Nageln wir uns nicht drauf fest, aber so Pi mal Daumen ein Drittel der Emissionen des weltweiten Pkw-Bestands könnte ein gesunder Amazonas-Regenwald Jahr für Jahr wegatmen. In Zahlen sind das 1,5 bis zwei Milliarden Tonnen CO₂, die der Wald jährlich speichern würde. "Also als Kohlenstoff in den Waldökosystemen, hauptsächlich im Holz der Wälder", erklärt Sönke Zaehle, Direktor am Max-Planck-Institut für Biogeochemie (MPI-BGC) in Jena. Er weiß auch: In der aktuellen Situation des von Abholzung, Bränden und Dürren gebeutelten Regenwalds, schafft der Amazonas, wenn’s gut kommt, nur ein Zehntel der eigentlichen CO₂-Speicherung. Meistens geht die Ausbeute aber gegen Null – sprich, der Wald gibt so viel ab, wie er aufnimmt.

"Wir wissen, dass dieser Kohlenstoffspeicher sehr sensitiv ist zum Klima. In trockenen Jahren wird mehr Kohlenstoff abgegeben, in den feuchten Jahren wird mehr aufgenommen." Eine deutsch-brasilianische Forschungsgruppe, zu der auch Sönke Zaehle und sein Team gehören, hat jetzt gezeigt, was das im Extremfall bedeutet: 2023 hat der Amazonas mehr CO₂ ausgestoßen als er aufgenommen hat, was den Ruf als CO₂-Senke wohl endgültig ramponieren dürfte.

Das Verhältnis Aufnahme zu Ausstoß lässt sich auch in Zahlen abschätzen: In guten Jahren nehme er Amazonas 0,4 Petagramm CO₂ auf, in schlechten Jahren gebe er 0,4 Petagramm CO₂ ab, erklärt Zaehle. 2023 lag der Ausstoß aber bei 0,4 Petagramm.

Das ergab zumindest die Auswertung von Modelldaten der atmosphärischen Zirkulation, Satellitenbildern und vor allem Messungen des Atto-Turms, eines 325 Meter hohen Messturms, der wie ein Radiosender aussieht und mitten im Regenwald steht. 2023 war es – besonders in der zweiten Jahreshälfte – nicht einfach nur warm und trocken, verstärkend kam auch der El Niño-Effekt hinzu. Bei diesem wiederkehrenden Wetterphänomen gelangt mehr warmes Oberflächenwasser über den Pazifik nach Südamerika, was eine trockene und warme Witterung nach sich zieht. Unter solchen Umständen haben die Pflanzen besonders wenig Wasser zur Verfügung, um ihre Photosynthese zu betreiben. Und das führt unterm Strich dazu, dass der Wald weniger Kohlenstoff speichern kann. Das ging bereits im Mai des Jahres los, zeigte sich aber besonders von September bis November.

Waren Waldbrände für den Amazonas-CO₂-Ausstoß verantwortlich? Mitnichten.

"Gleichzeitig gibt es, wenn es trocken ist, mehr Waldbrände – einfach nur, weil trockene Materie besser brennen kann", fügt Sönke Zaehle an. Das führt zu einem zusätzlichen Verlust, denn der Kohlenstoff entweicht beim Verbrennen aus dem Holz. Nur: 2023 gab es gar keine außergewöhnlich hohe Zahl an Waldbränden am Amazonas.

Die Größenordnung dieses Effekts hat uns dann doch ein wenig erstaunt

Prof. Dr. Sönke ZaehleDirektor am MPI-BGC

"Das bedeutet im Umkehrschluss, dass die Auswirkung der Trockenheit und der Hitze auf die Wälder besonders stark gewesen sein muss, die Größenordnung dieses Effekts hat uns dann doch ein wenig erstaunt", so Zaehle. Soll heißen: Die Funktion des Tropenwaldes war 2023 massiv gestört.

Dass Wälder mitunter kein CO₂ aufnehmen, sondern ausstoßen, ist auch in Deutschland der Fall, erklärt Thomas Riedel, der am Thünen-Institut die Bundeswaldinventur leitet: "Wenn man durchs Land fährt, sieht man gerade in Nordrhein-Westfalen, im Harz, aber auch in der Sächsischen Schweiz und in ganz vielen Mittelgebirgen in Deutschland diese Kalamitätsflächen." Das sind Schadflächen, wie sie klimawandelbedingt zum Beispiel durch einen Borkenkäferbefall entstehen. Betroffene Bäume werden entnommen und verfeuert – dabei entweicht der Kohlenstoff.

Kein Regenwald sondern die Schwäbische Alb: So grün wie hier sieht es vielerorts in deutschen Wäldern nicht mehr aus.Bildrechte: IMAGO/Westend61

Seit fast zehn Jahren stößt der deutsche Wald mehr CO₂ aus als er aufnimmt. Für den Amazonas ist das noch nicht die Regel, erklärt Sönke Zaehle – die Betonung liegt auf noch. "Das ist kein Szenario, wie wir es jetzt für jedes Jahr erwarten würden. Allerdings wissen wir aus Simulationen von Klimamodellen, dass es in Zukunft häufiger solche Kombinationen von Ereignissen geben wird."

Eine Überraschung ist das alles freilich nicht. Aber die Forschung hat detaillierte Einblicke geliefert, dass auch ohne Waldbrände ein Regenwald außer Puste geraten kann. Zaehle: "Dieser Detailgrad an zusätzlichen Beobachtungen, die wir haben, erlaubt uns ein besseres Verständnis, was denn in Zukunft möglicherweise passieren wird." Vielleicht führt dieses Wissen dazu, dass der Amazonas dann doch irgendwann wieder in der Lage ist, ein paar Millionen Pkw wegzuatmen.

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