Ein junger Mann, Anfang 20, das Leben liegt weit offen vor ihm, alles scheint möglich. Sein Name ist Simon Verhoeven, er ist der Sohn der Schauspielerin Senta Berger und des Regisseurs Michael Verhoeven. Simon ist von München nach New York gegangen, um im berühmten Actors Studio zu studieren, wo schon Marlon Brando und Marilyn Monroe ihr Handwerk lernten. Wir schreiben die frühen Neunzigerjahre.
Ein anderer junger Mann, Anfang 20, auch sein Leben vor ihm wie die weißen Seiten eines ungeschriebenen Buches. Sein Name ist Joachim Meyerhoff, er ist der Enkel der Schauspielerin Inge Birkmann und des Philosophen Hermann Krings. Joachim ist von Schleswig nach München gezogen, um an der renommierten Otto-Falckenberg-Schule zu studieren, wo schon Mario Adorf und Katja Riemann ihr Handwerk lernten. Wieder schreiben wir die frühen Neunziger.
Dragqueens und junge Nazi-Bösewichte
Meyerhoffs Jahre an der Falckenberg lassen sich – autofiktional – nachlesen; er ist inzwischen nicht nur einer der meist gefeierten deutsche Bühnenschauspieler, sondern auch Bestsellerautor und sein „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ ist gerade verfilmt worden: von Simon Verhoeven, mittlerweile einer der kommerziell erfolgreichsten deutschen Regisseure. Meyerhoffs Anfänge sind also jetzt im Kino zu bestaunen. Über Verhoevens Anfänge in New York hingegen weiß man so gut wie nichts.
So gut wie. Fände nicht bei der in ein paar Tagen beginnenden Berlinale eine Retrospektive mit Filmen aus den Neunzigern statt. Da läuft unter anderem „Party Girl“, ein früher Film mit Parker Posey, die sich zum „It-Girl“ des Jahrzehnts mausern sollte, zur Königin der Independent-Filme. Als „Party Girl“ flattert sie durch die queere Clubszene mit Drogen, Dance Floor und Dragqueens, jene Szene, die bald nach Berlin weiterziehen würde, weil der Bürgermeister Rudy Giuliani New York säuberte (derselbe Giuliani, der zwei Jahrzehnte später im Auftrag von Donald Trump erfolglos versuchte, die Präsidentschaftswahl anzufechten).
Die Figuren in „Party Girl“ warten auf eine Person namens „Karl“ wie Estragon und Wladimir auf Godot. Als Karl schließlich auftaucht, stellt er sich als schüchterner junger Mann heraus. „Hey, Karl“, rufen sie ihm zu, aber er widerspricht: „Ich heiße nicht Karl. Mein Name ist Kurt!“. Viel mehr hat er in dem Film nicht zu tun. Der Name des Kurt-Jungmimen lautete Simon Verhoeven.
„Ich hatte diesen Film gar nicht mehr auf der Rechnung“ lacht Verhoeven bei einem Treffen im Berliner Kaffeehaus Manzini. „Am Schwarzen Brett im Actors Studio hingen häufig Zettel, die zum Casting von Indie-Filmen einluden, da bin ich manchmal hingegangen. Ich wusste gar nicht recht, worum es in ,Party Girl‘ ging. Aber sie haben mich genommen und mir einen Penis-Hut aufgesetzt. Was dazu führte, dass ich danach im East Village öfters angesprochen wurde: ,Hey, wo ist dein Hut!?‘“ Ansonsten bekam Verhoeven bevorzugt junge Nazi-Bösewichte angeboten. Beim Manzini-Kellner bestellt er Schnitzel mit Bratkartoffeln.
Dieses New York, es war pulsierend, unberechenbar. Die großen Clubs – wie Limelight, Tunnel, Roxy, oder Palladium, die sämtlich nicht mehr existieren – waren eigene Planeten. Überall gab es Drogen zu kaufen. „Bist du sicher, dass du hier aussteigen möchtest, white boy?“ wurde Verhoeven von einem Taxifahrer einmal gefragt. Er hat bei dem Pianisten Don Friedman Jazz-Komposition studiert, mit Jungs aus Brooklyn Musik gemacht, und oft war er der einzige Weiße. Er wohnte in demselben Haus wie Iggy Pop.
Auf der U-Bahn-Treppe ist er einmal überfallen worden. „Ein Mann hat mir einen Schraubenzieher an die Kehle gedrückt“, erinnert sich Verhoeven, „mir dann aber geglaubt, dass ich kein Geld dabeihabe. Dafür hat er sich gleich den nächsten gekrallt, der die Treppe hochkam.“ Ein anderes Mal wurde er auf der Straße von einem halben Dutzend finsterer Gestalten eingekreist, da wurde er seinen Geldbeutel los.
„Aber ich habe mich in New York sicher gefühlt. In acht Jahren zweimal in solch eine Situation zu geraten, das war in Ordnung“, sagt Verhoeven mit dem Abstand eines Vierteljahrhunderts. Zwischendurch studierte er ein Semester Filmmusik am Berklee College in Boston, und dort, in der Stadt mit den meisten Millionärshaushalten des Landes, wurde seine Wohnung von Drogensüchtigen auseinandergenommen.
Heute hat Verhoeven zwei Söhne: „Ich hätte die ganze Zeit Schiss, wenn meine Kinder dorthin gehen würden. Meine Mutter hat damals auch um mich Angst gehabt.“ Seine Eltern unterstützten ihn finanziell, dazu hat er eigenes Geld verdient, als Laufbursche bei Filmproduktionen – und als Rezitator: „Ich habe einer alten Frau, die vor den Nazis geflüchtet war, Briefe aus ihrer Jugend auf Deutsch vorgelesen. Ihr Vater, ein Sozialdemokrat, war im KZ umgekommen.“
Verhoevens Freunde aus der New Yorker Szene verschwanden einer nach dem anderen – Richtung Los Angeles, denn mit Indie-Filmen ließ sich kaum Geld verdienen, in Hollywood hingegen schon. Als Verhoeven sein Regiestudium an der New York University abgeschlossen hatte, folgte er ihnen – und geriet in die Hollywood-Mühle, auch bekannt als „Entwicklungshölle“, die vor allem aus endlosen Besprechungen besteht.
Verhoeven hatte einen Agenten (ohne den wäre er nicht in die Besprechungsmühle gekommen), und es war derselbe, der auch Jay Roach (den von der „Austin Powers“-Serie) vertrat. Verhoeven hätte vielleicht „Agent Cody Banks 2“ drehen können, die Fortsetzung einer eher dürftigen Agentenkomödie; Hollywood lässt gern Jungregisseure irgendeinen Quatsch drehen, nur um zu sehen, ob sie es handwerklich draufhaben, aber die Chance zerschlug sich, und es wäre auch gar nicht Simon-Stil gewesen.
Das Studio hat ihm ein paar „Optionen“ bezahlt, ein paar Tausend Dollar, damit er in der Stadt bleiben konnte für den Fall, dass sich doch etwas für ihn ergeben hätte, aber irgendwann hat er seine Siebensachen gepackt und ging nach Deutschland zurück. Er war 28 damals, und „ich hatte meine eigene Stimme noch nicht entdeckt“.
Die fand er in den Nullerjahren desto gründlicher. Er war in dem Alter, in dem die größten Probleme junger Männer darin bestehen, wie sie am Türsteher der Diskothek vorbeikommen. Und wie sie der Freundin erklären sollen, dass sie ihren Hund totgefahren haben („100 Pro“). Ein Alter, in dem sie sich von einer Kurzaffäre zur anderen hangeln und auch mal von ihrem Rivalen ins Krokodilbecken geschubst werden („Männerherzen“). In dem sie Geburtsvorbereitungskurse besuchen und ihre erste Pleite weglachen („Männerherzen … und die ganz ganz große Liebe“). In „Nightlife“ spürt Elyas M’Barek schon, dass es so nicht weitergehen kann, dass er jeden Morgen an der Seite einer fremden Frau aufwacht und die Russenmafia ihm Feuer unterm Hintern macht, aber am Schluss springen alle wieder auf der Tanzfläche umher.
Dazwischen gab es, auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise, „Willkommen bei den Hartmanns“, im Kern eine Komödie über deutsche Gutmenschen, aber immerhin eine mit wildgewordenen Alt-Achtundsechzigern, Pegida-Steinewerfern, einem Islamisten und einem SEK-Einsatzkommando. Das reale Leben hob allmählich seinen Kopf. Damals war Simon Verhoeven Mitte 40.
Jetzt ist er Anfang 50. Jetzt hat er den Film über den jungen Mann in der Schauspielschule gedreht. Nicht über sich, sondern über Joachim Meyerhoff. Zum ersten Mal in einer Verhoeven-Komödie gibt es ein Begräbnis. Sogar zwei. Zu Beginn muss Joachim seinen Bruder beerdigen – wie Joachim Meyerhoff den seinen, der bei einem Autounfall starb, als Meyerhoff zum Schüleraustausch in den USA war. Joachim, untröstlich, setzt es sich in den Kopf, auf die Falckenberg-Schule zu gehen, um zu schauspielern, und wohnen wird er in München bei seinen Großeltern.
Meyerhoff kam fünfmal
Gespielt werden die von Senta Berger und Michael Wittenborn, leicht skurril, einander und ihrem Enkel jedoch innig zugetan. Und dann wird der Großvater hinfällig und stirbt. Verhoeven inszeniert, wie der Leichnam aus dem Hause getragen wird, und dann baut er eine Totale ein, in der man das Haus sieht und oben auf dem Balkon die Großmutter, die herab auf die Träger blickt.
Einem stockt der Atem, denn kurz nach Beginn der Dreharbeiten ist Michael Verhoeven gestorben, Sentas Mann und Simons Vater, und auch ihn hat man so aus dem Hause getragen. Michael Verhoeven hatte das Drehbuch noch gelesen und seine Frau bekniet, diese Rolle zu spielen.
„Vor fünf Jahren hätte ich versucht, den Film mehr ins Komödiantische zu drehen“, sagt der Regisseur, „jetzt habe ich ein neues Gefühl für filmische Balance.“ Seine Interpretation ist so saukomisch wie Meyerhoffs Buch – und auch so tieftraurig. Der Filmemacher Simon Verhoeven ist erwachsen geworden. Oder sagen wir: noch erwachsener.
Ach ja, Meyerhoff. Der wollte sich die Filmversion erst nicht ansehen. Zunächst schickte er seine Frau. Dann den besten Freund. Schließlich kam er selbst. Inzwischen hat er „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ fünfmal gesehen.
Biografie
Geht man den Stammbaum von Simon Verhoeven zurück, findet man dort zunächst seine Eltern Senta Berger (Star seit den Sechzigerjahren) und Michael Verhoeven (Regisseur von „Die weiße Rose“ und „Das schreckliche Mädchen“), dann seinen Großvater Paul Verhoeven (Regisseur von über 60 Kino- und Fernsehfilmen) und schließlich seine Tante Lis Verhoeven (Schauspielerin und einst verheiratet mit Mario Adorf).
Simon, geboren 1972, führte erstmals Regie („100 Pro“) im Jahr 2000 und hat seitdem mit fast all seinen Filmen („Männerherzen 1 + 2“, „Willkommen bei den Hartmanns“, „Nightlife“, „Alter weißer Mann“, „Girl You Know It’s True“) zwischen ein und vier Millionen Zuschauer in die Kinos gezogen. Bis zu einer schweren Verletzung spielte er in der bayerischen DFB-Jugendauswahl.
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