Als Marjane Satrapis „Persepolis“ 2004 auf Deutsch herauskam, nachdem es sich in Frankreich schon 200.000-mal verkauft hatte, musste man deutschen Lesern noch erklären, dass ein Comic sehr wohl auch hochpolitische Themen verhandeln kann. 15 Jahre nach Art Spiegelmans „Maus“ war das noch immer nötig. Doch Satrapis Buch trug entscheidend dazu bei, dass heute in „Graphic Novels“ prinzipiell alles verhandelt werden kann, was auch in rein wörtlicher Belletristik möglich ist. „Persepolis“ wurde quasi zum Sofortklassiker – auch darin „Maus“ nicht unähnlich.
In diesen Tagen, während im Iran das alte Regime Zigtausende Menschen umbringen lässt, um sich an der Macht zu halten, lohnt sich die Lektüre von „Persepolis“ mehr denn je. Denn man erfährt, wie die islamische Revolution in Teheran dem Land und der Welt das scheinbar unendliche und unüberwindbare Grauen eingebrockt hat. Erzählt wird die Geschichte durch die Augen eines Mädchens, das die Umwälzung von 1979, den iranisch-irakischen Krieg und die sich immer mehr verschärfende Unterdrückung durch das Ayatollah-Regime zunächst noch sehr naiv sieht.
Man erfährt, dass die persische Revolution von großen Teilen derjenigen, die damals gegen den Schah rebellierten, zuerst keineswegs so „islamisch“ gemeint war, wie sie schließlich ausging, sondern dass die Mullahs unter den revolutionären Fraktionen die geschickteste und machtbewussteste waren. Sie eigneten sich den Sieg schließlich exklusiv an, so wie die Bolschewiki 1917 in Russland. Man wird daran erinnert, dass der heute teils verklärte Schah ein Schlächter war, der sein Schicksal verdient hatte – obwohl ihn seine schiitischen Nachfolger später im Blutvergießen übertrafen.
Aber man nimmt auch Anteil am fast normalen Leben einer bürgerlichen Familie aus Teheran. Da streiten sich Dissidentenkinder, welcher Verwandte am längsten im Gefängnis gesessen hat. Die Großmutter stopft sich Lavendel in den BH und hält die Brüste mit Eiswasser fest. Die Eltern schmuggeln unter Lebensgefahr Kim-Wilde-Poster für die Tochter. Und diese schaut sogar noch lange nach der Revolution in einem „westlichen“ Café zu den Jungs mit den Rod-Stewart-Frisuren rüber. Das alles beschreibt Satrapi in kontraststarken, an Holzschnitte erinnernden Zeichnungen.
Satrapi, die zu diesem Zeitpunkt schon lange im französischen Exil lebte, drehte selbst 2007 zusammen mit Vincent Paronnaud eine Filmversion von „Persepolis“. Im französischen Original sprachen Schauspiellegenden wie Catherine Deneuve und Danielle Darrieux die Rollen der Mutter und Großmutter der jungen Marjane. Ihr selbst lieh Deneuves Tochter Chiara Mastroianni ihre Stimme. Die regierungsnahe Farabi-Organisation in Teheran protestierte dagegen, dass der Film beim Festival in Cannes gezeigt wurde. Damals war das Regime noch um sein Image besorgt. Mittlerweile pfeift es darauf. Für das nackte Überleben kann das Image des Furcht einflößenden Schlächters sogar kurzfristig hilfreicher sein.
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