Die Berlinale 2026 hat ein Problem – und das ist nicht das Wetter in Berlin im Februar, obwohl das die Sache auch nicht leichter macht. Mehr als 80 Filmschaffende, darunter Hollywood-Größen wie Javier Bardem, Tilda Swinton, Mike Leigh und Adam McKay, und zudem auch die nächste übliche Verdächtige, die Künstlerin Nan Goldin, die vor über einem Jahr eine antisemitische Hassrede in der Neuen Nationalgalerie hielt, haben in einem offenen Brief das „institutionelle Schweigen“ des Festivals zum Gaza-Krieg angeprangert.
Sie sprechen von „Zensur“, von „Beteiligung an der Unterdrückung“ palästinensischer Stimmen, von einer moralischen Pflicht, die das Festival verrate. Während die Berlinale in der Vergangenheit klare Worte zu Iran und Ukraine gefunden habe, ducke sie sich nun weg. Die Unterzeichner gehen dabei sehr weit. Sie sprechen von „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ und einer deutschen Gesetzgebung, die Solidarität mit der palästinensischen Sache unter Strafe stelle. Sie verweisen auf andere Festivals, die einen kulturellen Boykott Israels unterstützen. Und sie fordern von der staatlich finanzierten Berlinale nichts weniger als ein klares politisches Bekenntnis. Tenor: Wer schweigt, macht sich mitschuldig.
Die Berlinale solle Israels Vorgehen explizit als „Völkermord“ verurteilen – alles andere sei moralisches Versagen. Sie zitieren den chinesischen Krawallkünstler Ai Weiwei, der kürzlich gesagt hatte, in Deutschland geschehe „das Gleiche wie in den 1930er-Jahren“ und damit einem Interviewer beipflichtete, der geraunt hatte, es handle sich um „denselben faschistischen Impuls, nur mit einem anderen Ziel“.
Den Stein ins Rollen gebracht hatte vor einigen Tagen Jury-Präsident Wim Wenders, der auf einer Pressekonferenz verkündete, man müsse „sich aus der Politik heraushalten“ – eine Aussage, die in der aktuellen Stimmungslage ungefähr so geeignet war, den Unmut zu beschwichtigen, wie ein Funke im Pulverfass. Die Berlinale reagierte mit dem bewährten Festivalmanöver: eine vorsichtige Erklärung, die alle beruhigen und niemanden verärgern soll – und damit natürlich alle verärgerte. Festivalchefin Tricia Tuttle schrieb etwa: „Von Künstlern sollte nicht erwartet werden, dass sie sich zu allen allgemeinen Debatten über frühere oder aktuelle Praktiken eines Festivals äußern, auf die sie keinen Einfluss haben.“ Die indische Autorin Arundhati Roy zog daraufhin ihre Festival-Teilnahme zurück, und die Unterzeichner des Briefes erklären Wenders’ Forderung, Kunst und Politik schön auseinanderzuhalten, nun für kompletten Unsinn. Wer so etwas behaupte, verkenne die Realität – und stütze am Ende nur jene Macht, die Kritik zum Schweigen bringe.
Javier Bardems Nazi-Vergleiche
Tilda Swinton hatte im vergangenen Jahr beim Festival noch ihren Goldenen Ehrenbären entgegengenommen – und bei der Gelegenheit die BDS-Bewegung gelobt, die Sanktionen und Boykott gegen Israel unterstützt. Swinton biss gewissermaßen die Hand, die ihr applaudierte. Javier Bardem wiederum hat israelische Soldaten bereits öffentlich mit Nazis verglichen, was seiner Unterschrift unter einem Brief über „institutionellen Anstand“ eine gewisse Note verleiht. Adam McKay, als Regisseur vor allem bekannt für seinen Bankencrash-Film „The Big Short“, mag inzwischen selbst dem Aberglauben an eine jüdische Weltverschwörung anheimgefallen sein. Auch sein brasilianischer Kollege Fernando Meirelles („City of God“, „Der ewige Gärtner“) hat enttäuschenderweise unterschrieben.
Der nächste prominente Unterzeichner, der 82-jährige Mike Leigh, der aus einer jüdischen Familie kommt, war früher auch schon mal schlauer. Dieses Zitat von ihm stammt aus dem Jahr 1993: „Ich treffe in meinen Filmen keine moralischen Urteile, ich ziehe keine Schlüsse. Ich stelle Fragen, ich beunruhige den Zuschauer, ich mache ihm ein schlechtes Gewissen, lege Bomben, aber ich liefere keine Antworten. Ich weigere mich, Antworten zu geben, denn ich kenne die Antworten nicht.“ Inzwischen ist er wohl der Ansicht, die Antworten sogar auf die diffizilsten Fragen zu kennen. Beim Bombenlegen ist er gleichwohl geblieben.
Die Diskussion trifft ein Festival, das in einem veränderten Klima von Rezeption und Distribution des Films eh seine liebe Mühe hat. Dem Wettbewerb mangelt es an großen Namen. Dennoch ist die Qualität der Auswahl bislang erstaunlich hoch.
Was bleibt von dem offenen Brief, dessen Wirkung sich ansonsten genretypisch im wohlfeilen Gratismut erschöpfen wird? Wohl am ehesten die perfide Ironie, dass die Unterzeichner zwar der Ansicht sind, Kunst und Politik ließen sich nicht trennen, aber in ihrem obsessiven Whataboutism, den sie der Berlinale aufzwingen wollen, nur unter Beweis stellen, wie gut sich künstlerisches Talent und politische Urteilskraft trennen lassen.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke