Kleine Quizfrage: Was haben die USA, Afghanistan, Syrien, Venezuela, Taiwan, aber möglicherweise auch Deutschland gemeinsam? Sie stehen vor einem politischen Systemwechsel oder haben ihn bereits vollzogen. Auch wenn es nur der Wechsel von einer repräsentativen zu einer autoritären Demokratie ist. Weite Teile der Bevölkerung in den betreffenden Ländern wünschen sich den Wechsel. Für mutmaßlich ebenso viele ist er der blanke Horror.
Aber was passiert, wenn dergleichen geschieht? Wie erfasst es den Einzelnen? Dafür haben wir das spektakulärste, glücklicherweise auch besterforschte Beispiel nach wie vor mit der Französischen Revolution. Sie wird nicht umsonst mit Majuskeln geschrieben. Denn es handelt sich hier um die Revolution schlechthin. Sie vollzog nicht nur den Übergang von der Monarchie zur Volksherrschaft, vom Ancien Régime in die Moderne. Sie bildete mit ihrer sich über mehrere Jahre hinziehenden Radikalisierung und Dehumanisierung auch das Paradebeispiel für einen zivilisatorischen Bruch, der meist mit Systemwechseln einhergeht – die Implosion der Sowjetunion und ihrer Trabanten bildet in der Geschichte bekanntlich die Ausnahme.
Für das System, das ab 1789 hinweggefegt wurde, steht ebenfalls noch immer unangefochten an erster Stelle das Herrscherpaar: König Ludwig XVI. und Königin Marie Antoinette. Beide landeten nach einer Kaskade von Demütigungen und Drangsalierungen wie gemeine Verbrecher auf dem Schafott. Ihre Fallhöhe war vor allem im Hinblick auf die Königin so ungeheuer, weil sie zuvor als Inbegriff des (im Wortsinne) leichtsinnigen, des lebensfrohen Rokoko gegolten hatte. So ist sie in unser kollektives Gedächtnis eingegangen. Zuletzt zugespitzt in Sofia Coppolas Kultfilm „Marie Antoinette“, der die Tochter von Kaiserin Maria Theresia 2006 als eigenwillige Stilikone zeigte.
An Marie Antoinette hat sich früh die kollektive Fantasie entzündet: Sie war schon zu Zeiten des Ancien Régime in Frankreich eine Hassfigur als Österreicherin, Ausländerin, Sexsymbol – und das, obwohl sie sieben Jahre warten musste, bis der König bereit war, seine Phimose operieren zu lassen, um die Ehe mit seiner Frau vollziehen zu können. Und eine außereheliche Beziehung war der Königin, wenn überhaupt, erst vergönnt, als sie entmachtet war: mit dem attraktiven schwedischen Graf Fersen.
Stoischen Märtyrerin
Im 19. Jahrhundert wiederum faszinierte die Menschen an Marie Antoinette vor allem der Opfergang einer Frau, die sich unter den unmenschlichen Bedingungen ihrer letzten Lebensjahre zur nahezu stoischen Märtyrerin emporläuterte. Festgeschrieben hat dieses Narrativ Stefan Zweig 1932 in seiner vielgelesenen romanhaften Biografie, die den bezeichnenden Untertitel „Bildnis eines mittleren Charakters“ trug. Noch die große Gedenkausstellung im Pariser Grand Palais, die der Opernregisseur Robert Carsen 2008 kuratierte und die fast ein ganzes Jahr lang lief, stand im Bann dieser Sicht.
Aber wie verhalten sich diese suggestiven Narrative zur Wirklichkeit? Und kann man dieser Wirklichkeit überhaupt noch beikommen? Die Antwort heißt ja. Denn wir besitzen eine einzigartige Nahsicht auf Marie Antoinette. Sie stammt von einer für ihre Zeit ungewöhnlich gebildeten Frau: Henriette Campan.
Knapp überlebte Madame Campan die Revolution, gründete unter Napoleon ein Mädchenpensionat, später stand sie einem Ausbildungsinstitut für die Töchter gefallener Soldaten vor. Als die Bourbonen 1814 wieder an die Herrschaft gelangten, fiel sie in Ungnade. Ihre letzten Jahre verbrachte sie mit dem Schreiben ihrer Memoiren. Sie erschienen im Jahr ihres Todes 1822 und trugen den Titel „Mémoires sur la vie privée de Marie-Antoinette, reine de France et de Navarre (Erinnerungen an das Privatleben von Marie Antoinette, Königin von Frankreich und Navarra“). Niemand, der damals noch als Zeitzeuge des untergegangenen Ancien Régime lebte, hat den dokumentarischen Wert dieser Aufzeichnungen infrage gestellt. Auf Deutsch lagen sie bisher nicht vor.
Hans Pleschinski, Romancier sowie der mutmaßlich größte Kenner und Liebhaber des 18. Jahrhunderts, den wir in Deutschland haben, hob nun den Schatz. Er übersetzte ihn, kürzte ihn behutsam, gab ihn zusammen mit knappen Erläuterungen im Text sowie einem instruktiven Nachwort heraus und lässt diesen epochalen Text der von 1770 bis 1792 als Erste Kammerfrau Marie Antoinettes amtierenden Domestikin als das gelten, was er ist: ein überaus anschauliches und zum Nachdenken auch über unsere Zeit anregendes Zeugnis dessen, was wir heute regime change nennen.
Die Campan lebte ein Vierteljahrhundert lang „in der Blase von Versailles“, wie es bei Pleschinski heißt, und diese Blase mit ihren Ritualen, ihrer Prachtentfaltung, Intrigen, vor allem aber ihrem Ausgerichtetsein auf das Herrscherpaar und dessen Gunst wird hier detailreich lebendig. Die Campan vergisst nicht zu betonen, dass die exponierte Stelle des Königs und seiner Gemahlin vor allem für letztere ein goldener Käfig war: „Die Könige haben kein Privatleben, die Königinnen keine Räume für sich allein. Herrscher sind unablässig von Menschen umgeben, die einer Nachwelt ihre persönlichen Gepflogenheiten überliefern; der geringste Diener plaudert aus, was er gesehen oder gehört hat, der Klatsch verbreitet sich in Windeseile und wird zur öffentlichen Meinung, die plötzlich auftaucht, anwächst und die gekrönten Häupter in einem Licht zeigt, das oft falsch ist, aber unauslöschlich bleibt.“
Was der Klatsch hingegen nicht erfasst zu haben scheint und was die Memoirenschreiberin nun nachliefert, ist der Reformeifer, der Versailles seit Beginn der 1780er-Jahre ebenfalls erfasst hatte, auch König und Königin. Was wurde nicht alles ersonnen, um zu sparen. Wer wurde nicht alles eingestellt, ausgewechselt, erneut berufen, um die Selbstblockade eines Systems, das vor dem Kollaps stand, zu durchbrechen. Marie Antoinette beteiligte sich am Brainstorming. Beispielsweise warb sie dafür, den Hofstaat von Versailles ganz einfach aufzulösen und ins kleinere Schloss Saint Cloud umzuziehen, mit reduzierter Dienerschaft. Das hätte aber eine Renovierung von Saint Cloud vorausgesetzt, will sagen Geld gekostet. Und so wurde die Idee verworfen, wie so viele andere auch: Das System erwies sich als unfähig zur Selbstreform. Wie bekannt kommt uns das heute vor!
Kerkerhaft mit wenig Menschenwürde
Was wir (noch) nicht kennen, sind die Horden von Barbaren, die im Zuge des regime change das Leben der Herrschenden und ihrer Getreuen vor allem nach der gescheiterten Flucht der königlichen Familie 1791 immer unsicherer machten. Jetzt wurden die vormals höchsten Herrschaften wie Gefangene gehalten; in der Nacht, bevor sie wieder in Versailles ankam, verfärbte sich das Haar der 36-jährigen Marie Antoinette schlohweiß. Nun verschaffte sich der Mob zunehmend Zugang zum ungenügend gesicherten Schloss von Versailles, erst recht dann zu den mitten in Paris liegenden Tuilerien, bis schließlich die Kerkerhaft von der Menschenwürde der königlichen Familie fast nichts mehr übrigließ.
Spätestens seit 1792 ständig konfrontiert mit Schmähungen, Drohungen, Verleumdungen, bisweilen in direkter körperlicher Konfrontation, dazu innerlich belastet durch die beständige Angst um das eigene sowie das Leben ihrer Lieben, brachte es Marie Antoinette offenbar fertig, eine schier unglaubliche Resilienz zu entwickeln. Mirabeau hat von ihr gesagt: „Der König hat nur einen einzigen Mann, und das ist seine Frau.“ Und nach dem Sturm des Mobs auf Versailles, bei dem tausend Schlossbedienstete ihr Leben ließen, während das Königspaar noch einmal davonkam, beruhigte Marie Antoinette ihre Erste Kammerfrau mit den Worten: „Ich bin bei Kräften. Das Unglück verleiht große Kraft.“
Wollen wir ihr wünschen, dass es so gewesen ist! Vielleicht hatte zu ihrem Stoizismus auch die Einsicht beigetragen, dass ihr schreckliches Ende eben auch politisch folgerichtig war. Denn Revolutionen und regime changes vollziehen sich meist ohne Ansehen der Person. Sie gebärden sich als Naturgewalt, vorhuman, inhuman. Diese Botschaft vermittelt jedenfalls dieses aufrüttelnde Buch. Lernen wir daraus!
Hans Pleschinski (Hrsg.): „Das kurze und verschwenderische Glück der Königin Marie Antoinette. Die Aufzeichnungen ihrer Kammerfrau Henriette Campan“. C.H. Beck, 346 Seiten, 26 Euro.
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