Der Hase ist das Totemtier der Literatur, jedenfalls desjenigen Teils, der nicht geradeaus erzählend und vorhersehbar von Start zu Happy End eilt. Der Hase schlägt Haken, läuft im Zickzack, ist schwer zu ergreifen und langt an, wo es der hinterherjagende Leser nicht erwartet. Die junge Autorin Maren Kames hat das mit ihrem 2024 für den Buchpreis nominierten Werk „Hasenprosa“ exemplarisch vorgeführt. Zu ihren berühmten Vorgängern zählt der argentinische Schriftsteller César Aira, dessen Roman „Der Hase“ von 1991 nun – mit schwer entschuldbarer Verspätung, dafür von Christian Hansen brillant übersetzt – auf Deutsch erscheint.
Es ist ein historischer Roman jener vor dreieinhalb Jahrzehnten angesagten postmodernen Sorte, in denen die klischeehaften Narrative einer vergangenen Epoche ironisch unterlaufen werden. Sein titelgebender Hase ist das Ziel einer zoologischen Expedition, die ein englischer Forscher namens Clarke um die Mitte des 19. Jahrhunderts ins Landesinnere Argentiniens unternimmt.
Sie führt ihn in die Pampa und zu den großen Salzwüsten, in eine Region, in der damals noch ein Staat der Mapuche-Indianer von gewaltigen Ausmaßen bestand. Es ist die Epoche vor den gewaltsamen Vertreibungen, die in Südamerika analog zu den Indianerkriegen des Nordens stattfanden.
Clarke ist für seine Reise „in die Wildnis“ bestens vorbereitet, denn er hat im anthropologischen Fernstudium mehr als ein Dutzend Mapuche-Sprachen gelernt und ist auch sonst kulturwissenschaftlich hochversiert. Das hindert den Forscher freilich nicht daran, die ihm begegnenden Indianer mit allerlei „westlich“-kolonialen Stereotypen zu belegen: Sie seien träge, faul und betrunken, redeten wirres Zeug und versuchten ständig, ihn an der Nase herumzuführen.
Das ist für heutige, an politische Korrektheit gewöhnte Leser durchaus provokativ. So etwa die typische Beschreibung eines Indianerhäuptlings: „Coliqeo war groß, dünn, schlaksig, dunkelhäutig wie ein Afrikaner, mit einem Gesicht wie ein chinesischer Gangster und langen, in Kamillenblütensud aufgehelltem Haar. Er trug eine schmuddelige Armeeuniform, weit aufgeknöpft über seinem fettglänzenden, schmächtigen Oberkörper; denn so grob waren sie, dass sie sich, auch wenn sie Kleider trugen, vorher einfetteten. Wie alle Indianer trank er; und besaß jenes animalische Ich-weiß-nicht-was, eine irgendwie verschlagene Grausamkeit, die den Indianern ihr emsiger Alkoholkonsum verlieh.“
In solchen Passagen parodiert Aira die kolonialistische, von rassistischen Stereotypen durchtränkte Literatur, die einst dazu diente, den imperialen Machtanspruch der Europäer durch kulturelle Überlegenheit zu legitimieren. Tatsächlich zersetzt Airas Erzählung alle klaren Oppositionen von Wild versus Zivilisiert, Natur versus Kultur, Instinkt versus Vernunft.
Das beginnt bei dem vermeintlich so britisch-rational daherkommenden Clarke, der sich stets nur treiben lässt, ohne Plan und Ziel: Der ominöse Hase, auf dessen Spuren er zu sein vorgibt, ist nur ein Vorwand für eine Irrfahrt unter immer fantastischeren Vorzeichen. Irgendwann auf seiner Mission übernimmt Clarke gar selbst das Kommando über eine Indianerarmee, die er während einer blutigen Stammesfehde in die Schlacht führt.
Zugleich treten ihm die Indianer als strukturalistisch geschulte Theoretiker gegenüber. Einer verwickelt Clarke in eine hochironische Debatte über den Realitätsgehalt der in seinem Volk überlieferten Hasen-Mythologie: „Wir Indianer sind sehr unwissend, sehr ungeschickt, wir verstehen weder das Winzigkleine noch das Riesengroße, und um das Dazwischen machen wir uns keine Gedanken … der Hase kann die Figur aus einer Erzählung sein, und die Erzählung fliegt über diskontinuierliche Territorien“. Die Indianer reden so, als hätten sie Lévi-Strauss, Barthes und Lacan studiert und dann sämtliche der im Paris des Jahres 1968 verfügbaren Drogen eingeworfen.
César Aira, geboren 1942, ist einer der bedeutendsten Schriftsteller Lateinamerikas, der vor allem mit seinen Kurzromanen (von denen es Dutzende gibt) Kultstatus erworben hat und seit Jahren als heißer Nobelpreiskandidat gilt. „Der Hase“ ist ein frühes Werk, in der spanischsprachigen Welt längst ein Klassiker des postmodernen Romans. Tatsächlich lässt er sich auch lesen als eine Kritik des in den 1970ern und -80ern so modischen Theoriejargons. Seine Handlung, idealtypisch-strukturalistisch konstruiert mit Wiederholungen, Dopplungen, Zwillingsmotiven, Schwellenüberschreitungen und Kreismotiven mündet in einer Familienzusammenführung im Gebirge, die dem Schlussakt einer Shakespeare-Komödie in nichts nachsteht.
Am Ende schwafeln alle, Indianer wie Forscher, Beobachtete wie Beobachter, wie ein linguistisches Oberseminar auf Pampa-Exkursion: Die horizontweite, scheinbar immergleiche Graslandschaft ist eine Tabula rasa, auf die alle möglichen Deutungen eingetragen werden können. Der Hase aber ist einfach nicht zu fassen.
César Aira: „Der Hase“. Aus dem Spanischen von Christian Hansen. Matthes & Seitz, 240 S., 24 Euro.
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