Dies ist ein Autor, der buchstäblich die ganze Welt gesehen und beschrieben hat – als wollte er ausmessen, dass sie für ein Leben immer noch nicht groß genug ist. Ob Cees Nooteboom mit seiner unheilbaren Reiselust die Tristesse seiner Kindheit versuchte abzuschütteln? In die ersten bewussten Kinderjahre des 1933 Geborenen fällt die deutsche Eroberung und Besatzung der Niederlande, die den kleinen Cees in mehrfacher Hinsicht zum Opfer machte: Sein Vater kam bei einem alliierten Bombardement auf V2-Stellungen in Den Haag im März 1945 ums Leben; sein katholischer Stiefvater sorgte für eine streng religiöse Schullaufbahn, doch der widerspenstige Junge lief den Priestern immer wieder davon. Diesen Wesenzug des Ausweichens und Stromerns und Doch-nicht-Wegschauens sollte Nooteboom auf geniale Weise zu seinem Beruf machen.

Sein erster, mit Anfang zwanzig herausgebrachter Roman – „Philip und die anderen“ – handelt von einer solchen romantischen Reiseflucht im Stile von Eichendorffs Taugenichts. Dass es sich beim nicht nur im Titel präsenten Gefährte um den jüdischen Amsterdamer Fotografen Philip Mechanicus handelt, der nach seinem später in Auschwitz ermordeten Onkel, einem Schriftsteller, benannt wurde, muss man aus dieser nur scheinbar idyllischen Prosa erst erschließen. Nootebooms Welt war spannend, aber von Krieg und Mord befleckt. Als wollte er dem moralisch wie materiell zerstörten Kontinent wie der Klosterschule entweichen, machte sich Nooteboom weiter davon – mal als Leichtmatrose in die Karibik, mal als Tramper durch Frankreich, denn nicht einmal für den Militärdienst war der verkrachte Bankangestellte zu gebrauchen: zu mager. Diese Schule des Lebens auf der Landstraße, in Zügen und in billigen Hotels teilt er mit Generationsgenossen wie Harry Mulisch und Hugo Claus, die ebenfalls der niederländisch-flämischen Nachkriegsenge in Richtung Süden entgingen.

Er begann als Reporter

So kam der Globetrotter Nooteboom quasi automatisch zum Schreiben. Eine Reportage über den Ungarnauftstand 1956 machte ihn bekannt; er wurde zum Reisereporter für die Zeitschrift „Elsevier“, später für die Tageszeitung „Volkskrant“ und das Journal „Avenue“. Er schrieb über SED-Parteitage ebenso wie über den Pariser Mai 1968. Viele der lakonischen und doch stimmungsvollen Prosastücke von unterwegs, etwa über die untouristischen Öden Innerspaniens, gehören zum Besten seines ganzen Oeuvres.

Während er zwischen 1963 und 1980 gar keine Romane mehr schrieb und eine Zeitlang mit der Chansonsängerin Liesbeth List liiert war, begriff man Nooteboom in seinem Heimatland vor allem als Kenner der Weite Australiens, Afrikas, Boliviens und Nordamerikas – der Flaneur im anbrechenden Zeitalter des Massentourismus. Gleichzeitig feilte Nooteboom an seinen reflektierenden Gedichten, die erst mit seinem späten literarischen Ruhm so richtig ins Visier der Kritik geraten sollten.

Seine Karriere als großer europäischer Autor verlief dann sonderbarerweise über Deutschland, das zuvor im Negativen Schicksalsland einer ganzen Generation gewesen war. Nach dem Erfolg des komplexen, autobiografisch geprägten Romans „Rituale“ (deutsch 1985), sah Siegfried Unseld das brachliegende Potenzial des Romanciers Nooteboom und brachte seine vergessene Prosa in Neuübersetzung wieder heraus. Doch der nun schreibende Mittfünfziger war ein ganz anderer als der plaudernde Taugenichts der frühen Jahre – und wurde gerade durch die melancholische Reflektiertheit und seinen Pessimismus zum Inbegriff postmodernen Schreibens.

Nooteboom hatte, wie er erzählte, während seines langen Unterwegsseins gründlich über den Prozess und die Wirkung des Schreibens nachgedacht. Zwar liegen biographische Züge (wie die des Reiseautors in der Novelle „Die folgende Geschichte“) der Handlung zugrunde, doch verwebt Nooteboom seine Erfahrungen und Lektüren nun zu einem dichten Netz, um voll wissender Verzagtheit über die Letzten Dinge – Herkunft, Liebe, Tod – zu erzählen: Eine Hauptfigur in „Rituale“ geht auf die Jagd nach einer seltenen japanischen Teeschale, um sie dann in einem gewalttätigen Zen-Ritual zu zerschmettern und sich in einer Amsterdamer Gracht zu ertränken. Und die „Folgende Geschichte“ ist keine andere als die postume, welche die Leser nach der Todesbootsfahrt des Erzählers gen Südamerika gerade nicht zu lesen bekommen. Sein überfrachtetes Spätwerk „Allerseelen“ von 1998 kommt an die Lakonik der kürzeren Meisternovellen dann allerdings nicht mehr heran.

Nooteboom nutzte in den Fußstapfen des französischen „Nouveau Roman“, von Jorge Luis Borges und Italo Calvino die Möglichkeiten des verschachtelten Schreibens, um bewusst eine Deutungsfülle zu erzeugen und das Rätsel des Erzählens, das identisch ist mit dem Rätsel der Zeit, elegant zum Thema zu machen. Bezeichnenderweise kam er mit seinem Symbolismus in den handfesten Niederlanden anfangs schlechter an als in Deutschland, wo Nootebooms zurückhaltende Skepsis und seine erotisch getränkte Melancholie gut zum Zeitgeist der 1980er Jahre passten. Dass er dann auch noch wohlwollend und scharfsichtig die Wendezeit in „Berliner Notizen“ festhielt, machte ihn endgültig zu einem Lieblingsautor der Deutschen, die ihn früher als seine Landsleute mit wichtigen Literaturpreisen auszeichneten.

Bei allem geografischen Eskapismus und aller Weltläufigkeit, die ihn nebenbei im direkten Kontakt zu einem begnadeten Erzähler und Unterhalter machten, blieb Nooteboom dem Herzstück des holländischen Kulturlebens im Amsterdamer Grachtengürtel treu. Dort lebte er in einem historischen Kaufmannshaus aus dem frühen 18. Jahrhunderts mit seiner späteren Lebenspartnerin, der Fotografin Simone Sassen.

Doch wie schon in seiner Jugend gab es für ihn keine Existenz ohne die Flucht ins Andere – sei das die nächste Reise oder seine Finca auf Menorca. Seine letzte Reise, womöglich die eigentliche, hat Cees Nooteboom nun angetreten: Wie niederländische Medien und sein deutscher Verlag Suhrkamp bekannt geben, ist Cees Nooteboom im Alter von 92 Jahren in seiner Wahlheimat Menorca gestorben.

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