Ist Heterosexualität vorbei? Meine Freundin Johanna schaut ihre Parmiggiana an, als sei die Schuld an allem. „Er hat mir keine einzige Frage gestellt. Es war, als wäre ich eine Reporterin, die aus einem gelangweilten Star etwas rauskriegen soll.“

Johanna hat keine Lust mehr auf Männer. Ich sitze mit ihr und einer weiteren Freundin, Friederike, in einer Trattoria. Johanna zeigt nun gelangweilt ihre Matches auf Tinder. „Der sieht doch gut aus“, sage ich, als ich das Bild eines Mannes auf ihrem Handy sehe, der seinen Golden Retriever gerade Pfötchen geben lässt, aber sie schaut uns nur desillusioniert an: „So Typen kenne ich, kann man vergessen. Der würde dir stundenlang von Hundeerziehung erzählen. Eigentlich kann man sie alle vergessen. Entweder sie labern dich zu, von wegen was für ‚ein Typ Mensch‘ sie sind, oder sie sind so charismatisch wie meine Zahnbürste und kriegen keinen geraden Satz raus.“

Friederike verdreht zustimmend die Augen: „Ja. Entweder selbstverliebt oder langweilig. Meine besten Abende habe ich, wenn ich allein mit den Kindern bin und Hanno auf Dienstreise. Sobald er die Tür aufmacht, sinkt meine Laune.“

Johanna ist geschieden und swiped seit drei Jahren. Friederike hat zwei Töchter und ist verheiratet. Sie lebt zwar mit ihrem Mann zusammen, aber eigentlich nur noch der Kinder wegen. Johanna und sie sind sich einig: Einen emotional kompetenten Mann zu finden, ist nahezu unmöglich.

Johanna erzählt, warum sie sowieso nicht mehr an Beziehungen glaube. „Heterosexualität ist vorbei. Habe ich gelesen. Stimmt aber auch.“ Sie schaut recht ausgeglichen für einen so endgültigen Satz. „Ich brauche Männer einfach nicht! Ich habe doch euch! Also nicht für Sex, aber für den Rest! Mein Leben wird ab jetzt so viel entspannter.“

In „Harry und Sally“ berichtet Sally, gespielt von Meg Ryan, von einem Mann, der nach dem ersten gemeinsamen Date über den Tisch langt, ihr ein Haar ausreißt – und das Haar als Zahnseide benutzt. Das war 1989. Und schon in der Steinzeit werden Freundinnen einander geklagt haben: „Wozu brauche ich Männer? Mammuts jagen kann ich allein.“

Gutverdienend, Lieferservice, ohne Mann

Also: Was ist neu? Neu ist, wie realistisch die Vision eines männerlosen Lebens plötzlich scheint für Frauen. Mögen Mammuts noch schwer zu erledigen gewesen sein und wurde man 1989 als Single noch belächelt, kann man heute, gutverdienend und mit Lieferservice ausgestattet, problemlos sein Leben gestalten ohne Heterosexualität praktizieren zu müssen.

Neu ist auch der Begriff dazu: „Heterofatalismus“, geprägt von der Sexualwissenschaftlerin Asa Seresin, bezeichnet die Frustration und Enttäuschung von Frauen gegenüber Männern. Immer mehr Frauen geben die Hoffnung auf eine enge, langanhaltende Liebesbeziehung auf. Im „New York Times Magazine“ erschien ein Text der Journalistin Jean Garnett, der dieses Phänomen eindrücklich beschreibt, „The Trouble With Wanting Men“. Also etwa: Das Problem, Männer zu wollen.

Die Rechnung lautet: Für die Gespräche gibt es Freundinnen oder den Therapeuten, alles Emotionale eigentlich kann von der Schwesternschaft abgedeckt werden: Freundinnen kümmern sich umeinander, helfen sich gegenseitig, spannen Netzwerke. Geld verdient man selber.

War da nicht was? Ach ja: Sex kann man durch die Apps natürlich leicht haben, dazu kommt ausgefeilte Sexualtechnologie. Es ist wie in dem alten Witz: Wenn mein Vibrator Rasen mähen könnte, bräuchte ich keinen Mann. Heute gibt es Helpling.

Ist es schade um die Heterosexualität?

Kurz denke ich: Wie kriegt man dann noch Kinder? Aber da fallen mir schon Samenbanken ein. Ok, Heterosexualität, du hattest einen guten Run, jetzt ist es vorbei.

Männer kommen in der heterofatalistischen Welt extrem schlecht weg – sie sind emotional unreif, intransparent, unzuverlässig, labil, unempathisch. Friederike sagt: „Es ist, als hätte ich ein drittes Kind zu Hause, das nie lernen wird, zuzuhören.“

Dieses Bild deckt sich allerdings nicht mit meiner Erfahrung als Paartherapeutin: Hier erlebe ich vielmehr, dass die Problemfelder ziemlich gleich unter den Männern und Frauen aufgeteilt sind.

Na klar, die Dynamik, dass die Frau diejenige ist, die Unzufriedenheit äußert, kritisiert oder auch überhaupt erst eine Paarberatung vorschlägt und der Mann derjenige ist, der sich wegduckt oder entzieht; diese Dynamik erlebe ich tagtäglich („Verfolger-Vermeider-Dynamik“ genannt), aber hier gibt es nicht einen Schuldigen und einen Unschuldigen. Die Vorstellung von einem wundervollen und einem defizitären und mangelhaften Geschlecht ist einfach nicht korrekt.

Liebe ist kein Luxus

Und nicht nur deshalb bin ich skeptisch dem Heterofatalismus gegenüber, sondern vor allem, weil Paarbindung die beste Medizin, das ursprünglichste menschliche Bedürfnis und das größte Glücksversprechen bedeutet, was wir Menschen einander geben können.

Studien zeigen, dass positive Bindungserfahrungen im Erwachsenenalter dazu führen können, dass Menschen mit unsicherem Bindungstyp (also zum Beispiel mit ängstlichem oder vermeidendem Bindungsverhalten) einen sicheren Bindungstyp entwickeln können. Korrigierende emotionale Erfahrungen sind also kein Luxus, sondern können fest eingeschriebene schädliche Muster in unserer Persönlichkeit überwinden helfen. Umfragen und Untersuchungen belegen, dass Menschen in erfüllten und glücklichen Beziehungen am zufriedensten sind; gefolgt von Singles und schließlich von Menschen in unglücklichen Beziehungen.

Dass es vielen Menschen heute schwerfällt, feste Beziehungen einzugehen und aufrechtzuerhalten, ist nachvollziehbar und kein individuelles Versagen: Es ist das Resultat historischer Brüche: des Zerfalls stabiler Familienstrukturen, der fortschreitenden Vereinzelung westlicher Gesellschaften. Aus Großfamilien wurden Kleinfamilien, Paare mit einem Kind, schließlich Alleinerziehende und nun: Elementarteilchen.

Zurzeit wachsen die meisten Kinder in der EU als Einzelkinder auf, immer mehr Teenager fühlen sich einsam oder isoliert. Vor diesem Hintergrund ist es wenig erstaunlich, dass Begriffe wie „emotional labour“ Karriere machen. Emotionen, Beziehungspflege, Konfliktaushandlung werden als anstrengend, belastend, bisweilen als Zumutung erlebt.

Wenn wir aber Beziehungen und all das, was das Aufrechterhalten einer Beziehung mit sich bringt, ausklammern wollen, was ist dann mit der Liebe? Ist die Liebe vorbei? Ist es für eine heterosexuelle Frau tatsächlich dasselbe, mit einer Freundin Händchen zu halten und shoppen zu gehen wie halb wahnsinnig vor Liebe einem Mann ins Ohr zu flüstern: „Mach mir ein Baby?“

Liebe ist ein erstaunliches Phänomen. Sie bedeutet die Bereitschaft sein gesamtes Leben mit der einer anderen, ganz besonderen Person zu verweben, und auch nur mit dieser – nicht etwa wahlweise auch mit dem eineiigen Zwilling dieser Person.

Ist nicht der Anspruch, alles von einer Person haben zu wollen, all sein Sehnen in einem Menschen zu vereinen, die wahnsinnigste, fantastischste und anarchistischste Idee von allen? Verglichen mit dieser Idee: Was für ein schnöder Konsumerismus im Heterofatalismus steckt: Gefühle und Sex werden outgesourct und in verdauliche Häppchen verpackt. Hier etwas Orgasmus, da etwas gemeinsames Weinen. Zu wirklicher Reibung und echtem Konflikt kommt es nicht mehr; inneres Wachstum wird in Yoga-Retreats erlangt.

Die Liebe abzuschreiben, nur weil man Beziehung als anstrengend erlebt, bedeutet, die eigene Überforderung zu einer Haltung zu deklarieren. Aber dass viele von uns etwas nicht gut können, heißt ja längst nicht, dass dieses „etwas“ nicht dennoch erstrebenswert ist. Verbindung ist nicht optional, sondern eines der elementarsten psychischen Bedürfnisse des Menschen. Eine Inkompetenz wird nicht dadurch zur Stärke, dass man sie kollektiv akzeptiert. Dass wir schlecht vorbereitet sind auf intime Beziehungen, ist nicht unsere Schuld. Es ist aber auch kein Argument dafür, auf Beziehung zu verzichten.

Carlotta Welding ist promovierte Psycholinguistin und arbeitet als Emotionscoachin und Paartherapeutin mit Praxis in Berlin und Leipzig. Ihr Buch „Fühlen lernen“ ist bei Klett-Cotta erschienen. Im März kommt dort „Wenn es besser ist zu gehen“ heraus.

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