Ständig wird mit Blick auf den heutigen Politikbetrieb die Apokalypse der 1920er und 30er Jahre an die Wand gemalt, um sie im gleichen Atemzug zu negieren. Selbst Friedrich Merz nahm kein Blatt vor den Mund, als er voriges Jahr, noch im Bundestagswahlkampf, bemerkte: „Weimar ist gescheitert an der mangelnden Fähigkeit der politischen Parteien der demokratischen Mitte, zu gemeinsamen Lösungen zu kommen.“
Wie dieses Scheitern konkret vonstatten ging, lässt sich jetzt in einem neuen Büchlein studieren. Es trägt den Titel „Idiotenführer durch die Regierungskrise“ und versammelt Texte von Carl von Ossietzky aus der historischen „Weltbühne“. Es sind nicht nur Texte aus der Spätphase der Weimarer Republik, als das Scheitern der Demokratie offensichtlich wurde, sondern auch aus den sogenannten „fünf guten Jahren“ der Weimarer Republik. So bemerkt Ossietzky 1927: „In der gesamten europäischen Politik herrscht zurzeit offensichtlicher Talentemangel“. Ein weiterer Artikel von 1927 über den „Wiener Bastillensturm“ macht deutlich, wie sehr der von den Nazis 1938 vollzogene Anschluss Österreichs schon in den 1920er Jahren Thema war.
Auch Ossietzkys titelgebender Beitrag „Idiotenführer durch die Regierungskrise“ erschien 1927 in der „Weltbühne“ und macht neugierig, vor allem mit Blick auf die viel zitierten „Weimarer Verhältnisse“. Diese Formulierung wird seit circa zehn Jahren immer öfter bemüht, anfangs, um Parallelen von heute zu den 1920er Jahren zurückzuweisen. Inzwischen, um bestimmte Vorgänge der politischen und publizistischen Polarisierung zu spiegeln, nach dem Motto: So weit könnte es wieder kommen.
In der Weimarer Republik war der Parlamentsbetrieb in destruktiver Beschäftigung mit sich selbst gefangen. Es gab 20 wechselnde Regierungen in den 14 Jahren zwischen Januar 1919 und Januar 1933. Um den Jahreswechsel 1926/27 stand gerade das 14. Kabinett vor dem Aus, und Ossietzky sah in Scholz einen Garanten zur Verlängerung jeder Krise bis hin zur „permanenten Krise, der Krise an sich: dem hohen Ziel deutscher Staatskunst“. Scholz? Gemeint sein dürfte – leider, ohne dass ein Kommentar oder eine Fußnote dies erklären würde – Ernst Scholz, der langjährige Fraktionsvorsitzende der DVP. Auch wenn wenige Sätze später kommentarlos von der „T.U.“ die Rede ist (vermutlich: „Telegraphen-Union“, die tickernde Nachrichtenagentur der damaligen Zeit), hätte dies erklärt gehört. Eine Herausgeberschaft, die – von raren Ausnahmen abgesehen – kaum etwas erläutert, was für heutige Leser nicht selbsterklärend ist, muss sich fragen lassen, ob sie ihre Hausaufgaben gemacht hat.
Nicht nur, weil seit Mai 2025 wieder eine Möchtegern-„Weltbühne“ die Berliner Kiosk bestückt (eine kleinformatige Zeitschrift im roten Look des Originals), ist man freudig überrascht über die zehn Texte aus der historischen „Weltbühne“.
Ossietzky war im April 1926 zur „Weltbühne“ gekommen, der – mit 12.000 Exemplaren Auflage nie massenwirksamen, aber legendären – Zeitschrift, die 1905 von Siegfried Jacobsohn als „Schaubühne“ gegründet worden war und seit 1918 als „Weltbühne“ firmierte. Nach dem Tod Jacobsohns im Dezember 1926 hatte kurzzeitig zunächst der langjährige Redakteur Kurt Tucholsky die Geschäfte übernommen, bevor 1927 Ossietzky neuer Herausgeber wurde – und darüber einer der bekanntesten Publizisten der Weimarer Republik. Für Aufmerksamkeit sorgte unter anderem der „Weltbühne“-Prozess, der Ossietzky wegen angeblichen Verrats militärischer Geheimnisse gemacht wurde: 1929 hatte er über die qua Versailler Vertrag verbotene, doch heimlich betriebene Aufrüstung der Reichswehr berichtet. Das Reichsgericht Leipzig verurteilte Ossietzky im November 1931 dafür zu 18 Monaten Haft. Er trat die Strafe im Mai 1932 an und wurde zum Jahresende 1932 vorzeitig entlassen.
1932 lief noch ein zweiter Strafprozess gegen Ossietzky, und zwar wegen eines Artikels von Tucholsky, in dem der berühmt-berüchtigte Ausspruch „Soldaten sind Mörder“ fiel; dieser Prozess endete 1932 mit einem Freispruch. Kurz nach der Regierungsübernahme durch die Nationalsozialisten und dem Reichstagsbrand wurde Ossietzky im Februar 1933 erneut verhaftet und später ins KZ deportiert. Nach seiner Entlassung 1936 wurde Ossietzky, der seit dem Weltkrieg überzeugter Pazifist war, rückwirkend der Friedensnobelpreis für 1935 zugesprochen. 1938 starb Ossietzky an den Folgen der KZ-Haft.
Für den Herausgeber Alexander Kluy steht Ossietzky heute am Beginn einer internationalen Reihe von aufrechten Dissidenten gegen den Despotismus, die von Ossietzky über Martin Luther King, Andrej Sacharow und Liu Xiaobo bis hin zu Alexej Nawalny reicht.
So rührig und engagiert das Nachwort von Alexander Kluy ausfällt, so sehr lässt das Bändchen an sich viele wichtige Informationen vermissen. Erstens fehlt – von raren Ausnahmen abgesehen – fast jede Form von Kommentierung, viele Namen aus dem damaligen Politikbetrieb sind nicht mehr geläufig. Zweitens sollte man die Leser wissen lassen, dass Ossietzky – ähnlich wie Tucholsky – Pseudonyme benutzte. So war etwa der „Idiotenführer durch die Regierungskrise“ in der „Weltbühne“ vom 4.1.1927 mit Lucius Schierling gezeichnet, unter dem Namen Ossietzky wird man den Beitrag in der historischen „Weltbühne“ im Internet Archive nicht finden. Leider muss man, was editorische Sorgfalt anbelangt, inzwischen fast ein wenig vor den Büchern des in Innsbruck und Wien ansässigen Limbus-Verlages warnen. Auch ein 2023 erschienenes Bändchen mit Walter-Benjamin-Texten war komplett vermurkst, was die Datierung der Originalpublikationen in der „Literarischen Welt“ von Willy Haas anging.
Sieht man über die ungenügende Editionsarbeit hinweg, bietet das Ossietzky-Büchlein dennoch Aha-Momente, etwa wenn Ossietzky in der „Weltbühne“ vom 14. April 1931 bemerkt, dass die Demokratiefreunde den Schuss nicht hören wollen: „Morgen wird wieder alles in Ordnung sein und wieder werden, wie es war. So denken die Routiniers demokratischer Niederlagen und sehen die Zukunft trocken und heiter vor sich. Hier liegt der fundamentale Irrtum.“ Und weiter: „Die nationalsozialistische Bewegung ist weder durch die Bedeutung ihrer Führer noch durch die Überzeugungskraft ihrer Programme groß geworden, sondern durch die verbrecherische Unzulänglichkeit einer Pseudodemokratie und die Feigheit eines parlamentarischen Regimes, das niemals gewagt hat, eines zu sein.“ Ossietzky abschließend: „Was heute braune Hemden trägt, läuft morgen vielleicht in blauen oder violetten herum.“
Carl von Ossietzky: „Idiotenführer durch die Regierungskrise“. Hg. von Alexander Kluy. Limbus, 96 Seiten, 15 Euro.
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