Achtung, liebe Ossis, und aufgepasst! Heute steigen wir mal ganz tief in Willi Schwabes Rumpelkammer. An diese Kultsendung des DDR-Fernsehens erinnern wir uns doch noch? Ossis wie Wessis? Filmausschnitte, Schlager, Anekdoten über Schauspieler: Das alles gab’s in der Rumpelkammer. Ach, war das schön!

„Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern“: Sehen wir, hören wir noch Heinz Rühmann und Hans Albers in komischer Hab-Acht-Haltung diese Schmonzette schmettern, im Film „Paradies der Junggesellen“? „In einer Nacht im Frühling klopft das Glück an deine Tür“: Hören wir, sehen wir noch Renate Müller Arm in Arm mit Adolf Wohlbrück mit diesem Lied auf den Lippen in „Viktor und Viktoria“ durch die Nachtlokale gondeln? Mit ein bisschen Gnade der frühen Geburt sind wir doch alle sofort wieder im Stoff, oder?

Und erst Zarah Leander, Diva Assoluta des Ufa-Kinos! Wie viele Sehnsüchte und Wünsche, Angst und Verzweiflung hat sie zum Ausdruck gebracht, wie viel Hoffnung gebündelt, wenn sie pathetisch mit ihrer tiefen Altstimme gurgelte: „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n“ oder wider alle Wahrscheinlichkeit gegen sinkenden Lebensmut ein ganzes Volk ermunterte, unseres, mit den Zeilen: „Davon geht die Welt nicht unter, sieht man sie manchmal auch grau./ Einmal wird sie wieder bunter/ Einmal wird sie wieder himmelblau.“ Unvergesslich, unvergessen klingen diese Lieder in uns. Und wenn wir sie irgendwo zufällig wieder einmal hören, denken viele von uns, sie kämen jetzt nach Hause. Oder eben in Willi Schwabes Rumpelkammer.

Aber wer schrieb eigentlich die Texte zu dem allem? Wer verfügte über das Geschick, in der Nazizeit, im Krieg, in der Agonie des Reiches Gebilde zu kreieren, mit denen sich die Menschen damals (und weit über diese Zeit hinaus!) identifizieren konnten? Wer textete ihnen allen aus der Seele? Den Liebeskranken wie den Ausgebombten? Den Heteros und den Homos? Wer erreichte noch die Verdammten und Verfolgten an den Orten tiefsten Grauens und schaffte es, ihnen einen Hauch von Trost zu spenden? Denn „Buchenwald wäre ohne Zarah Leander nicht wirklich Buchenwald gewesen“, erinnert sich der ehemalige Lagerhäftling Jorge Semprún, der auch dort die „wunderschöne Frauenstimme“ über die Lautsprecheranlagen hörte. Und ein anderer Buchenwald-Insasse, Gary Philipp, ergänzt: „Im Lager, wenn wir Häftlinge zusammen waren, haben wir dieses Lied gesungen und gehofft, dass ein Wunder geschieht, dass der Krieg zu Ende geht und wir gerettet werden. Das hat uns beruhigt.“

Nun denn: Bruno Balz hieß der Mann, der das für Zarah Leander textete – oder besser gesagt hinter ihr. Denn, wie wir jetzt aus der exzellenten Biografie von Judith Kessler erfahren, war Balz eher zurückhaltend und scheu. Er hatte auch allen Grund dazu. Als Homosexueller, der mehrmals mit der Justiz in Berührung kam, musste er vorsichtig sein. Zwar hatte er als gebürtiger Berliner, der 1902 in Prenzlauer Berg (Schwedter Straße, Ecke Choriner) zur Welt kam, in den 1920er-Jahren seine Neigungen ausleben können. Aber seit 1933 und vor allem nach der Verschärfung des Paragrafen 175 im Jahr 1935 war es mit der Freizügigkeit für Homosexuelle vorbei.

Doch eben jetzt ging der Stern des Bruno Balz erst richtig auf! Jetzt fand er Michael Jary, der seine frechen, anzüglichen, aufmüpfigen, aber wahlweise auch sentimentalen Verse kongenial in Musik setzte. Jetzt entdeckte ihn auch die Ufa. Und ab ging’s! Einige der größten deutschen Filmerfolge jener Jahre verdanken ihre Beliebtheit nicht zuletzt den grandiosen Gassenhauern von Bruno Balz. Vor allem, als sie dann auch noch von Zarah Leander oder Rosita Serrano gesungen wurden. Denken wir nur an „Es leuchten die Sterne“, „Die große Liebe“ oder „Damals“.

Und nach 1945? Da sah es für einen Schwulen wie Balz auch nicht viel besser aus. In der Ära Adenauer gab es mehr Strafverfahren wegen Verstoß gegen den berüchtigten Paragrafen 175 als während der Nazizeit. Kein Wunder, dass noch viele Jahre lang als heimliche Homohymne ein weiterer Schlager des Erfolgsgespanns Balz (Text), Jary (Komposition), Leander (Gesang) fungierte: „Kann denn Liebe Sünde sein?“, der noch aus den Dreißigerjahren stammte. „Liebe kann nicht Sünde sein/ und wenn sie es wär/ so wär’s mir egal/ lieber will ich sündigen mal/ als ohne Liebe sein!“: Diese Selbstermunterung konnten gleichgeschlechtlich Liebende noch bis zur Abschaffung des Paragrafen 175 im Jahre 1994 gebrauchen. Und jeder, aber wirklich jeder, kannte damals diesen Text und wird ihn bis ans Ende seiner Tage singen können!

Vielleicht versteht man nun ein wenig besser, warum wir Bruno Balz bisher nicht gekannt haben oder doch nur in engen Zirkeln. Was ihm zusätzlich geschadet hat, die Autorin verschweigt es nicht, ist eine Legendenbildung, die nach seinem Tod ins Kraut schoss. Erst war es die Tochter von Michael Jary in ihren Memoiren, dann der Erbe von Balz, die in immer fantastischeren Geschichten ein Nazi-Opfer und einen Helden des Widerstands aus ihm machen wollten. Die letzte Schraube effektvoller Kolportage drehte dann Florian Illies ein in seinem auch sonst in mancherlei Hinsicht fehlerhaften Buch „Liebe in Zeiten des Hasses“ von 2021.

Hier wird Balz aus den Folterkellern der Gestapo auf Goebbels persönlichen Befehl in die Filmstudios nach Babelsberg gebracht und dort bei vorgehaltener Pistole gezwungen, zwei Hits für „Die große Liebe“ zu komponieren, damit das der erfolgreichste deutsche Film aller Zeiten werden konnte. Zum Glück hat Judith Kessler sich die Mühe gemacht und nach Durchsicht vieler Dokumente und Konsultierung von allerhand Archiven bestätigt, was schon Balz selbst in einem an entlegener Stelle publizierten Interview zu solchen Räuberpistolen gesagt hat, nämlich: „Alles Quatsch!“

Bruno Balz, der nach 1945 mit Ausnahme des Welthits „Mama“, der 1967 durch Heintje in die Charts gelangte, nicht mehr an sein altes Niveau herankam, war trotzdem in der ersten Hälfte seines Lebens ein großer Künstler. In seinem Metier. Er, der 1988 starb, hat es nicht nötig, durch den Opferstatus oder politisches Heldentum nobilitiert zu werden. Einem Erich Kästner ähnlich hat sich Balz mit Glück und Geschick als der, der er war, in einer Zeit behaupten konnte, in der zahllosen Menschen dies unmöglich gemacht wurde. Und dabei auch noch viel Geld verdient. Freuen wir uns für ihn. Und danken wir ihm posthum, dass er uns so bereichert hat. Diesen Dank statten wir auch Judith Kessler ab. Sie bringt uns auf einfühlsame und sachkundige Weise den Menschen Balz sowie sein Werk nahe. Eine gewichtige kulturhistorische Lücke wird hiermit geschlossen.

Judith Kessler: „Kann denn Liebe Sünde sein? Auf den Spuren des Liedtexters Bruno Balz“. Nicolai, 200 Seiten, 24 Euro.

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