Inhalt des Artikels:

  • Solarboom dank der EU – und trotz Orbán
  • Hasst Orbán Windräder?
  • Solarpanelbesitzer: trotz Förderung enttäuscht
  • Hat der Staat die Bürger betrogen?
  • Neues Förderprogramm als "Trostpflaster"
  • Hat die Fidesz-Regierung Fehler gemacht?

Die rechtspopulistische Regierung von Viktor Orbán ist nicht gerade als engagierte Verfechterin der Klimapolitik der EU bekannt. Ganz im Gegenteil: Erst Ende Januar erklärte Energieminister Csaba Lantos bei einer Konferenz in Budapest, das EU-Ziel der Klimaneutralität ab 2050 sei unrealistisch. Eine CO2-Neutralität ist ihm zufolge erst 2070 denkbar. Dabei hatte die ungarische Regierung diesem Ziel seinerzeit zugestimmt.

Solarboom dank der EU – und trotz Orbán

Der Solarenergie-Boom der letzten zehn Jahr mag vor diesem Hintergrund überraschend erscheinen, ist aber eine Tatsache. Der Anteil von Solarstrom im ungarischen Strommix erreichte 2025 29 Prozent. Damit belegte Ungarn den ersten Platz in Europa. Das ist umso bemerkenswerter, als dass der Solarstromanteil im Jahr 2011 bei null Prozent und auch vor zehn Jahren bei lediglich 4,4 Prozent lag.

Mitteleuropa als Solarvorreiter der EU

Ähnlich große Zuwächse konnten auch andere mitteleuropäische Länder verzeichnen, wie eine Studie des globalen Energie-Thinktanks Ember vom September 2025 belegt. "Während die mitteleuropäischen Länder in der Klimapolitik hinter der EU zurückbleiben (...), haben sie die EU beim Wachstum der Solarstromerzeugung weit überholt", so die Studie. Von 2019 bis 2024 haben Tschechien, Ungarn, Polen und die Slowakei ihre Solarstromproduktion fast versechsfacht, im Vergleich zum 2,5-fachen Anstieg im EU-Schnitt.

Der imponierende Zuwachs ist auf verbindliche EU-Vorgaben und die gleichzeitige "Windradphobie" der ungarischen Regierung zurückzuführen. Gemäß der Erneuerbare-Energien-Richtlinie müssen mindestens 42,5 Prozent des gesamten Energieverbrauchs in der EU bis 2030 aus erneuerbaren Quellen stammen, wobei jeder Mitgliedstaat zu diesem Ziel beitragen und verbindliche Vorgaben erfüllen muss.

Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán auf einem EU-Gipfel. Der Solarboom in seinem Land geht nicht auf seine Politik, sondern auf strikte EU-Vorgaben zurück.Bildrechte: IMAGO/dts Nachrichtenagentur

Hasst Orbán Windräder?

Da die ungarische Regierung aber Windräder skeptisch sieht und dem Energieexperten András György Deák von der Eötvös-Lorand-Universität in Budapest zufolge ein "politisches Veto" dagegen eingelegt hat, wurde die genannte EU-Vorgabe hauptsächlich mit Hilfe von Solarenergie erreicht.

Als Argumente gegen Windenergie führten Regierungsvertreter an, dass die Bedingungen in Ungarn für die Nutzung nicht gut genug seien und Windkraftanlagen die natürliche Umwelt schädigen und das Landschaftsbild verändern würden. Außerdem sei ihre Rentabilität ungewiss, hieß es. Die gesetzlichen Vorgaben für die Errichtung von Windrädern, z.B. in Bezug auf den Abstand zu Wohngebieten, waren jahrelang so hochgeschraubt, dass sie in der Praxis Windräder verhinderten.

In der Öffentlichkeit hält sich unterdessen hartnäckig die Überzeugung, dass die Regierung Windkraft blockiert, weil Viktor Orbán den Anblick von Windrädern nicht mag – Belege dafür gibt es allerdings nicht. Fakt ist, dass die ungarische Regierung der Windkraft lange eher abgeneigt war und erst seit kurzem die Errichtung von Windrädern erleichtert.

Ein Grund für die Bevorzugung von Solarenergie dürfte laut Deák die Hoffnung gewesen sein, dass es mit chinesischer Unterstützung gelingen könnte, die Produktion von Solarzellen nach Ungarn zu holen. Diese Hoffnung habe sich nicht erfüllt, so der Experte.

Regierungschef Orbán wird nachgesagt, dass er Windräder hasst – Beweise dafür gibt es nicht, Fakt ist aber, dass Ungarn die EU-Vorgaben zu erneuerbaren Energien fast ausschließlich mit Hilfe von Solarstrom umsetzt und Windräder nur eine geringe Rolle spielen.Bildrechte: IMAGO / imagebroker

Solarpanelbesitzer: trotz Förderung enttäuscht

Obwohl in den letzten Jahren zahlreiche Verbraucher staatliche Förderungen für die Installation von Solaranlagen in Anspruch nehmen konnten, teilweise sogar in Höhe von 100 Prozent, sind viele Besitzer von Solaranlagen in Ungarn unzufrieden.

Der Grund: Die Regierung hat die Abrechnungsmodalitäten verändert – zuungunsten der Bürger. Bis dahin hatten Haushalte mit Solaranlagen die Möglichkeit, ihren Stromverbrauch mit ihrer Produktion auf Jahresbasis zu verrechnen. Was sie im sonnigen Sommer ins Netz eingespeist hatten, konnten sie im grauen, sonnenarmen Winter verbrauchen und ihre Stromrechnung auf diese Weise reduzieren.

Für neuinstallierte Anlagen sowie Anlagen, die älter als zehn Jahre sind, gilt das seit 2024 nicht mehr. Stattdessen tritt die sogenannte Bruttoabrechnung in Kraft: Der Stromversorger kauft den erzeugten Solarstrom zu einem Preis an, der deutlich niedriger ist als das, was er den Haushalten in Rechnung stellt. In den sonnenarmen Monaten müssen die Verbraucher somit deutlich tiefer in die Tasche greifen – in manchen Fällen kann die neue Stromrechnung sogar zehnmal so hoch wie die alte sein.

Lange Zeit konnten ungarische Haushalte den Solarstrom, den sie im Sommer produzierten, mit dem eigenen Stromverbrauch im Winter verrechnen – diese günstige Abrechnungsvariante wurde aber abgeschafft.Bildrechte: IMAGO / Westend61

Hat der Staat die Bürger betrogen?

Der Verein Interessenvertretungsplattform für Solarstromnutzer (NÉP) wirft dem Staat vor, die Besitzer von Solaranlagen (inzwischen rund 330.000) "betrogen" zu haben. "Sie haben ihr Geld nicht nur aus finanziellen Gründen investiert, sondern auch zum Schutz unserer Umwelt. Diese Bürger wurden in den letzten Jahren von der ungarischen Regierung mehrfach getäuscht und betrogen. Ihr Vertrauen in den Rechtsstaat wurde ausgenutzt. Man kann sagen, dass die Berechenbarkeit fehlt, und es gibt keine Garantie, dass es in Zukunft keine weiteren nachteiligen Veränderungen geben wird. Dabei reden wir hier von Investitionen, die sich über 20 bis 30 Jahre amortisieren", sagte Vereinschef László Molnár dem MDR.

Mit Unterstützung des Vereins wandten sich mehr als eintausend Besitzer von Solaranlagen an das Verfassungsgericht, unter anderem mit der Begründung, dass die rückwirkende Änderung verfassungswidrig sei. Das Gericht wies die Anträge im Januar 2026 jedoch zurück.

Viele Bürger in Ungarn fühlen sich wegen der Änderung der Abrechnungsmodalitäten beim Solarstrom vom Staat betrogen und zogen deshalb vors Verfassungsgericht – erfolglos.Bildrechte: IMAGO / IlluPics

Neues Förderprogramm als "Trostpflaster"

Als "Trostpflaster" hat die Regierung ein neues Förderprogramm aufgelegt, diesmal vor allem für die Speicherung von Solarenergie. Dafür werden im Rahmen einer Ausschreibung 100 Milliarden Forint (mehr als 250 Millionen Euro) an Privathaushalte verteilt.

Ministerpräsident Orbán begründete das neue Förderprogramm damit, dass die Verbraucher "mit dem Problem konfrontiert sind, dass sie entweder durch die Solaranlage erzeugten überschüssigen Strom ins Netz einspeisen können oder dieser verloren geht."

Der rasche Anstieg der Solarstromkapazitäten bringt tatsächlich Schwierigkeiten mit sich. Die in den Sonnenstunden entstehende Überproduktion kann das Netz überlasten. Zur Lösung des Problems fordert die Interessenvertretung NÉP einen Netzausbau und eine industrielle Speicherung in der Nähe der Transformatoren durch den Netzbetreiber. Darüber hinaus sollten Menschen in Gemeinden unter 5.000 Einwohnern die Möglichkeit bekommen, Energiegemeinschaften zu gründen, in denen sie gemeinsam Strom erzeugen und verbrauchen können.

Hat die Fidesz-Regierung Fehler gemacht?

András György Deák warnt jedoch, dass der Netzausbau kostspielig werden könnte. Vor allem, wenn man berücksichtigt, dass die Überproduktion nur phasenweise während des Jahres und des Tages auftritt. Dies würde den Solarstrom deutlich verteuern.

Seiner Meinung nach hätten die Solarzellen seinerzeit so installiert werden müssen, dass sie gleichmäßiger über das Land verteilt sind. Außerdem hätte man nur Solarzellen mit geringerer Kapazität, etwa Balkon-Solarzellen, deren Produktion von einem Haushalt aufgebraucht werden kann, genehmigen sollen.

"Als Erstes müssten wir dafür sorgen, dass die vorhandene Produktion so nah wie möglich am Ort der Nutzung eingesetzt wird", so der Experte – zum Beispiel zum Laden von Elektroautos.

András György Deák zufolge hat die ungarische Regierung die Installation von Solaranlagen ohne Einschränkungen genehmigt und versucht nun, die daraus resultierenden Probleme zu lösen. Darunter leidet aber das Vertrauen der Bürger in den Staat.

MDR (baz)

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