Es war bereits abzusehen: Die Nasa hat die den Start von Artemis II verschoben. Erst im März könnte die SLS-Rakete nun in Cape Canaveral abheben. Dann sollen die vier Astronauten Reid Wiseman, Victor Glover, Christina Koch und Jeremy Hansen, die mit dem Orion-Raumschiff zum ersten Mal seit über 50 Jahren zum Mond fliegen. Für die Crew sind es gerade aufregende Tage.
ESA-Astronau Alexander Gerst.Bildrechte: Tellux DresdenAlexander Gerst, der 2014 und 2018 zwei Mal zur Internationalen Raumstation ISS geflogen ist, kennt das Gefühl. "Klar ist da immer ein bisschen Aufregung dabei. Man will ja seine Sache gut machen. Es ist wie bei einem Sportler kurz vor dem Wettkampf, bei dem man wirklich alles geben will", sagt er im Gespräch mit MDR WISSEN. Aber natürlich kann es immer passieren, dass ein Starttermin dann wieder und wieder verschoben wird. "Das muss man dann einfach sportlich nehmen", sagt er.
Verschiebung beim Raketenstart: Wetter, Sicherheit und Nervenstärke der Crew
Artemis Besatzung in der Orion-Kapsel.Bildrechte: NASAGerst selbst hatte bisher Glück: Bei seinen Flügen vom kasachischen Baikonur hat ihn eine Sojus-Rakete pünktlich in den Weltraum gebracht. Doch er war schon bei Starts dabei, die in letzter Minute verschoben wurden. Und in Cape Canaveral seien die Bedingungen anders. Das Wetter müsse perfekt sein, nicht nur über Florida, sondern auch über dem Meer, über das die Flugroute der Rakete führt. Falls die im Wasser notlandet, müssen Schiffe die Besatzung bergen. "Da sind die Chancen, dass der Start pünktlich stattfindet, eher 50 zu 50. Aber daran kann man seine Erwartungen dann auch anpassen", sagt er.
Tatsächlich könne es auch noch einen Startabbruch in letzter Sekunde geben, das müsse man als Astronaut einfach wissen. Das sei nervig, weil es dann Stunden dauere, bis der Treibstoff aus der Rakete abgelassen sei und man aus dem Raumschiff herausklettern könne. "Aber das ist Teil des Spiels."
Autonomer Start statt wildem Ritt: Moderne Raumkapseln übernehmen heute die Kontrolle
Hebt die Rakete am Ende dann ab, tut sie das heute weitgehend autonom. Kurz vor dem Start überträgt die Bodenstation die Kontrolle an die Rechner des Raumschiffs, die von hier aus die Steuerung übernehmen. Zu den Zeiten des Apollo-Programms mussten die Piloten noch viele Systeme selbst regeln. "Das waren Testpiloten, die eine wilde Kiste unter Kontrolle bringen konnten", sagt Matthias Maurer, der 2021 mit einer Falcon 9 von SpaceX zur Raumstation geflogen ist. "Die Systeme von heute sind wesentlich komplexer und sicherer. Das hätte ein Astronaut gar nicht alles auf dem Schirm."
Bildrechte: NASADie Astronauten müssen vor dem Start den eigenen Druckanzug prüfen und dem System eine Bestätigung geben. Im Notfall kann die Besatzung noch einen manuellen Startabbruch auslösen, eine Art Notbremse, bei der die Kapsel mit den Astronauten von der Rakete abgesprengt wird. Ansonsten übernimmt von hier aus die Rakete die Kontrolle. Im Fall des Orion-Raumschiffs ist dafür das größtenteils bei Airbus in Bremen gebaute Servicemodul zuständig.
G-Kräfte und Herzklopfen: Wie sich die ersten Minuten einer Mission für Astronauten anfühlen
"Am Anfang geht es ja recht langsam los. Dann setzt der Schub ein und kommt mehr und mehr und mehr", erzählt Maurer. Die Astronauten bereiten sich auf diesen Moment viele Monate vor, lernen in einer Zentrifuge, den Druck auszuhalten, mit dem sie jetzt in die Sitze gepresst werden. Die Rakete schiebt sich nach oben. Irgendwann folgt ein Knall, wenn die erste Stufe ausgebrannt ist. Kurz schwebt die Besatzung in der Schwerelosigkeit. Dann zündet die zweite Stufe und es geht noch einmal mit richtig Schub weiter. "Da gibt es dann schon so ein paar Bruchteile von Sekunden, wo einem das Herz in die Hose rutscht", sagt er und lacht.
ESA-Astronaut Matthias Maurer.Bildrechte: Tellux DresdenDie ersten Minuten des Flugs bei Artemis II werden nicht viel anders ablaufen als ein Flug zur ISS. Maurer glaubt allerdings, dass es ein anderes Gefühl sein wird, wenn man weiß: Man fliegt nun von der Erde fort und verlässt ihr Schwerkraftfeld. "Irgendwann wird der Planet immer kleiner. Und schließlich, wenn das Raumschiff dann hinter den Mond einschwenkt, dann kommt ein Moment, in dem man die Erde ganz aus dem Blick verliert." Wird die Besatzung der Orion-Kapsel dann einen Moment der Einsamkeit erleben? Weil Orions Umlaufbahn weiter ist als die der Apollo-Flüge, werden die Artemis-Astronauten voraussichtlich die Menschen werden, die sich bisher am weitesten von der Erde entfernen.
Zehn Tage im Weltraum: Enge Kabine, wenig Privatsphäre und eine lange Checkliste
Im Raumschiff selbst werden sich die Astronauten eher nicht allein fühlen. Vier Menschen müssen zehn Tage auf engstem Raum miteinander verbringen. Die Toilette ist nur durch einen kleinen Vorhang abgetrennt. Um hineinzukommen, muss man an dem Sportgerät vorbei. "Das ist Logistik auf kleinstem Raum. Jeder der schon einmal mit einem Bulli im Urlaub war und zwischen dem Kochen und dem Schlafen umbauen musste, kann sich vielleicht vorstellen, wie das ist", sagt Alexander Gerst.
Orion-Kapsel.Bildrechte: NASAIm Unterschied zum Campingbus können die Astronauten allerdings nicht aussteigen, um das Raumschiff umzubauen. Und anders als im Urlaub bleibt auch wenig Zeit, sich zu entspannen, denn die To-do-Liste ist lang, sagt Gerst. "Sie müssen das Lebenserhaltungssystem und die Sportgeräte testen. Sie müssen üben, wie schnell sie im Notfall ihre Anzüge anziehen können, und eine Herz-Lungen-Wiederbelebung trainieren. Und so weiter und so fort."
Testflug mit großer Bedeutung: Artemis II soll den Weg zur ersten Mondlandung seit Apollo ebnen
Das Raumschiff wird seinen Weg größtenteils allein finden, denn der Kurs ist so berechnet, dass die Schwerkraft des Mondes die Orion-Kapsel festhält, um den Trabanten herum und zurück zur Erde lenkt. Trotzdem muss die Mannschaft gelegentlich die Triebwerke zünden, um den Kurs minimal zu korrigieren und um schließlich wieder in die Erdatmosphäre einzutreten.
Artemis II ist vor allem eine Testmission, die den Weg ebnen soll, damit Astronauten im späteren Verlauf des Programms wieder auf dem Mond landen können. Von ihr hängt ab, ob die Menschheit auf dem Weg weiterkommt, irgendwann dauerhaft eine Station auf unserem Begleiter zu errichten.
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