Michelangelos Fuß, Rembrandts Löwe, Canalettos Venedig. Mit dem Verkauf dieser Werke der Superstars aus der Renaissance, dem Barock und Rokoko entscheiden sich in der kommenden Woche bei den Auktionen in New York, ob die Hoffnungen für die alten Meister weiter so aufblühen, wie es derzeit erscheint.
Christie’s startet am Mittwoch mit der spektakulären, hochformatigen Venedig-Vedute „Die Staatsgaleere an der Mole am Himmelfahrtstag“. Gemalt von Giovanni Antonio Canal, genannt Canaletto, der die visuelle Magie der Lagunenstadt vor fast drei Jahrhunderten erfunden hat. 30 Millionen Dollar soll das Gemälde einspielen. Am selben Tag kontert Rivale Sotheby’s mit der Kreidezeichnung eines jungen Löwen von Rembrandt van Rijn. Das Blatt stiftet US-Milliardär, Philanthrop und Sammler („The Leiden Collection“) Thomas Kaplan zum Schutz bedrohter Wildkatzen – für den Schätzpreis von 15 Millionen Dollar. Mit 1,5 Millionen Dollar am Donnerstag im Angebot bei Christie’s wirkt die Skizze eines menschlichen Fußes, den Michelangelo Buonarroti als Entwurf für die Decke der Sixtinischen Kapelle aufs Papier brachte, geradezu schnäppchenartig. Da dürfte noch viel Luft und Geld nach oben sein.
Doch um qualitätvolle Altmeister zu besichtigen und zu kaufen, reicht in diesem Winter auch eine Reise nach Belgien. Die Brussels Art Fair Brafa (läuft noch bis zum 1. Februar 2026) ist mit 70 Jahren eine der ältesten Messen in Europa und entwickelt sich zur Kronprinzessin hinter der Tefaf im März in Maastricht, der bisherigen Königin aller Kunstmessen.
Zwei Altmeister-Händler an der Spitze der Brafa sorgen für einen Aufschwung, der immer mehr Besucher (75.000 im vergangenen Jahr) und Aussteller (dieses Mal 147, damit 19 mehr als 2025) anlockt. Chairman Klaas Muller aus Lokeren bringt persönlich die Entdeckung des Jahres mit. An der Wand seiner Messekoje hängt ein Gemälde – erstaunlicherweise ohne jegliche Werbung – von Peter Paul Rubens, vermutlich ein Entwurf für einen Apostel Petrus.
In dem wallenden Petrus-Bart entdeckte der Restaurator ein früheres, auf dem Kopf stehendes Frauengesicht. Vermutlich hat der pragmatische Rubens das Bild umgedreht und die junge Frau mit dem Apostel übermalt. Der Preis liegt zwischen einer halben und einer vollen Million Euro, was für einen doppelten Rubens sicher marktgerecht ist. Und falls ihn keiner kauft? Da grinst der stolze Besitzer Muller mit flämischer Gelassenheit: „Dann hängt der Rubens wieder bei mir im Wohnzimmer, ist doch auch ein gutes Gefühl.“
Günstiger als moderne Kunst
Brafa-Vize-Chairman Arnaud Jasper Costermans leitet in sechster Generation die Familiengalerie in einem eleganten Palais mitten im Sablon, dem Antiquitätenviertel von Brüssel. Sein kleiner Star ist ein Wimmelbild in Brueghel’scher Manier. Dem Maler David Vinckboons, ein Amsterdamer mit flämischen Wurzeln, gelang es 1604, auf einem nur 47 Zentimeter breiten Stück Eichenholz rund 200 Menschen vor einer Stadtkulisse unterzubringen.
Jede Figur erzählt eine Geschichte, und die Hauptfigur geht dabei fast unter: Jesus Christus, der am Seeufer predigt. Die Preziose weckte bereits am ersten Messetag Interesse von Museen. „Ein Sammler moderner Kunst fragte mich: Das Bild kostet doch bestimmt 300.000 Euro oder mehr? Ich sagte: Nein, nur 120.000“, berichtet Costermans. „Damit kommst du bei der Moderne nicht weit.“
Genau darin liegt eine Chance, junge Käufer für alte Meister zu gewinnen. Die Preise sind günstig und ihre Zeitlosigkeit weitaus weniger den Aufgeregtheiten der modernen Kunst unterworfen.
Ganz ohne Venedig geht es auch in Brüssel nicht. Für eine verblüffende Architekturfantasie von Canaletto mit San Marco und direkt daneben einer überdimensionierten anderen Kirche ruft der italienische Händler Lampronti satte sechs Millionen Euro auf. Eines der teuersten Stücke der Brafa. Oder wie wäre es mit Rom auf einen Blick – mit Petersdom, Kolosseum, Trajanssäule und Engelsburg neben- und aufeinandergestapelt? Die kuriose Co-Produktion des Italieners Viviano Codazzi und des Niederländers Jan Miel aus dem frühen 17. Jahrhundert kostet bei Ars Antiqua aus Mailand 120.000 Euro.
Den gewaltigsten Wertzuwachs erzielen die lange vergessenen, übersehenen, unterschätzten Malerinnen. Und nicht nur Artemisia Gentileschi, die Prominenteste von allen. So lässt die Pariser Galerie Florence de Voldère ein Blumenstillleben erblühen, das Anna Maria Janssens zugeschrieben ist. Von der Malertochter und Ehefrau von Jan Brueghel des Jüngeren existierte bisher nur ein signiertes Werk. Das in Brüssel präsentierte überbordende Gebinde mit Eichhörnchen wäre nun ihr zweites bekanntes Stück und soll gleich mehrere hunderttausend Euro bringen.
Was noch fehlt in den Messehallen der EU-Hauptstadt Brüssel, sind die Händler, Kunden und Museen aus Ländern außerhalb der Europäischen Union. Besonders um die Amerikaner wollen die Messemacher im kommenden Jahr werben und damit in Konkurrenz der Kunst- und Antiquitätenmesse Tefaf treten.
Nach einer Woche Brafa, zwei Preview-Tagen und einem Dinner mit 2000 Gästen vor den Ständen lassen sich drei Erkenntnisse gewinnen: Erstens wächst der Tefaf gar nicht so weit entfernt eine ernsthafte Herausforderin heran – und Brüssel ist besser erreichbar als Maastricht. Zweitens müssen es nicht allein große Namen der Kunstgeschichte sein, die Menschen begeistern können. Es sind vielmehr die Geschichten hinter den Bildern, ihre Rätsel und ihre Schönheit. Allen Unkenrufen vom angeblichen Aussterben zum Trotz leben sie drittens noch, die Alten Meister. Es sieht sogar nach einer echten Renaissance aus. Das müssen jetzt Rembrandts Löwe und Michelangelos Fuß unter Beweis stellen.
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