nicht Gide?“ Da entgegnete sie: „Er war es, Exzellenz, aber wir haben geräuchert.“ Ob die Anekdote wahr ist oder erfunden: Das literarische Paris wusste, dass Claudel seit seiner Konversion zum Katholizismus mit Gide, einem skeptischen Rationalisten, verfeindet war, nicht zuletzt aufgrund von gescheiterten Bekehrungsversuchen. Wenn sie sich auch sonst aus dem Weg gingen, begegneten sich die einstigen Freunde regelmäßig in Adriennes Buchhandlung, dem heimlichen Mittelpunkt der französischen Literaturszene in den Zwanzigerjahren.
Dass Adrienne so unterschiedliche Künstler wie ein Magnet anzog, war auch der Tatsache zu verdanken, dass sie sich der literarischen Fraktionsbildung entzog. Die Literaten buhlten um ihre Gunst, doch sie wollte nicht an eine Bewegung gebunden werden und unternahm lieber eigene Entdeckungsreisen. Als Geschäftsfrau wusste Adrienne um die Bedeutung der Unabhängigkeit. André Bretons Versuch, sie als erste Frau für sein surrealistisches Bündnis zu gewinnen, verstärkte nur ihren Widerstand. Neben Lesungen veranstaltete Adrienne Gesprächsrunden, Ausstellungen und musikalische Darbietungen. In ihren Veranstaltungen, die sie oft als „geistige Zusammenkünfte“ (séances) annoncierte, verstand sie eine Atmosphäre zu schaffen, die zugleich intim, weihevoll und alltäglich war.
Am 21. März 1919 fand eine der ersten öffentlichen Aufführungen von Erik Saties Komposition „Socrate“ statt, einem Werk, dessen Text auf platonischen Dialogen basiert. Jean Cocteau, Hohepriester aller modernen französischen Kunstbestrebungen, führte in das Stück ein, am Klavier saß der Komponist, der die Sängerin Suzanne Balguerie begleitete. Im Publikum befand sich mit Georges Braque, André Gide, Pablo Picasso, Igor Strawinsky und Paul Valéry die Crème de la Crème der Pariser Kulturszene. Die Veranstaltungen wurden bald so beliebt, dass der Buchhandlung wegen des großen Andrangs die Überfüllung drohte.
Bereits Adriennes Kleidung spiegelte den Geist der Buchhandlung wider. Sie sei „wie eine Äbtissin“ erschienen, bemerkte die Journalistin Janet Flanner, eine gesetzte Erscheinung in ihrem immer gleichen Kostüm, einem langen, weiten grauen Rock, einer blauen Samtweste und einer weißen Bluse. Die von ihr gewählten Farben entsprachen ihrer Persönlichkeit, bekannte Adrienne, denn sie waren spirituell und materiell zugleich: Grau sei die Farbe der Großstädte, es repräsentiere Tätigkeit und Kraft; blau sei die Farbe der Ruhe, weiß hingegen die des reinen Gnadenzustands des Geistes.
Adriennes kometenhafter Aufstieg in der elitären Welt der Pariser Kunstszene erschien vielen wie ein Wunder, verfügte sie doch weder über Beziehungen noch über einen Universitätsabschluss. Es war ihre gewinnende Persönlichkeit, die ihren Erfolg ausmachte, eine Mischung aus mütterlicher Hilfsbereitschaft und Begeisterungsfähigkeit, dazu Intelligenz, Urteilskraft, Geselligkeit sowie beharrliche Ausdauer bei der Umsetzung ihres Bildungsauftrags. Adrienne, stets vorbildliche Gesprächspartnerin, wollte ihre Kunden und ihr Publikum bilden und die Lesegewohnheiten der Menschen verändern. Ihren Veranstaltungen galt es beizuwohnen, ihren Kanon galt es zu lesen. Immer war sie auch bestrebt, guten Büchern, die gescheitert waren, sei es durch Pech, Unzeitgemäßheit, Feindseligkeit oder Gleichgültigkeit der Kritiker, eine zweite Chance zu geben. So richtete sie in einer Ecke des Ladens ihr „Fegefeuer“ ein. Dort „lege ich die kleinen Bücher ab (…), die hier ruhig, mit ihrem schmalen Rücken aneinandergepresst, auf die Ankunft des Jüngsten Gerichts warten.“ Das Inventar bestand neben belletristischen Werken und Zeitschriften auch aus historischen, philosophischen, religiösen und ökonomischen Büchern.
Das Bildungsanliegen ging bei Adrienne mit sozialem Bewusstsein einher. Ihren Kunden bot sie günstige Bände an, keine teuren Erstausgaben. Neu war auch, dass ihre Buchhandlung gleichzeitig eine Leihbücherei war, die erste in Frankreich überhaupt. Ein Subskriptionssystem ermöglichte es den Subskribenten, ein Buch vor der Kaufentscheidung erst zu lesen. Dafür wurde jeder entliehene Band vorab mit einem durchsichtigen Schutzumschlag versehen. „Es ist so gut wie unvorstellbar, dass man ein Buch kauft, ohne es zu kennen“, bemerkte Adrienne. Mit dieser aus buchhändlerischer Sicht ungewöhnlichen Einstellung bewies sie ökonomisches Geschick, denn sie verfügte mit dem Subskriptionssystem über eine zusätzliche Einnahmequelle. 1920 hatte sie fast 600 Subskribenten unter Vertrag. Freilich wusste sie, dass sie den Kritikern teurer Bücher – der Erste Weltkrieg hatte die Buchpreise in die Höhe schnellen lassen – durch das Leihmodell in die Karten spielte. Dass die Bücherei den Abonnenten auch „für bibliographische Auskünfte und bibliophile Forschungen zur Verfügung“ stand, wie Adrienne im Reglement schrieb, war ein weiterer schlauer Schachzug, denn auf diese Weise wurde die Buchhandlung zu einem Ort des intellektuellen Austauschs.
Zu den Mitgliedern der Leihbücherei zählte auch die junge Simone de Beauvoir. Wie viele Studierende fühlte sie sich von Adrienne angezogen, denn die Buchhändlerin richtete die gleiche Aufmerksamkeit auf ihre bekannten wie ihre unbekannten Kunden, denen sie mit Offenheit und Ermutigung begegnete. „Für mich als Studentin symbolisierte diese Buchhandlung die faszinierende Welt der modernen Literatur, die so nah und doch so fern war; fern, weil ich noch keinen einzigen der Autoren kannte; nah, weil ich so viele ihrer Bücher verschlang, die ich aus Adriennes Leihbibliothek auslieh“, schrieb de Beauvoir später.
„Ich lauschte heimlich, wenn die Besitzerin dieses Heiligtums, die mich mit ihrem nonnenhaften Gewand und ihren noblen Freunden einschüchterte, sehr beiläufig und vertraut von berühmten Personen sprach, deren Namen mich irgendwie benommen zurückließen. Sie erzählte einem alten Kunden zum Beispiel, dass sie Valéry letzten Abend gesehen hatte, oder vielleicht, dass Gide sich nicht wohl fühlte. Léon-Paul Fargue und Jean Prévost waren zwei andere Schriftsteller, die man häufig in liebevoller Art mit Adrienne reden sah.“
Paris vor dem Einmarsch der Deutschen
Im Frühjahr 1939 schien der Krieg mit Deutschland bereits unvermeidlich. Überall in der Stadt wurden unterirdische Schutzräume eingerichtet, in die sich die Bevölkerung während der Übungen zu begeben hatte und wo sich die Nachbarn, viele zum ersten Mal, mit einem „Enchanté!“ begrüßten. Doch noch war keine Ausgangssperre verhängt, und so waren Kinos und Theater wie das Folies Bergère oder das Casino de Paris jeden Abend ausgebucht. Das populäre Lied der Stunde war „J’attendrai“ („Ich werde warten“), eigentlich eine Liebesballade, der man nun mit schwarzem Humor auch die Bedeutung „Ich werde warten auf die Deutschen“ unterlegte.
Am 10. März begann die Stadtverwaltung, Gasmasken an die Zivilbevölkerung auszugeben. Sie wurden kostenlos verteilt, doch Sylvia Beach wurde mitgeteilt, dass sie als Ausländerin für ihre Maske bezahlen müsse. Gasmasken waren für den Kampf bestimmt, dachte sie; sie und ihre amerikanische Buchhandlung aber waren im Kampf mit niemandem. Frauen wurde geraten, keine Wimperntusche unter der Gasmaske zu tragen, da sie die Augen reizte und die Trägerin dazu veranlasste, den Atemschutz zu entfernen. Die eigens entworfenen zylinderförmigen Handtaschen für Gasmasken von Jeanne Lanvin – eine aus grünem, die andere aus rotem Filz, mit kleinen Sternen übersät – wurden zu Verkaufsschlagern.
Bereits zwei Monate vor der Polenkrise waren Einschränkungen und Sicherheitsmaßnahmen in Kraft gesetzt worden. Sylvia und Adrienne wurden in den Bistros aufgefordert zu zahlen, wenn sie bedient wurden, denn jederzeit konnte eine Luftschutzsirene ertönen und für eiligen Aufbruch sorgen. Die Angst vor deutscher Spionage führte so weit, dass die Kreuzworträtsel in der Zeitschrift „Marianne“ eingestellt wurden: Sie bargen die Gefahr verschlüsselter Botschaften. Ab Mai informierten die Behörden regelmäßig im „Petit Guide de défense passive“ (Kleine Anleitung zur passiven Verteidigung) über die wichtigsten Verhaltensmaßnahmen im Krieg.
Für die beiden Buchhandlungen in der Rue de l’Odéon hatte der drohende Krieg zunächst paradoxerweise positive Folgen. Studenten der nahen Sorbonne kamen, um in die Leihbüchereien eingeschrieben zu werden, da die Ausleihe von Büchern aus der Universitätsbibliothek eingeschränkt war. Das Leben vieler Menschen war aus dem Takt geraten. Nächtliche Fehlalarme und die ständige Angst vor einem Angriff führten zu einer allgemeinen Verunsicherung, die den Hunger nach Büchern und literarischen Gesprächen verstärkte. In einer aus den Fugen geratenden Welt sicherten persönliche Gewohnheiten den Menschen ein gewisses Maß an Ordnung.
Sylvia verkaufte in Shakespeare and Company vor allem James Joyces Roman „Finnegans Wake“, der gerade erschienen war, Henry Millers „Wendekreis des Krebses“ und T. S. Eliots gesammelte Gedichte. Ihr Bestseller aber war Herman Melvilles Roman „Moby Dick“, der mit seinem Sinn für Tragik, seiner Ironie und seiner Verzweiflung gut zur gegenwärtigen Situation zu passen schien. „Adrienne ringt nun mit der neuen Nummer der (von ihr herausgegebenen Zeitschrift) ‚Gazette‘, deren Erscheinen unmittelbar bevorsteht“, schrieb Sylvia wenig später einer Freundin. „Ich bin sicher, dass die Leser froh darüber sein werden, dass sie etwas zu lesen bekommen, ob Krieg herrscht oder nicht, und ich glaube, es wird sie beruhigen, wenn sie sehen, dass solche Dinge inmitten aller Wirren weiterlaufen.“ Tatsächlich kamen Sylvia und Adrienne in diesen Monaten immer erst spät ins Bett, derart überfüllt waren ihre Buchhandlungen bis in die Abendstunden.
Sylvia verbrachte die Sommerferien 1939 allein in Savoyen in der Nähe von Chambéry. Dort wurden gegen Ende des Sommers alle jungen Männer durch Anschläge aufgefordert, sich zu ihren Regimentern zu begeben, und in den Familien herrschte große Sorge. Bei ihrer Rückreise hatte Sylvia Glück: Sie erreichte noch den letzten Bus, der von ihrem Ferienort ins Tal von Chambéry fuhr, ehe der junge Busfahrer eingezogen und das Fahrzeug beschlagnahmt wurde. Der Bahnhof in Chambéry wimmelte bereits von Soldaten in voller Montur. Nur mit Mühe fand Sylvia noch einen Sitzplatz im Zug. Im selben Abteil saß eine junge Engländerin mit ihrem Baby, die wegen des drohenden Kriegs rasch nach England zurückkehren wollte. Ihr Mann, der erst später nachkommen würde, verabschiedete sich vom Bahnsteig aus und winkte ihr zu.
Sylvia selbst wäre trotz der düsteren Wolken am politischen Himmel nicht auf die Idee gekommen, Frankreich zu verlassen. Ihr Vater hatte sie mehrfach gebeten, wegen der Kriegsgefahr in die Vereinigten Staaten zurückzukehren. Doch für sie stand das nie zur Debatte. Während ihre in Paris ansässigen Landsleute Henry Miller, Robert Mc Almon und Man Ray es vorzogen, in den Süden des Landes zu fliehen, fand Sylvia, dass sie nach Paris gehörte und anderswo nur unglücklich wäre. Die Schiffsreise in die USA wäre zu gefährlich gewesen, sie hätte dort nur schwer Arbeit gefunden, und sie hätte keine finanziellen Mittel gehabt, wieder nach Frankreich zurückzukehren. Überdies hatte Sylvia in Carlotta Welles Briggs eine Schulfreundin in Paris, die ihr anbot, in ihrem Landhaus Zuflucht zu suchen, sollte die Hauptstadt bombardiert werden. In ihrer Buchhandlung hatte Sylvia Wurzeln geschlagen und in ihrer vermögenden Freundin einen Fels in der Brandung. Was auch immer mit Shakespeare and Company geschehen würde, für Sylvia werde gesorgt, versicherte Carlotta ihr.
Der Text ist ein Auszug aus dem aktuellen Buch von Uwe Neumahr: „Die Buchhandlung der Exilanten. Paris 1940“ (C.H. Beck, 320 Seiten, 26 Euro).
„Die Buchhandlung der Exilanten“ erscheint auch als digitales Hörbuch, gesprochen von Peter Bieringer. Der promovierte Romanist und Germanist Uwe Neumahr arbeitet als Biograf und Sachbuchautor. Sein voriger Bestseller „Das Schloss der Schriftsteller. Nürnberg ’46.“ erschien 2023 (C.H. Beck, jetzt auch als Taschenbuch). Darin geht es um die Literaten, die als Berichterstatter zum Kriegsverbrecherprozess akkreditiert waren, so etwa Erika Mann, John Dos Passos, Erich Kästner, Ilja Ehrenburg, Martha Gellhorn.
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