Berlin mal wieder. Die Hauptstadt der Kapitulation vor den Verhältnissen. Die Avantgarde des Niveausenkens. Dort lesen Schüler an Gymnasien Klassiker wie Lessing, Goethe und Schiller häufig nicht mehr im Original, sondern in sprachlich vereinfachten und um bis zu 15 Prozent gekürzten Versionen – beispielsweise aus der Reihe „Einfach deutsch“ des Cornelsen-Verlags. Seit der „Tagesspiegel“ über diese Praxis berichtet hat, wird in sozialen Medien kulturpessimistisch über einen weiteren Zivilisationsverlust getrauert.
Man muss die Vergangenheit nicht im goldenen Licht verklären. Es gab schon immer Schüler, die lieber „Königs Erläuterungen“ gelesen haben als sich mit dem echten Goethe oder Schiller zu mühen. Im Zeitalter der KI sind die Abkürzungen für alle, die es sich gerne leicht machen, noch vielfältiger geworden.
Neu ist allerdings, dass Studienräte von vornherein darauf verzichten, Schüler mit Lektüre in der originalen Sprache der Dichter zu behelligen. Zwar gibt es immer noch engagierte Lehrer, die Jugendlichen diese Texte zumuten und es schaffen, bei der besseren Hälfte darauf sogar Neugier und Begeisterung zu wecken – aber sie werden weniger. Und der Verdacht liegt nahe, dass die Fähigkeit, ältere anspruchsvolle Texte zu verstehen, nicht nur bei den Schülern abnimmt, sondern sogar bei den Lehrern. An den Universitäten sind Germanistikstudenten, die kaum etwas anderes lesen als Colleen Hoover, keine bizarren Einzelfälle mehr.
Der absurdeste Beitrag zu dieser neuen Klassikerdebatte kommt, wie man es mittlerweile fast erwartet, vom Landesschülerrat Berlins. Dessen Sprecher lässt sich im „Tagesspiegel“ zitieren: „Im Deutschunterricht gibt es bei ‚Faust‘ oder ‚Der zerbrochne Krug‘ wenig bis gar keine Anknüpfungspunkte für viele Schüler mit Migrationsgeschichte.“ Dem liegt das umgekehrt rassistische Missverständnis zugrunde, biodeutsche Schüler hätten ein Klassiker-Gen, das es ihnen ermögliche, Goethe und Kleist leichter zu verdauen – was Migrantenkindern qua Herkunft unmöglich sei.
Die Wahrheit ist, dass mindestens seit 150 Jahren auch deutsche Schüler nicht mehr in die Welt von Goethe und Kleist hineingeboren werden, wie sich das der junge Mann offenbar vorstellt. Dafür haben die industrielle Revolution, die Asphaltmoderne und der Aufstieg der Massenkultur gesorgt. Auch vorher kam schon kein Deutscher mit dem silbernen Löffel zur Welt, der ihn die Klassiker leicht einschlürfen ließ. In Wahrheit waren gerade „Faust“ und der „Zerbrochne Krug“ bereits für die Zeitgenossen sehr anspruchsvoll und fordernd.
Der Unterschied war allerdings: Früher gab es mehr Schüler und Lehrer, die wussten, dass sich Anstrengung lohnt. Man ahnte, dass man nach der mühseligen Lektüre eines halbverstandenen Textes ein klügerer und vielleicht sogar besserer Mensch sein würde. Ob dieses große Versprechen auch eingelöst wird, wenn man Klassiker in tiefergelegten, verdünnten und entfärbten Fassungen liest? Kaum.
Dann soll man es doch lieber ganz lassen. Ein vereinfachter „Faust“ ist kein „Faust“ mehr, sondern Etikettenschwindel. So als würden Lehrer das große Einmaleins als „Differenzialrechnung“ ausgeben oder banalste elektrische Experimente als „Quantenphysik“. Dann doch lieber dem Vorschlag des Berliner Landesschülersprechers folgen und gleich nur noch Texte des Rappers Haftbefehl im Deutschunterricht analysieren. Das wäre dann wenigstens wieder ein Original und kein – wie Goethe gesagt hätte – Blendwerk.
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