Eine höhere Ehre kann es nicht geben, als den eigenen Namen als Eintrag im Oxford English Dictionary wiederzufinden: Stoppardian findet sich im englischen Wörterbuch seit 1978; es bedeutet so viel wie eine clevere Mischung aus intellektuellem Wortwitz, Situationskomik und philosophischer Reflexion. „Naja“, sagte Tom Stoppard in einem Interview anlässlich seines 80. Geburtstags vor ein paar Jahre auf sein Leben zurückblickend, „es meint auch: zu viele Ideen auf einmal“ und fügte kühl hinzu: Er könne in seiner Arbeit eben mit abstrakten Fragen mehr anfangen als mit irgendwelchen Geschichten.
Tom Stoppard einen der wichtigsten Dramatiker der britischen Nachkriegsgeschichte zu nennen, wäre eine Untertreibung: Stoppard war, nach Samuel Beckett und Harold Pinter, der Dramatiker, der jahrzehntelang das britische Theater prägte und fortführte, immer mehr auf ästhetische Abstraktion als auf sozialen Realismus gerichtet – und gleichzeitig einer der umtriebigsten und kommerziell erfolgreichsten Filmdrehbuchautoren seiner Zeit. Er schrieb an Teilen der „Indiana Jones“-Reihen und der von „Star Wars“ mit und an Tim Burtons „Sleepy Hollow“. Für das Drehbuch für „Shakespeare in Love“ wurde er 1999 mit einem Oscar ausgezeichnet, Steven Spielberg soll Stoppard angerufen haben, als er einmal mit „Schindlers Liste“ nicht weiterkam.
Auch wenn er für seine künstlerischen Verdienste 1997 zum Ritter geschlagen wurde und spätestens dann durch und durch als englischer Dramatiker galt: Tom Stoppards Leben begann anderswo. Erst mit acht Jahren kam er nach England, geboren wurde er am 3. Juli 1937 als Tomáš Sträussler in Zlín in der Tschechoslowakei, als Sohn jüdischer Eltern.
Die Familie floh 1939 nach der deutschen Invasion aus der Tschechoslowakei über Umwege nach Singapur und weiter nach Indien. Sein Vater starb während dieser Flucht, seine Mutter heiratete 1946 einen britischen Major namens Stoppard. Die neue Familie siedelte im selben Jahr nach England über. Stoppard hat den Moment später als Umbruch beschrieben: den Versuch seiner Mutter, ihm das Leben durch Assimilierung zu erleichtern, und ihm eine englische Schulbildung als Rettung zu bieten. Erst Anfang der Neunzigerjahre, mit etwas über fünfzig, erfuhr Stoppard von seiner tschechischen Cousine, dass seine unmittelbare Familie, seine Großeltern und Tanten, im Holocaust umgebracht wurde.
Shakespeare und Gymnastik
Er habe das Englischsein wie einen Mantel angezogen, schrieb Stoppards Biografin. Nach der Schule wurde Stoppard Reporter in Bristol bei der „Western Daily Press“. Ob seine frühen Jahre als Journalist ein gutes Training für das Theater gewesen seien, wurde er später in einem Interview gefragt. Der Journalismus sei ein Weg ins Leben gewesen, antwortete Stoppard, und dass Eitelkeit auch eine Rolle gespielt habe: Das Theater sei damals einfach „hot“ gewesen – ein Stück zu verfassen, war ein direkterer Weg in die Öffentlichkeit, als der Welt der Literatur noch einen weiteren Roman hinzuzufügen; man musste für die Bühne schreiben.
Stoppard hatte gleich mit seinem ersten Stück Erfolg, „A Walk on the Water“ wurde 1963 im Fernsehen gezeigt und 1964 in Hamburg uraufgeführt. Etwas später lebte Stoppard kurz in Berlin, wo er an einem seiner berühmtesten Stücke „Rosencrantz and Guildenstern Are Dead“ arbeitete, einer Komödie über zwei Nebenfiguren aus Hamlet, die zuletzt 2017 am Old Vic mit Daniel Radcliffe und Joshua McGuire aufgeführt wurde.
Die Methode der Überblendung wendete Stoppard auch bei anderen Stücken an, etwa „Travesties“ von 1974, das das Zusammentreffen während des Ersten Weltkriegs von James Joyce, Tristan Tzare und Lenin in Zürich anlässlich der Aufführung von Oscar Wildes „The Importance of Being Earnest“ behandelt. Stoppards letztes Stück „Leopoldstadt“ von 2020 behandelt das Schicksal einer wohlhabenden jüdischen Familie in Wien während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, das Stück wurde mit dem Laurence Olivier Award ausgezeichnet und am Broadway gespielt.
Von der Kritik wurde Stoppard – der politisch als konservativ galt, weil er in den Achtzigern Thatcher unterstützte, sich später New Labour und dann den Lib Dems zuwandte – gefeiert als „intellektueller Gymnastiker“, den Ideen noch mehr interessierten als Plot und Charakter. Erst spät, schrieb ein Kritiker, habe man erkannt, dass diese vergeistigte Haltung aber von einer emotionalen Unterströmung getragen sei. Stoppards großes Verdienst sei es, gezeigt zu haben, dass das Theaterpublikum offen ist für komplexe Ideen; dass Komplexität nicht mit Kompliziertheit zu verwechseln ist.
Tom Stoppard war eine Ausnahmeerscheinung, alteuropäisch und zutiefst englisch, hochintellektuell und populär zugleich. Als am Samstag bekannt wurde, dass Tom Stoppard im Alter von 88 verstorben ist, meldeten sich mit Kondolenzbekundungen einerseits die altehrwürdigen Theatergesellschaften, andererseits Mick Jagger. „Stoppardian“ meint auch das: mit einem Wimpernschlag entgegengesetzte Welten in eine bringen.
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