Eine WG im Foyer, ein Prozess gegen die AfD und ein Eklat auf der Bühne: Bei den Lessing-Tagen am Hamburger Thalia-Theater wird der Ausnahmezustand geprobt. Düsseldorfer Kunststudenten campieren in selbstgebauten Betten zwischen Waschmaschinen im Theater, Stichwort „durational performance“. Auch der Leiter des Festivals, der 66-jährige Matthias Lilienthal, schließt sich für eine Nacht an. Wofür oder wogegen rüstet man sich hier? Für den kommenden Krieg, wie bei der Militärübung „Red Storm Bravo“ im Herbst? Oder gegen, wie Lilienthal befürchtet, eine rechte Zukunft?
Postpopulismus hat Lilienthal als Festivalthema ausgegeben. „Von Polen lernen“ heißt es bei einem Podium. Aus Krakau ist das Theaterstück „Attack on the National Stary Theatre“ eingeladen, in dem ein fiktiver Terroranschlag eine Welle des Nationalismus auslöst. Das polnische Beispiel will Lilienthal als Warnung vor einer Machtübernahme der AfD verstanden wissen. „Ich will diesen Misthaufen nicht an der Macht haben“, sagt der Festivalleiter gegenüber der „Zeit“.
Zum Abschluss des Festivals wird dem „Misthaufen“ der Prozess gemacht und ein mögliches Parteiverbot der AfD durchgespielt. „Prozess gegen Deutschland“ heißt das dreitägige Spektakel, inszeniert von Milo Rau. Es beginnt an diesem Freitag. Der 49-jährige Schweizer, aktuell Leiter der Wiener Festwochen, ist ein Spezialist für künstlerische Schauprozesse. Auf der Bühne stehen keine Schauspieler, sondern Experten. Zuletzt hatte Rau mit den „Wiener Prozessen“ für Aufsehen gesorgt, auch für dieses Jahr ist bei den Wiener Festwochen wohl wieder ein Großprozess geplant.
„Ist ein Verbot der AfD möglich, ja rechtlich geboten, weil sie ‚aggressiv-kämpferisch‘ die Demokratie bedroht?“, heißt es in der Ankündigung für den „Prozess gegen Deutschland“. Außerdem geht es um den „Missbrauch des Rechts durch SLAPP-Klagen und die Welt des Techno-Faschismus, die MAGA-Propagandawalze des Silicon Valley und das mediale Ökosystem rechtsextremer Gehirnwäsche“. Den Vorsitz hat die ehemalige SPD-Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin inne, die Verteidigung übernimmt unter anderen WELT-Autor Frédéric Schwilden.
Als Zeugen angekündigt sind die ehemalige AfD-Vorsitzende Frauke Petry, der CDU-Politiker Andreas Rödder, der Historiker Volker Weiß, der „Correctiv“-Chefreporter und Aktionskünstler Jean Peters, der „Bild“-Kolumnist Harald Martenstein, der Hamburger SPD-Kultursenator Carsten Brosda und viele weitere. Ein bunter Mix, der allerdings schon vorab für weitere Aufregung sorgt. So sagte Rainer Mühlhoff seine Teilnahme kurz vor Beginn am Freitag ab, weil auch „Akteure aus dem ultrarechten und radikalisierten konservativen Spektrum“ beteiligt seien. Der Professor für Ethik der Künstlichen Intelligenz und Verfasser des Buchs „Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus“ wolle sich nicht an der „symbolischen Aufwertung extremistischer Positionen“ beteiligen, teilte er auf Bluesky mit. Am Ende der drei Prozesstage, die auch als Livestream übertragen werden, entscheiden Geschworene.
Wird es beim „Prozess gegen Deutschland“ zu einem Eklat kommen, wie einige Tage zuvor beim Gastspiel „Violenza 2025“ aus Graz? Dass auf der Bühne unter anderem „Re-, Re-, Remigration!“ skandiert wurde, löste beim Hamburger Publikum höchste Irritation aus, wie „NDR“ berichtet. Als die Schauspieler, die eine Gruppe junger Rechter spielen, zu einer Gedenkminute für den ermordeten Charlie Kirk aufriefen, antworteten Zuschauer mit Sprechchören gegen Faschismus. Ein Besucher enterte sogar die Bühne.
So viel Kontroverse ist selten im Theater. Damit könnten die Lessing-Tage ein Ausblick auf den Herbst sein. Dann übernimmt Lilienthal nämlich die Berliner Volksbühne.
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