Vielleicht fangen wir, weil es ja im Folgenden vor allem um Licht geht, mal mit der Dunkelheit an. Mit Abscheu. Das ist das einzige was einen überfällt, wenn man liest, was Edin Hasanovic öffentlich gemacht hat.
Edin Hasanovic ist Hamza Kulina im neuen Frankfurter „Tatort“, Melika Foroutan als Maryam Azadi ist seine Kollegin. Kulina floh wie Hasanovic aus Bosnien, Azadi wie Foroutan vor den Mullahs aus dem Iran. Sie sind das erste deutsche Sonntagabendkrimi-Team mit migrantischen Wurzeln. Lang genug hat es gedauert.
„Dunkelheit“ hieß der erste Fall für Azadi und Kulina, die – auf wahren Begebenheiten beruhende – Erzählung der Aufklärung eines beinahe ungelöst gebliebenen Serienmords. „Dunkelheit“ war eine Geschichte über die Wunden, die Gewalt reißt, über die Leerstellen, die bleiben. Und die Sehnsucht der Angehörigen von Opfern nach Gewissheit.
Eine leise, eine feine, eine warmherzige Geschichte. Von denen, die schauen, denken und fühlen können, wurde „Dunkelheit“ gefeiert. Und dann gab es noch, was Hasanovic öffentlich machte. Reaktionen aus Dunkeldeutschland: „Strahlen Sie doch Ihren Tatort in Bosnien und im Iran aus“, hieß es da. Und: „Fehlt nur noch eine Kommissarin mit Kopftuch.“ Und: „Migrantische Täter statt Ermittler wären deutlich realistischer.“
An dieser Stelle muss darauf hingewiesen werden, dass der zweite Fall von Azadi und Kulina leider wieder kein realistischer Kriminalfilm geworden ist. Also jedenfalls nicht für Menschen, die Kriminalstatistiken ignorieren. Aber jetzt ist gut mit Abscheu. Senad Halibasic, der schon an „Dunkelheit“ beteiligt war, hat die Geschichte geschrieben, Rick Ostermann wieder Regie geführt. „Licht“ heißt sie.
„Viktoria lebt noch“, sagt Anna Reiter: „Ich weiß das.“ Sie sagt es in einem TikTok-Video und bietet 5000 Euro für jeden Hinweis. Viktoria ist verschwunden mit ihrem Vater. Man kennt die Geschichten. Das Auto wurde gefunden an einer Staustufe des Main. Könnte erweiterter Selbstmord gewesen sein. Der Vater war depressiv und Alkoholiker. Keine Körper werden gefunden, nirgends. Nach einem Jahr des eher halbherzigen Ermittelns landete die Akte unter den Alt-Fällen, die Maryam Azadi in ihren Kellerräumen des Frankfurter Polizeipräsidiums versucht, dem Vergessen zu entreißen.
Maryam war die einzige Polizistin, die Viktoria nicht vergessen hat, die ein Ohr und ein Herz hatte für Anna. Wenn sie das verflucht, zeigt sie es nicht. Sie hätte zwischendurch allen Grund dazu. Ein Zeuge meldet sich. Maryam trifft ihn – ein chimärenhafter Obdachloser – in einem verwunschenen Abrisshaus, das noch mysteriöser aussieht als Azadis neonlichtbeschienener Altfällekeller.
Dann ist er tot. Dann stürmt Anna Reiter mit der Waffe in der Hand einen Kindergeburtstag. Und verschwindet. In einer Sekte läuft alles zusammen, die auf einem Vierseitenhof irgendwo vor der Stadt die Verzweifelten einsammelt. Und die Mühseligen und Beladenen mit der kruden Theorie eines sonderbaren Heiligen namens Astra dadurch zu heilen verspricht, dass die Sonne und das Licht alle Krankheiten der Seele und der Körper zu heilen in der Lage sind.
An Licht herrscht kein Mangel
Der Heilung bedürfen in Frankfurt alle. Immerhin herrscht in den Bildern von Kameramann Philipp Sichler an Licht kein Mangel (es hilft aber nichts). Es fällt sanft durch die Fenster, es schlägt Alarm, wenn es widerscheint in Spiegeln. Menschen stehen im Halbschatten, im Gegenlicht, Lichteinfälle teilen ihr Antlitz in Hell und Dunkel.
„Licht“ sieht manchmal aus wie der Filmakademie-Musterkoffer angehender Beleuchter und Kameraleute. Man wird geradezu erleuchtet davon, was alles möglich ist.
Ansonsten gehen die Frankfurter ihren Sonderweg konsequent weiter. Es geht um Verzweiflung, wie sie eskaliert und was sie aus Menschen machen kann. Wie Traurigkeit und Ungewissheit Beziehungen zerstören. Welche Sprengkraft Unabgeschlossenes hat. Die Chronologie der Erzählung wird aufregend entspannt gebrochen. Vorgeschichten in Dialogen und Rückblenden werden virtuos so erzählt, dass es der Spannung keinen Abbruch tut.
Frankfurt folgt den Spuren von Jussi Adler-Olsens Kopenhagener Altfälle-Sondereinheit Q, die sich auch ziemlich schnell mit einer Sekte auseinandersetzen musste. Nimmt es in Sachen Empathie mit den Kommissaren des Friedrich Ani auf, was kein ganz schlechter Maßstab ist.
Sanft werden die Subgeschichten von Hamza und Maryam fortgesetzt. Sie entwickeln sich weiter, kommen sich näher. Und dann steht Hamza Kulina da, der Empathie-Bolzen unter den öffentlich-rechtlichen Kriminalkommissaren, und nimmt Maren Eggert in den Arm. Sie war Borowskis Empathiezentrum im Kieler „Tatort“ und ist eine Schauspielerin, die in jede Seelenfalte jeder ihrer Figuren geradezu gleißendes Licht werfen kann mit einer einzigen Bewegung ihrer Mundwinkel. Und Hamza lässt Anna nicht mehr los. Und uns auch nicht.
„Licht“ hat vielleicht nicht ganz die Wucht von „Dunkelheit“. Aber es ist ein eindrucksvoller, seltsam unangestrengter Gang entlang den Genregrenzen des Polizeifilms.
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