Möbel, Design, Einrichtungsgegenstände, ganze Schrankwände – das war das Material, aus dem Henrike Naumann Kunst machte. Auf den ersten Blick sahen ihre Installationen aus wie Wohnzimmer aus erst kürzlich vergangenen Zeiten. Besonders aus ostdeutschen Wohnverhältnissen schöpfte sie die Inspiration für ihr Werk. Nostalgisch waren ihre Ausstellungen jedoch nie. Sie wirkten wie begehbare Protokolle einer Gesellschaft, die sich nach 1989 neu einrichtete, sich vom ideologischen Ballast jedoch nicht so leicht trennen konnte. Wie statten sich politische Milieus aus, in denen Geschmack zur Haltung und Interieur zum Weltbild wird? Diese Frage schien Naumanns Werk zu stellen.
Geboren 1984 in Zwickau, gehörte Naumann zu jener Generation, die ihre Kindheit noch in der DDR erlebte und ihre Jugend im radikalen Umbruch der Nachwendezeit. Sie gestaltete Zustände: die Sehnsucht nach Zugehörigkeit, das Gefühl des Abgehängtseins, die Versuchung autoritärer Erzählungen. In Installationen wie „Das Reich“ oder „Tag X“ arrangierte sie Möbel aus den 1990er- und 2000er-Jahren zu räumlichen Essays über gepflegte Ressentiments, Rechtsradikalismus und Reichsbürger-Denken. Ihre Kunst hatte eine dokumentarische, fast forensische Grundlage – umso entlarvender war ihre Wirkung.
Zuletzt nahm Henrike Naumann an der Ausstellung „Wohnkomplex“ im Potsdamer Museum Das Minsk teil. Ausgangspunkt für ihre Installation „Triangular Stories (Amnesia & Terror)“ war ein Foto der späteren NSU-Terroristin Beate Zschäpe. Ein Zeitsprung ins Jahr 1992, als rassistische Ausschreitungen in Ostdeutschland die Gesellschaft erschütterten. Naumann zeigte inszenierte Homevideos aus dem Leben einer Gruppe von Nachwuchs-Nazis und von partymachenden Jugendlichen auf Ibiza. Sie gehe der Frage nach, erklärte Naumann ihr Projekt, „wo die Unschuld von drei jungen Neonazis aufhört – und die Verantwortung von unpolitischen Hedonistinnen und Hedonisten beginnt.“
Ihre sozialen, fast soziologisch komponierten Räume erzeugten eine unangenehme Nähe. Wer sie betrat, stand nicht vor einem Werk, sondern in einer Situation – und musste sich fragen, warum einem das alles so vertraut vorkommt. Man befand sich in einem Setting des Lächerlichen, Banalen und Peinlichen – und musste aushalten, dass solche Ästhetisierung von Ideologie nicht nur „die anderen“ betrifft. Naumann verband analytische Klarheit mit einer trockenen Ironie.
Am 14. Februar 2026 ist Henrike Naumann im Alter von nur 41 Jahren gestorben, nach einer viel zu spät diagnostizierten Krebserkrankung, wie es in einer Mitteilung heißt. Erst wenige Monate zuvor war Naumann als eine von zwei Künstlerinnen für den Deutschen Pavillon auf der Biennale von Venedig 2026 berufen worden. Ihr Tod hinterlasse eine „schmerzhafte Lücke“, erklärte das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa), das für den deutschen Beitrag auf der wichtigsten internationalen Ausstellung für zeitgenössische Kunst verantwortlich ist. „Mit Henrike Naumann verlieren wir nicht nur eine bedeutende Vertreterin der deutschen Gegenwartskunst, sondern auch eine warmherzige, wache und hoch engagierte Persönlichkeit.“
Dass sie für den Deutschen Pavillon ausgewählt wurde, war eine folgerichtige Entscheidung. Naumanns Arbeit stand für eine Gegenwartskunst, die Deutschland die politische Temperatur misst – mit den Mitteln der Installation. Ihr früher Tod verleiht dem Projekt in Venedig eine tragische Dimension. Naumann habe es konzeptionell noch fertigstellen können, damit es dort gemäß ihrer künstlerischen Vision umgesetzt werde, hieß es.
Zweite Künstlerin im Deutschen Pavillon ist die vietnamesisch-deutsche Künstlerin Sung Tieu. Kuratiert wird der Beitrag von Kathleen Reinhardt, Direktorin des Georg-Kolbe-Museums in Berlin. Die Biennale von Venedig findet vom 9. Mai bis zum 22. November 2026 statt. Geleitet wird sie vom Team um die kamerunisch-schweizerische Kuratorin Koyo Kouoh, die am 10. Mai 2025 ebenfalls nach einer Krebserkrankung verstorben war.
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