Die Ballsaison ist im vollen Gange und mit dem Wiener Opernball steht noch ein mit Spannung erwarteter Höhepunkt an. Oder doch eher Tiefpunkt? Nachdem man Stefanie Sargnagels bitterböses Büchlein „Opernball“ gelesen hat, ist man sich da nicht mehr so sicher. Zwischen literarischer Reportage und fantastischer Groteske beschreibt die Wiener Schriftstellerin den Klassenkampf an der Champagnerbar, die Eitelkeiten auf dem Walzerparkett und die Abgründe in den VIP-Logen. Ein moderner Sittenspiegel des verkommenen Geldadels in seinem natürlichen Habitat, so rotzfrech wie lesenswert.

Der Reiz der gerade mal 80 Seiten ist schon in der Kombination von Autorin und Gegenstand begründet. Auf der einen Seite ist da Sargnagel, die über Jahre erfolgreich das Klischee einer Wiener Kaffeehausliteratin kultiviert hat. Die ohne Schulabschluss im schäbigen Café Weydinger am Gürtel sitzt und sich von Krügerl zu Krügerl hangelt. In Büchern wie „Statusmeldungen“ und „Dicht“ erhob sie die eigene Kaputtheit nicht nur zur Lebens-, sondern zur Kunstform. Doch schon in ihrem jüngsten, hochvergnüglichen Roman „Iowa“ ließ es die 1986 geborene Schriftstellerin und Cartoonistin ruhiger angehen. Es folgten Schwangerschaft und Geburt eines Kindes, was sie alles direkt und ungeschönt auf Social Media raushaut, wofür Sargnagel als „coolste Momfluencerin“ gefeiert wird.

Und auf der anderen Seite ist da der Opernball, dieses halbfeudale Relikt des Sehens und Gesehenwerdens, das sich bis heute einer Beliebtheit erfreut, die sich eigentlich nur mit der nachimperialen Melancholie erklären lässt, die man in einer Stadt wie Wien noch immer pflegt. So werfen sich die Wohlbetuchten und Wichtigen alljährlich in Frack und Ballkleid und pilgern zur Staatsoper, was für Außenstehende wie ein groteskes Kostümfest wirkt, bei dem die untergegangene höfische Kultur simuliert wird. Das ist, ganz ohne literarisches Beiwerk, fast selbst schon satirisch. Und mittendrin nun Sargnagel, deren Faible für literarisch überspitzte Selbstdokumentation durch ein solches Event in ganz neue Sphären der „Social Akwardness“ befördert wird. Man kann sich wohl kaum eine Veranstaltung vorstellen, auf der Sargnagel so fehl am Platz wäre wie auf dem Wiener Opernball. Und genau deswegen will man ja lesen, wie das ist.

„Jetzt sind wir unter ihnen. Den Fleißigsten, den Tüchtigsten, den Leistungs- und Entscheidungsträgern. Den Schmierigsten, Schleimigsten und Gierigsten. Den Wichtigen, Erwählten, Hochwohlgeborenen“, lässt Sargnagel ihre Protagonistin sagen, die, wie immer bei Sargnagel, der Autorin ähnelt. Ihre Begleitung, eine Barfrau aus dem gastronomischen Prekariat, mit dem Stolz der arbeitenden Klasse und entsprechender Unverfrorenheit, ist da weniger ehrfurchtsvoll:

„‚Was ist bloß aus dir geworden?‘, zischt sie. ‚Das hier ist der Feind! Steuerhinterzieher, Ausbeuter, Abzocker, Kapitalisten.‘ Ich zahl viel mehr Steuern als du, denke ich mir, und sage: ‚Aber der Walzer bringt uns alle zusammen.‘“ Das ist der selbstironische Dreh, den Sargnagel ihrer Geschichte gibt: Die langsame Entfremdung der inzwischen im Kulturbetrieb erfolgreichen Autorin von ihrer lumpenproletarischen Herkunft. Ein bisschen wie Didier Eribon, aber halt in witzig.

Witzig ist Sargnagels „Besuch bei der Hautevolee“, wie es im Untertitel heißt, weil sie lustvoll die Klischees der wohlstandsverwahrlosten Upper Class aufspießt, die sich vor allem gegen den Pöbel nach unten abgrenzt. „‚Schau, der Champagner kostet schon wieder drei Euro weniger als im letzten Jahr‘, sagt der Mann und rümpft die Nase. ‚Immer billiger wird das‘, murmelt sie. ‚Das ist diese Gratiskultur‘, steigt eine ältere Frau ins Gespräch ein. ‚Typisch Österreich. Damit sich Leistung gar nicht mehr auszahlt‘“, heißt es in einer Szene. Und so geht es immer weiter: „Das hätten sie gern, die Caritas an der Champagnerbar.‘ ‚Das wär wieder typisch. Dann weißt du dann ja nicht mehr, wer Personal ist und wer Gast.‘ ‚Oder gleich die Flüchtlinge einladen. Welcome, welcome!‘“

Sargnagel entlarvt eine verrohte Parallelgesellschaft, die beim Motzen mit Schampus alle Hülle fallenlässt. Doch nun wird zurückgepöbelt. „Opernball“ wurde zunächst als Theaterstück im Rabenhoftheater aufgeführt. Die Bühne in einem der ikonischen Bauten des „Roten Wien“ ist das Gegenstück zur Ballkultur in den Prachtbauten der Habsburgermonarchie, wo der Eintritt so viel kostet wie eine Monatsmiete im Wiener Gemeindebau.

Das jetzt erschienene Büchlein ist eine überarbeitete und erweiterte Fassung des erfolgreichen Stücks, das sich als raffinierte Satire im Stile von „Triangle of Sadness“ oder „The White Lotus“ keineswegs auf Parolen wie „Eat the Rich!“ reduzieren lässt. Und das mit einer so unerwarteten wie schrägen Schlusspointe aufwartet.

Stefanie Sargnagel: Opernball. Zu Besuch bei der Hautevolee. Rowohlt, 80 Seiten, 18 Euro.

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