Vielleicht sollte man gleich mit einem Warnhinweis beginnen. Hämatophobiker, also Menschen, denen beim Anblick von, manchmal schon beim Gedanken an Blut schwummerig wird, sollten sich an dieser Stelle verabschieden und sich anderen Tätigkeiten zuwenden.

Die Serie, von der im Folgenden die Rede sein wird, fängt mit einer Ratte an, die erst ihr Leben und anschließend ihren Lebenssaft verliert. Der wird auf eine Spritze gezogen. „Du musst dich“, sagt ein irgendwie krank aussehender bleicher junger Mann zu seiner ähnlich blassen Schwester, „an Tierblut gewöhnen.“ Die Schwester bevorzugt menschliches Blut. Die Umgewöhnung klappt nur bedingt, eigentlich gar nicht.

Der junge Mann heißt Kai Kring, seine Schwester Maggie. Sie kommen aus der ausgeblutetsten Ecke Deutschlands. Oben ziemlich rechts auf der Karte an der Grenze zu Polen. Aus dem Oderbruch. Da tobte mal die blutigste Schlacht des Zweiten Weltkriegs. Da liegen immer noch Leichen nicht sehr tief unter der Oberfläche im Moor.

Heute ist das Oderbruch eine der menschenleersten Gegenden Deutschlands. Was an allem Möglichen liegt – wendefolgenbedingter Landflucht, Flutkatastrophen, Strukturschwäche, Überalterung –, allerdings nicht an jenem klandestinen Geheimorden, an jener Spezies, die vor gut zwei Jahren in der spektakulärsten und erfolgreichsten Serie der ARD ihr Unwesen trieb.

„Oderbruch“ heißt der Achtteiler von Arend Remmers, Adolfo Kolmerer und Christian Alvart. 13 Millionen sollen sich dieser geradezu gewalttätigen Genremixtur ausgesetzt haben. „Oderbruch“ ist eine Milieustudie, ein Landschaftsporträt im Schauerkostüm einer Horror-Krimi-Mystery-Thrillerlegende. Eine unterschwellig geradezu übermetaphorisierte Geschichte vom Verschwinden und Verschweigen, vom Verdrängen.

Eine Blutsauger-Sekte geht um

Die ging mit dem vom fahlen Mond beschienenen größten Leichenberg los, der jemals im deutschen Fernsehen zu besichtigen war. Ein Symbol natürlich. Für all die vertuschten Wahrheiten, die im Folgenden offenbar wurden. Und deren finsterste eine Geschichte war, über die man vor zwei Jahren kein Wort verlieren durfte.

Und jetzt müssen wir wieder zurückkommen zum Geheimorden, der eigentlich eine Spezies ist, Folge eines Gendefekts. Strigoi haben sich in dieser Sekte zusammengetan wie in einer Wagenburg. Strigoi sind Untote, deren Existenz vom Blut anderer Lebewesen abhängt. Denen ungeheure Kräfte zuwachsen, wenn sie Menschen aussaugen.

Ein Tropfen reicht, schon können sie Kraftfahrzeuge heben und handkantenschlagend durch die Lüfte fliegen, dass Bruce Lee neidisch würde. Leider ist das Suchtpotenzial von Menschenblut für Menschen, die mit dem Gendefekt der Strigoi geschlagen sind, noch höher als das von Crack.

Die Abgeschiedenheit, die Leere im untoten Grenzgebiet zwischen Deutschland und Polen war bis zum Beginn von „Oderbruch“ ein prima Versteck für die Strigoi. Dann war da der Leichenberg. Dann kam die Polizei. Dann kamen die Medien. Das Blut von Krewlow/Oderbruch war – jedenfalls für ein paar tiefdunkelrote Serien-Stunden – in aller Munde.

„Oderbruch“ konnte allerdings selbst randhämatophobe Menschen mit genereller Gruselhorrorabneigung süchtig machen. Weil man sich ständig kneifen musste, um zu glauben, dass das gerade die ARD war, die einem die überwohnzimmergroßen Bilder, die perfekt an der ästhetischen Ausgestaltung dieser Erzählung beteiligten Gewerke, diese niemals das Menschliche und Historische an fadeschmeckende Spökenkiekerei verhökernde Legende vorsetzte. Mit einem Mut, den man dem gebührenfinanzierten, quotensüchtigen deutschen Fernsehen eigentlich nicht (mehr) zugetraut hätte.

Dann waren einige tot, die man nicht hatte sterben sehen wollen – Felix Kramer zum Beispiel, der ein ganz wunderbarer Kommissar war und Maggie Krings Lebensliebe. Die Geschichte blieb aber an einem dramaturgischen Cliff hängen.

Und man hatte wie immer nach schlimmschönen Träumen schon ein bisschen Angst, dass Remmers, Kolmerer und Alvart weitermachen könnten. Das Oderbruch war für die Geschichte der Strigoi eigentlich ausgeblutet. Sie mussten ihr Personal in die Welt schicken. Und das geht ja bei regional verwurzelten Geschichten gern schief. Diesmal – das dürfen wir schon mal spoilern – tut es das nicht.

Der zweiten Oktologie ist das magische Moor weitgehend blutwurst, gelegentlich wird hingeschaltet, um liegengebliebene Geschichten zu Ende zu bringen. Was man wissen muss von dem, was vor zwei Jahren geschah, bekommen Neulinge im „Oderbruch“-Kosmos relativ elegant in Botenberichten und Rückblenden geschildert. Auch als nachtmahrende Albtraumsequenz taugt das Oderbruch ganz prima – einmal pro Folge, meist am Schluss, erhebt ein schöner Mädchenkopf sein blutiges Haupt aus einem tiefroten Oderbruch-Gewässer.

Ansonsten führen Maggie (unerschrocken und gewaltig: Karoline Schuch) und Kai (so bleich wie finster: Julius Gause) einen europaweiten Endkampf gegen ihre eigene Spezies, um das Blutsaugen zu beenden – in Norwegen, in Moldawien, Andorra. Ihr Endziel ist ein spanisches Kloster, das auf dem kahlen Berge über einer Landschaft liegt, die so trocken ist, wie das Biosphärenreservat Schorfheide feucht war.

In dem werden in geradezu atwoodscher Manier Frauen für die Zucht von „starkblütigen“ (reinrassigen) Strigoi-Männern gehalten. Leider gehen dem Orden, der in der Welt unter Religionsschutz steht, die starkblütigen Frauen aus, die allein den Fortbestand sichern könnten.

Kreuzzug gegen die Sektenzentrale

Es gibt nur noch deren zwei. Maggie ist eine von ihnen. Deren Kreuzzug gegen die großen Jäger kommt Ion, dem verrückten Fürst der Finsternis (Martin Feifel verfolgt einen – wieder einmal – bis in die hintersten Winkel selbst der schönsten Träume) und seiner Sektenzentrale immer näher. Und Maggies versteckter Tochter, die Maggie schützen wollte vor dem, was sie selbst wurde. Vera (Emily Kusche) heißt sie, lebt bis dahin von allen Blutsaugern unbeachtet in Spanien und spielt leider sehr schlecht Cello.

Währenddessen bereitet sich im Innern des Ordens eine Revolution vor, eine Reformation gegen die Strenggläubigen. Die wird von Quito angeführt. Das ist Ions Sohn, der Strigoi-Kronprinz. Sabin Tambrea – der mal Kafka war und Rübezahl – ist Quito.

Man sollte den schmalen Mann mit dem mondbleichen Gesicht für die Ausgestaltung des Zwiespalts, in dem Quito lebt, mit Fernsehpreisen überhäufen (wird er nicht kriegen, Genremixturen, vor allem welche mit Spurenelementen von Thrillern, bekommen keine deutschen Fernsehpreise).

Es geht um Familie. Um Rassismus. Um wahrhaft giftige Männlichkeit. Es wird massiv geballert. Blut fließt in Strömen. Das Tempo hat zugelegt. Der Rhythmus stimmt. Die Bilder sind weiter überwohnzimmergroß. Deutsches Fernsehen in Cinemascope. Man kriegt so wenig zuviel davon wie Maggie von Blut.

Man wird einige Zeit brauchen, bis man wieder in der U-Bahn steht ohne die Angst, es würde einem gleich jemand in den Nacken beißen. Gewisse Gegenden wird man vermutlich auf Dauer meiden – norwegische Wälder, spanische Wüsteneien, das Oderbruch sowieso. Und Dinge, die von „Oderbruch“ nachhaltig dämonisiert sind: Thermosbehälter zum Beispiel. Dem Blutspendenaufkommen haben Remmers, Kolmerer und Alvart wahrscheinlich auf jeden Fall einen Bärendienst erwiesen.

Und werden es wohl (hoffentlich) auch weiterhin. „Oderbruch“ ist am Ende – einmal muss noch eine Anspielung sein – noch längst nicht ausgeblutet.

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