Alles fließt. Ein Aphorismus? Eine Plattitüde? Heraklit? Die Kontinuität liegt im beständigen Wandel – gerade im Kunsthandel und an seinen Mechanismen ist das gut abzulesen. In den späten 2000er- und 2010er-Jahren gingen die Preise durch die Decke. Unentwegt schienen neue Supertalente entdeckt zu werden. Dem Marktbeobachter wurde es ganz schwindelig in der Preisspirale.
Doch dann konnte man auch eine Zentrifugalwirkung feststellen. Der im Art-Flipping-Wahn (junge Positionen kaufen, schnell mit Gewinn weiterverkaufen, weiter, weiter) immer teurer werdende „emerging artist“ wurde doch langfristig nicht so bedeutsam wie von Spekulanten erhofft, sondern aus dem Karussell gekippt. Der letzte Käufer eines Kunstwerks war dann – auf lange Zeit oder für immer – der Gekniffene.
Dem versuchten die Galerien mit Weiterverkaufsklauseln zu begegnen, mit sorgfältigerer Auswahl der Käufer. Inzwischen hatten die Banken Kunst als veritables Asset im Portfolio akzeptiert. Damit und mit den manchmal hanebüchenen Bewertungen ließ sich etwas (nicht nur Zuträgliches) anfangen. Öffentlichkeitswirksame Auftritte etwa im Konvoi der großen internationalen Kunstmessen brachten unermessliches Prestige, auch Macht. Pressemeldungen mit hysterischen Ergebenheitsadressen und eine Menge Hörensagen hinter vorgehaltener Hand tat ein Übriges.
Unbeirrt bewegten sich in diesem aufgeheizten Klima die je nachdem enthusiastischen oder nüchternen Sammler und trugen kenntnisreich die Kunstwerke zusammen, die ihrem Gusto und ihren Mitteln entsprachen. Die konnten durchaus respektabel sein. So manche Arbeit, etwa aus den 1920er-Jahren und der Nachkriegszeit – ein Max-Beckmann-Gemälde, ein Bild von Wassily Kandinsky, von Ernst Ludwig Kirchner, erst recht von Gerhard Richter –, verbesserte sich im Wert rasant. Ein gehöriger Wandel in der Bewertung vollzog sich geschmeidig und unaufhaltsam. Der Sammler sah es mit Genugtuung.
Wenn bei steigenden Preisen plötzlich die Nachfrage steigt
Grundsätzlich gilt, dass der Kunstmarkt eine Handelsplattform für Unikate ist. Das macht ihn so besonders. Vergleichspreise sind bestenfalls (eher unspezifische) Anhaltspunkte. Auktionsergebnisse spiegeln das Ereignis eines Augenblicks wider, das vielleicht schon kurz darauf seine Gültigkeit verloren hat. Jedenfalls hatte sich Kunst angesichts der gefühlten Transparenz der Auktionen spätestens Ende der 1990er-Jahre als Anlageklasse sowie als Investitions- und Spekulationsobjekt etabliert.
Der sogenannte Veblen-Effekt verstärkte dies noch. Dieser volkswirtschaftlichen Erkenntnis zufolge steigt – anders als bei klassischen Gesetzmäßigkeiten in Bezug auf das Kaufverhalten – bei bestimmten Gütern die Nachfrage, sobald deren Preis steigt. Werke bildender Kunst können von diesem Effekt, der Signale von Exklusivität und Erfolg aussendet, profitieren.
Laut dem Marktforschungsunternehmen ArtTactic gingen die Verkäufe bei den großen Auktionshäusern Christie’s, Sotheby’s und Phillips im ersten Halbjahr 2025 im Vergleich zum gleichen Zeitraum 2022 um 44 Prozent zurück. Das ist ein Loch von rund drei Milliarden Dollar. Trotz oder gerade wegen dieser unerfreulichen Umsatzzahlen gaben Ausnahmeveranstaltungen wie die Versteigerung der exquisiten Sammlung Karpidas bei Sotheby’s mit einem Gesamtergebnis von 100 Millionen Dollar Anlass zum Jubel. Die Versteigerung der Sammlung Hegewisch bei Christie’s, deren zweiter Teil nun ansteht, wird dem in Nichts nachstehen.
Ohnehin werden demnächst erbbedingt mehr über lange Jahre zusammengetragene Sammlungen zum ersten Mal seit Jahrzehnten auf den Markt kommen. Diese Fülle an marktfrischen erstklassigen Kunstwerken könnte eine stärkere Professionalisierung des Sammelns herbeiführen. Die neue Generation von Sammlern ließe sich möglicherweise nicht länger von eventuellen Blitz-Gewinnen leiten, gar von erratischer Leidenschaft.
Sie hat die kunsthistorisch gesicherten, die soliden Vermögenswerte im Blick, auch wenn ihre persönlichen ästhetischen Vorstellungen anders gelagert sind. Ein gut gereifter Pragmatismus ist angesagt. Die geopolitischen Konflikte, die ökonomischen Konstellationen legen das auch dem liquiden Sammler nahe. Er zögert – man kann es ihm nicht verübeln.
Jetzt kommen die Schätze der Boomer unter den Hammer
Nach ausgiebiger Sammeltätigkeit von deutscher Kunst des 20. Jahrhunderts ist es für viele der älteren Boomer an der Zeit, sich mit dem Fortbestand ihres Lebenswerks zu beschäftigen. Sie werden feststellen, dass ihre zahlenmäßig starke Generation sowie die Prioritäten der vergangenen Jahrzehnte derzeit zu einem üppigen Angebot von Blumenaquarellen von Emil Nolde, bayerischen Landschaften von Gabriele Münter und Abstraktionen von Ernst Wilhelm Nay geführt hat. Demgegenüber steht ein höfliches Desinteresse so mancher Erben.
Die wenigsten möchten die Sammlung im Sinn der Sammler fortführen. Die Jungen, wird gern behauptet, seien vielmehr von Handtaschen, Oldtimern und Schmuck angetan. Ob das so stimmt? Womöglich hält sich lediglich ihre Begeisterung für mediokre Exemplare der Klassischen Moderne und Nachkriegskunst in Grenzen. Das Augenmerk der jüngeren Sammler, die sich auch aktiv um Kunst bemühen, richtet sich auf symbolistische, surreale oder futuristische Themen, genauer gesagt: auf Motive, die ihre persönlichen, zeitgemäßen Lebensbedingungen und -fragen verhandeln.
Folglich stellt sich dem künftigen Erblasser die Frage, ob er seine Sammlung komplett veräußern will. Etwa in einer Auktion, damit seine Kinder und Enkel den aufgeteilten Erlös streitvermeidend investieren können. Vielleicht sogar erneut in Kunst. Man kann auch versuchen, die Sammlung als Dauerleihgabe einem Museum zu überlassen. Das ist aber alles andere als einfach. Es gefällt den Erben nicht, und die Museen sträuben sich, als Zwischenlager missbraucht zu werden.
Wann die Gründung einer Stiftung Sinn ergibt
Dann kann sich die Frage stellen: Soll eine Segmentierung wenigstens den teilweisen Erhalt als Grundbestand einer Kunststiftung berücksichtigen? Das ist unter Einhaltung strenger behördlicher Vorschriften und mit einigem Aufwand möglich. Die Vorteile gemeinnütziger Stiftungen sind, gelinde gesagt, sehr überzeugend, denn sie sind unter bestimmten Voraussetzungen von Körperschafts-, Schenkungs- und Erbschaftssteuer befreit.
Zehn Jahre nach der Gründung, also nach der Erbschaft, können Verkäufe aus dem Stiftungsvermögen steuerfrei getätigt werden. Statuten sichern bei Gründung, dass eine rechtliche Struktur geschaffen ist, die den langfristigen Erhalt und die Nutzung im öffentlichen Interesse (Ausstellungen, Forschungszwecke, Kunstförderung), also die bedingungslose Gemeinnützigkeit sicherstellt. Voraussetzung ist zudem, dass idealerweise mit mindestens 50.000 Euro Vermögen ergänzend zu den Kunstwerken für Pflege und Betrieb bereitgestellt wird. Damit hält man allen Beteiligten das Finanzamt vom Leib – Erbstreitigkeiten ergeben zudem überhaupt keinen Sinn.
Aktuell erleben wir den Markt in gravierenden Turbulenzen. Zu welchen Veränderungen führt der derzeitige Abschwung? Handelt es sich um einen zyklischen Neustart oder um ein Anzeichen für den Geschmackswandel einer jüngeren Generation? Das Spektrum der Meinungsführer ist breiter geworden, postulierte Dirk Boll, stellvertretender Vorsitzender für Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts bei Christie’s kürzlich in einem Round-Table-Gespräch über Dynamiken des Kunstmarkts. Es umfasse zwar Kunstkritiker, bedeutende Sammler, Besitzer von Privatmuseen und Galerien, die über Publikum und Sichtbarkeit verfügen, offensichtlich aber auch bestimmte Medien, soziale Netzwerke und die Community als solche.
Naturgemäß ist es einfacher, eine Krise zu verstehen und ihren Charakter zu beurteilen, wenn sie vorbei ist. Was allerdings jetzt deutlich wird: Wir befinden uns in einer Transformationskrise, in der manch Überkommenes verschwinden wird. Mit den Mitteln und Methoden der Vergangenheit lässt sich auch im Kunstmarkt die Zukunft nicht gestalten.
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