Mit den Olympischen Winterspielen war es in den letzten Jahren ja immer so eine Sache. Entweder liefen sie für Europäer irgendwo im Nachtprogramm unter weitestgehender Ausschluss der Öffentlichkeit ab wie die Winterspiele 2018 im südkoreanischen Pjönjang oder 2010 in Vancouver 2010. Oder sie waren von politischem Debattentheater überschattet, das dem ganzen seine Leichtigkeit nahm, so etwa im russischen Sotschi 2014 oder in Peking 2022.
Ähnlich bei anderen Sportgroßveranstaltungen der letzten Jahre: Regenbogenbinden tragende Ministerinnen bei der Fussball-WM in Katar, Gender-Debatten um eine Boxerin mit hohen Testosteronwerten bei den letztjährigen Sommerspielen in Paris und mit der Fussball-WM im Sommer in den USA zeichnet sich am Horizont bereits das nächste diskursive Wetterleuchten um Boykott-Forderungen und Werte-Debatten ab.
Umso erleichternder das Aufatmen nach den ersten Wettkampftagen der Spiele von „Milano Cortina 2026“, wie sie offiziell heißen: Ein großer Eklat blieb bislang aus, der einzige „Skandal“ im Vorfeld bestand in den grotesk hässlichen Leibchen der deutschen Delegation. Ein Luxusproblem, für das man angesichts der politischen Großwetterlage dankbar sein sollte.
Und so fühlen sich die Olympischen Spiele 2026 in Mailand und Cortina D‘Ampezzo auch wie eine kleine Heimkehr des Wintersports an seinen mythischen Ursprung an. Die Alpen, wo 1924 im französischen Chamonix die ersten Spiele stattfanden, sind für Europäer das Urbild von Berge, Schnee und Eis. Doch trotz des wohligen Gefühls von Purismus und „guter alter Zeit“ haben sich natürlich auch in den Alpen die Räder der Zeit weitergedreht.
„Richtig schlechte“ Bilder und empfindsame Männer
Cortina d‘Ampezzo, 1956 bereits einmal Austragungsort der Winterspiele – es waren die Ersten, die im Fernsehen übertragen wurden – wird 70 Jahre später einmal mehr zum Ort einer Medienrevolution. In der alpinen Technomoderne von Cortina werden die Bilder der Olympioniken aus mindestens drei Winkeln in 4K gefilmt, via 5G durch die Cloud gejagt und in Sekundenbruchteilen von Algorithmen verwertet.
So kommen erstmals nicht nur virtuelle Übertragungswagen zum Einsatz, gesteuert wird das ganze zudem über eine vollständig cloudbasierte Hauptregie. Die „Qwen“-KI vom chinesischen Internetgiganten Alibaba, offizieller Partner des IOC, analysiert das Videomaterial, erstellt daraus einzelne Clips und versieht diese mit Bildbeschreibungen und Schlagwörtern. Die Alibaba-KI produziert zudem 360-Grad-Echtzeit-Wiederholungen, um Ansichten aus mehreren Blickwinkeln zu liefern. Bei so viel digitaler Virilität kann man sich nicht immer des Eindrucks verwehren, dass die Technik mit den Athleten auf dem Feld um die beeindruckendste Leistung konkurriert.
Für den Zuschauer daheim gehört zu den wichtigsten Neuerungen aber die First-Person-View-Drohnen, die permament irgendwo durch das TV-Bild sirren und Bilder in Echtzeit schießen, die „dynamische Perspektiven auf die Wettkampfstrecken ermöglichen“ sollen, wie es seitens des olympischen Broadcaster „OBS“ heißt. Was einerseits für spektakuläre Bilder beim Biathlon oder in den Skiabfahrtsläufen sorgt, strahlt zugleich eine diffuse Ästhetik des Schreckens aus. Für den durchschnittlichen Medienkonsumenten haben Anblick und Geräusch von Drohnen in einer Schneelandschaft in den vergangenen vier Jahren ähnlich an Unschuld verloren, wie ein Bild von einem Flugzeug, das auf zwei Türme zufliegt. Und so muss sich der Zuschauer vor dem Bildschirm regelmäßig vergewissern, dass er gerade eine Sportübertragung schaut und keinen Brennpunkt aus der Ostukraine.
Doch ausgetüftelte Algorithmen und pfiffige Videogadgets allein machen noch kein gutes Fernsehbild. In erfrischender Offenheit brachte das Rodler Max Langenhan auf den Punkt, der am Tag nach seiner Goldmedaille seinen Unmut kundgab. „Wenn ich ehrlich sein darf, und da wird mich vielleicht jemand köpfen, ich fand das IOC-Fernseh-Broadcast-Bild richtig schlecht“, so der 26-Jährige, wobei er vor Allem kritisierte, dass die TV-Kameras einige Kurven der Rodelbahn überhaupt nicht einfingen und so „der ganze Charakter der Bahn durch das Fernsehbild total verwaschen“ werde.
Auch bei ARD und ZDF, die mit den Bilder von der OBS beliefert werden, gibt es Unmut. Als die Weltregie unbeirrt auf die schwerverletzt im Schnee liegende Lindsey Vonn draufhielt und ihren Sturz mehrfach in Super-Zeitlupe zeigte, fand ARD-Moderator Bernd Schmelzer deutliche Worte: „Ich muss das jetzt auch nicht dreimal sehen, ehrlich gesagt. Ich habe da eine andere Vorstellung von Empathie als die Regisseure teilweise. Das muss man nicht zeigen. Ich brauche das nicht“, und Co-Moderator Felix Neureuther forderte angesichts von Vonns Schmerzensschreien: „Bitte den Ton weg“. Und als die Kamera beim Eiskunstlauf plötzlich nicht mehr die Darbietung von Ilia Malinin verfolgte, sondern für einen Moment die leere Halle abfilmte, rief ARD-Moderator Daniel Weiss genervt: „Mann Kameramann, was machst Du da?“ Eine vor Kraft strotzende Technik ist scheinbar weder Garant für gute Bilder noch für die Haltungsnote.
Trotz künstlicher Intelligenz schreibt die besten Geschichten ohnehin noch immer der Mensch selbst. So etwa Philipp Raimund, ein 25-jähriger Skispringer, der unter Höhenangst leidet und bislang noch keinen einzigen Weltcup gewonnen. Am dritten Wettkampftag flog er 106 Meter weit und holte Gold für Deutschland. Oder der Norweger Sturla Holm Laegreid, der nach seinem Bronze im Biathlon live vor den Kameras reuevoll erzählte, seiner Freundin fremdgegangen zu sein. Erst wenige Tage vor dem Wettkampf habe er der Frau, die er als die „Liebe meines Lebens“ bezeichnet, den Seitensprung gestanden, worauf diese sich getrennt habe, woran Laegreid sehr leide. Tags darauf meldete sich die Frau selbst zu Wort. „Es ist schwer zu vergeben. Selbst nach einer Liebeserklärung vor der ganzen Welt“, erklärte sie einer norwegischen Zeitung. „Der empfindsame Mann“ wäre vielleicht das passendere Motto der Spiele anstelle des offiziellen Nonsense-Slogans „IT's your vibe“.
Curling, dröhnende Geopolitik auf dem Eis
Und dann ist da noch der große Anachronismus namens Curling, der alle vier Jahre für ein paar Tage als Stern am medialen Nachthimmel aufblitzt. Das Spiel mit Stein und Besen ist die ultimative Antithese zu den hypertrophen Athletenkörpern und der hochgezüchteten Technik im übrigen Olympia-Kosmos. Ursprünglich aus dem Schottland des 16. Jahrhunderts stammend, wo Mönche Steine über zugefrorene Seen rutschen ließen, hat das „Schach auf dem Eis“ eine weitaus größere Kulturgeschichte als die meisten Populärsportarten. So finden sich bereits auf mehreren Gemälden Pieter Brueghels Curling spielende Kinder und der schottische Dichter Robert Burns beginnt sein 1785 veröffentlichtes Gedicht „The Vision“ mit den Zeilen:
„The sun had closed the winter day,
The curlers quat their roarin’ play.“
Blockieren, Stoßen, Schützen. Das Wesen dieses „roaring play“, des „dröhnenden Spiels“ ist das Kratzen des Granitsteins über die Eisfläche. Im Curling erzeugt jede Bewegung eine Reibung, jeder Zug wird zur Entscheidung unter unsicheren Bedingungen und steht unter dem Vorbehalt seiner Realisierbarkeit. Das Eis als „Chaosfaktor“, der dem Sport auch eine realpolitische Dimension verleiht. Curling, das ist Raumordnung auf dem Eis, Geopolitik mit dem Besen.
Doch selbst das schottische Traditionsspiel bleibt von der Logik der digitalen Totalvermessung nicht verschont. In Cortina kommt erstmals ein Trackingsystem zum Einsatz, mit dem sich Laufbahn, Geschwindigkeit und Rotation jedes Curlingsteins in Echtzeit verfolgen lässt. Außerdem sind die Steine erstmals mit elektronischen Griffen ausgestattet, die rot aufblinken, wenn ein Spieler den Stein zu spät loslässt. Damit wird der jahrhundertelang bestehende Ehrenkodex im Curling, nach dem Spieler ihre eigenen Regelverstöße melden, durch ein elektronisches Kontrollsystem ersetzt. Im gleichen Maße, wie das Spiel dadurch gerechter wird, büßt es von seinem archaischen Glanz ein. Trotz der Heimkehr in die Alpen sind die Spiele von Cortina somit auch ein leiser Abschied.
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