Inhalt des Artikels:

  • Investitionen dank sprudelnder Steuereinnahmen
  • Warum gerade Rozvadov?
  • Vom Niemandsland zum Poker-Hot Spot

Es ist grau und regnerisch an diesen Wintertagen in Rozvadov. Wer durch den Ort fährt, würde kaum glauben, dass sich hier das europäische Pokermekka befindet – von Spielern auch "RozVegas" genannt. In einem der größten Pokercasinos des Kontinents werden Millionen umgesetzt, Geld, das monatlich rund hunderttausend Euro an Glücksspielsteuer in die Gemeindekasse spült.

Pokerprofi Martin Kabrhel bringt es auf den Punkt: "Hier ist Middle of Nowhere. Es gibt nur Poker." Während drinnen Tausende Euro riskiert, verspielt und gewonnen werden, zieht draußen die Freiwillige Feuerwehr durchs Dorf. Festumzug, Blasmusik, Fahnen – und ein neues, hochmodernes Löschfahrzeug, finanziert aus den Steuern, die das Casino in die Gemeindekasse schickt. Wieder einmal eine Wohltat für das Dorf. Der Bürgermeister kann es sich leisten.

Bürgermeister von Rozvadov Martin Abel. Dank Steuereinnahmen aus dem Glücksspiel ist die Feuerwehr vor Ort bestens ausgestattetBildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Investitionen dank sprudelnder Steuereinnahmen

Martin Abel hat ein Luxusproblem: Wohin mit dem Geld? In den vergangenen Jahren investierte die Gemeinde in Straßen, Spielplätze, das neue Feuerwehrfahrzeug – und plant nun ein Pflegezentrum mit Seniorenheim, Arztpraxis und Apotheke. Dinge, die für andere Kommunen unerreichbar sind. Selbst nach einer deutlichen Kürzung der Zuwendungen aus der Glücksspielsteuer bleiben Rozvadov jährlich rund 1,5 Millionen Euro. Genug, um den Einwohnern Kita, Schulkantine und Müllabfuhr gebührenfrei anzubieten.

Während draußen Feuerwehrkameraden aus Bayern neidisch auf die Ausstattung des neuen Löschfahrzeugs blicken, gehen drinnen Pokerspieler "All-in". Zur World Series of Poker Europe, einer Art Weltmeisterschaft, reisen Profis, Amateure und Glücksritter an. Manche starten mit 40 Euro, andere kaufen sich direkt mit vier- oder fünfstelligen Beträgen ins Turnier ein – in der Hoffnung auf den Millionengewinn.

Bei internationalen Pokerturnieren sitzt der tschechische Pokerprofi Martin Kabrhel oft mit am TischBildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch Rozvadov ist mehr als Glücksspiel. Der Ort liegt auf einer historischen Bruchlinie Europas. Bis 1989 verlief hier der Eiserne Vorhang. Der Grenzstreifen war streng bewacht. Niemand durfte in die Wälder, Grenzsoldaten patrouillierten, Stacheldraht trennte Ost und West. Abels Vorgänger, der frühere Bürgermeister Jindřich Červený, organisierte hier im Dezember 1989 die symbolische Grenzöffnung, bei der die Außenminister Hans-Dietrich Genscher und Jiří Dienstbier den Stacheldraht durchschnitten.

Warum gerade Rozvadov?

Dass ausgerechnet Rozvadov zu Europas Pokerparadies wurde, ist kein Zufall. Der Ort liegt strategisch günstig: direkt an der deutsch-tschechischen Grenze, mit schneller Autobahnanbindung aus Bayern, gut erreichbar für ein zahlungskräftiges internationales Publikum.

Hinzu kommt die liberale tschechische Glücksspielgesetzgebung. Während Pokerturniere in vielen Ländern lange rechtlich umstritten waren, setzte Tschechien früh auf klare Regeln. Das schuf Planungssicherheit – für Spieler wie für Investoren.

Vom Niemandsland zum Poker-Hot Spot

Der Mann, der das Potenzial dieses Ortes erkannte, war Leon Tsoukernik. Der russischstämmige Unternehmer baute hier ab 2002 Schritt für Schritt ein Poker-Imperium auf – fernab großer Städte, bewusst abgeschieden, um hier eine eigene Pokerwelt zu schaffen. Wer nach Rozvadov kommt, kommt nicht zufällig vorbei. Man kommt wegen einer Sache: Poker.

Für die Gemeinde bedeutete das einen radikalen Wandel: vom entvölkerten Grenzort nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zu einem Dorf mit Einnahmen, Arbeitsplätzen und Perspektive. Wo früher Stacheldraht Europa trennte, treffen sich heute Spieler aus aller Welt an einem Tisch.

In der Dorfkneipe veranstalten die Einwohner ihr eigenes PokerturnierBildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Am Ende des Tages sitzt auch Bürgermeister Martin Abel am Spieltisch. Aber nicht im Casino, sondern in der Dorfkneipe am Sportplatz beim Pokerabend der Rozvadov-Liga. Gespielt wird nicht um Geld, sondern – sagen sie scherzend – um Knöpfe und Streichhölzer. Ironischerweise gewinnt ausgerechnet der Bürgermeister.

Drüben im Casino träumen währenddessen andere vom großen Jackpot. In der Dorfkneipe sind an diesem Abend auch die Verlierer Gewinner: Rozvadov bleibt ein ganz normales Dorf – nur mit ein bisschen mehr Glück in den Karten.

MDR (usc)

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