MDR AKTUELL: Herr Trubetskoy, wie kann ich mir Ihr Leben, Ihre Arbeit in Kiew vorstellen? 

Denis Trubetskoy: Es wäre nicht übertrieben zu sagen, dass hinter Kiew jetzt der schwerste Kriegswinter liegt. Es war tatsächlich teilweise kritisch. Russland hat mit dieser Beschusswelle auf die ukrainischen Energieanlagen am 10. Oktober begonnen, gleich zwei der bedeutendsten Wärmekraftwerke der Stadt ziemlich hart getroffen und das Ganze hat sich durchgezogen. Der letzte Großangriff fand eigentlich in der Nacht auf Sonntag statt. Und ich habe, Stand jetzt, in der Wohnung auch keinen Strom. Insgesamt ist es so, dass die Menschen hier im Durchschnitt 14 bis 15 Stunden pro Tag ohne Strom auskommen müssen. Und gerade nach einer Beschusswelle ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass man keine Heizung, kein Leitungswasser hat. Das Einzige, was einen freut, ist, dass es endlich ein bisschen wärmer geworden ist. Wir haben zum Glück leichte Plustemperaturen. 

Wie gehen Sie damit um, wenn der Strom in der Wohnung nicht da ist? Welche Alternativen eröffnen sich da? 

Man muss natürlich improvisieren. Ich pendele auch so ein bisschen von Stadtteil zu Stadtteil, um zu schauen, wo es Strom gibt. Natürlich gibt es auch andere Alternativen: Generatoren für die Wohnung sind schwierig, aber es gibt durchaus größere Powerbanks. Diese sogenannten Ecoflows nutzt man, um die wichtigsten Geräte aufzuladen. Es ist schon ein Kraftakt, den man täglich meistern muss. Was jetzt die normalen Menschen betrifft, helfen, glaube ich, diese sogenannten "Punkte der Unbesiegbarkeit" enorm. Die wurden bei der ersten Angriffswelle dieser Art 2022 errichtet. Dort kann man sich aufwärmen oder auch Geräte laden. Das ist tatsächlich etwas, was Kraft und Hoffnung gibt. Also die Art und Weise, wie sich die Menschen gegenseitig geholfen haben. 

Dennoch, die mentale Belastung ist immens – auch für Sie. Ich habe gehört, dass Sie auch die Klinik aufgesucht haben. Hat man Ihnen da wirklich helfen können? 

Ich hatte gesundheitliche Probleme. Das hat, glaube ich, schon mit dieser Belastung zu tun. Aber ich bin eigentlich nicht in der Position, wirklich klagen zu können. Also den allermeisten Menschen in der Ukraine geht es deutlich schlechter als mir. Aber allein die Tatsache, dass man täglich improvisieren muss, ist extrem belastend. 

Sie leben in Kiew, Ihre Familie, Ihre Eltern auf der Krim. Wie ist der Kontakt? 

Der Kontakt ist eigentlich täglich und an sich gut. Aber diese Beziehung ist dadurch extrem kompliziert geworden, weil meine Eltern nicht einfach in die Ukraine beziehungsweise nach Kiew kommen können. Wir haben uns seit Jahren nicht gesehen. Da muss man auch schauen, welche Möglichkeiten es überhaupt gibt. Meine Eltern haben keine gültigen ukrainischen Ausreisedokumente. Deswegen ist es extrem kompliziert. Das ist ebenfalls sehr belastend. Aber das Gute an dieser Beziehung ist, dass sie hält, dass meine Eltern ziemlich gut verstehen, in welcher Position ich mich befinde und wie ich mich fühle. Das ist glücklicherweise ein Gegenteil zu vielen Familien, die zusammengebrochen sind innerhalb dieser vier Jahren. Das ist bei mir nicht der Fall und das freut mich sehr. 

Was haben Sie in diesen vier Jahren Krieg am meisten gelernt, zu schätzen? 

Meine Freunde, die mir wirklich zur Seite stehen. Ohne diese gegenseitige Hilfe, die es im Alltag gibt, wäre es unfassbar schwierig, durchzuhalten. Es ist auch ein klares Zeichen an Russland, dass man trotz allem durchhält. Das ist etwas, woran ich wirklich sehr viel denke. Auch deswegen, weil die ukrainische Gesellschaft, die ukrainische Innenpolitik normalerweise sehr dynamisch und strittig ist. Dass diese Gesellschaft insgesamt so einig geblieben ist, trotz all der Probleme, ist eigentlich mehr als bezeichnend. 

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