Ein gigantischer Baumarkt als literarischer Schauplatz – wie gut ist das denn? Der Topos lag nahe, nicht nur wegen der penetranten Werbung der Heimwerkerbranche. Dass der 1986 in Bonn geborene Autor des Romans „Die Möglichkeit einer Ordnung“, Denis Pfabe, selbst mehrere Jahre in einem Baumarkt gearbeitet hat, inspirierte ihn für dieses Sujet.
Erzählt wird vom Leben des Verkäufers Levin Watermeyer aus der Gartenabteilung. In personaler Er-Erzählperspektive erschließt sich, wie das Gefüge eines solchen Ladens funktioniert: Wie Beziehungen innerhalb der Belegschaft verlaufen, wo Macht verortet ist und ob am Ende nicht doch alle in derselben Ordnung gefangen sind. Wir sehen, auf welchen Posten jene landen, die kurz vor der Rente stehen, und welche Skandale sich hinter den Kulissen abspielen. Manchmal bekommt das einen Hauch von Voyeurismus, doch über weite Strecken fungiert Watermeyer als präzises Beobachtungsinstrument für die innere Mechanik im Mikrokosmos Baumarkt.
Jede Veränderung, ob klein oder groß, stellt die Belegschaft immer wieder vor Herausforderungen. Das Sammeln von Geld für eine Kaffeemaschine im Pausenraum nervt, so das Mantra des Chefs: „Weitermachen“ – vor allem, wenn die „Saison“ beginnt und der Ansturm der Kundschaft bei 31 Grad im Schatten bewältigt werden muss. Aber auch dann, wenn Arbeitsunfälle, Polizeieinsätze oder die Entdeckung eines Biotops den Betrieb erschüttern. Watermeyer weiß: Jeder Vorfall erzeugt ein kleines Beben: Es folgen Änderungen, Kontrollen, miese Stimmung. Beschrieben wird das als „wilder Ausschlag des Seismometers, der sich kurz darauf wieder auf den Nullmeridian der Tristesse einpegelt“.
Bloß keine Änderungen
Ferien bedeuten für Watermeyer keine Auszeit, sondern den Eintritt in eine Leere, die mit Pizzakartons, Serien und Filmen ausstaffiert wird. Selbst im Urlaub drängt es ihn, seinen Kollegen Haas im Markt zu besuchen, um gemeinsam Mittag zu essen. Trotz einiger Einblicke in sein Privatleben bleibt Watermeyer als Figur seltsam ungreifbar. Man erfährt von seiner Pornosucht, die ihn dazu gebracht hat, auf das Smartphone zu verzichten und in einer Art digitaler Dauerdiät zu leben, was ihm den Spott der Kolleginnen und Kollegen einträgt.
Watermeyer stellt keine existenziellen Fragen, er meidet Reflexionen. Doch ein Gedanke treibt ihn tatsächlich um: Was bleibt, wenn um ihn herum alles wächst – Umsätze, Strukturen, Digitalisierung und Konkurrenz – nur er selbst nicht? Möglicherweise markiert genau das die Grenze seiner Welt. Insgesamt interessiert sich der Roman weniger für individuelle Entwicklungen als für das Beharrungsvermögen sozialer Strukturen. Watermeyer fungiert dabei vor allem als Wahrnehmungsorgan dieser Ordnung, während die Figur der Baumarkt-Kollegin Pina Sommerfeldt eine zweite, dynamischere Erzählebene eröffnet. Ihre Vergangenheit steht in einem starken Kontrast zur gegenwärtigen Tätigkeit, ihre Ziele wirken undurchschaubar. Als die neue Kollegin Gesine auftaucht, die Pina von früher kennt, bricht diese andere Welt in den Marktalltag ein.
In Vignetten wird Pinas Geschichte freigelegt: Es gab einen gemeinsamen Geliebten, ein früheres Arbeitsverhältnis, eine intrigante Machenschaft, die beide Frauen noch verbunden hält. Dabei entsteht eine Spannung, die dem Protagonisten erzählerisch Konkurrenz macht. Bei Sommerfeldt entfaltet der Roman eine Figurennähe und erzählerische Tiefe, die man auch Watermeyer und anderen Kollegen des Marktes gewünscht hätte, beispielsweise dem Sicherheitsbeauftragten Bobby oder dem Vizechef Seehafer.
Vorrangig durch Pina wird also die scheinbar feste Ordnung des Großhandels porös: „Die Wahrheit kannte bloß Pina Sommerfeldt selbst, sie lag hinter ihr und würde dennoch jeden Tag ein bisschen durch die Oberfläche dringen, wie der herauswachsende Ansatz ihres frisch gefärbten Haars.“ Levin und Pina bewegen sich im selben Raum, doch ihre inneren Linien kreuzen sich nicht. Ihre Konflikte stehen eher in einem indirekten Resonanzverhältnis, vermittelt durch die Dynamik des Baumarkts, als in persönlicher Nähe.
Sprachlich punktet der Roman durch Tempo und Humor, er ist reich an starken Bildern und präzisen, bisweilen scharfkantigen Beobachtungen. Denis Pfabe wurde für sein Schreiben unter anderem mit dem Deutschlandfunk-Preis bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt ausgezeichnet.
Nach seinem Debüt „Der Tag endet mit dem Licht“ (2018) und dem Roman „Simonelli“ (2021) fügt sich auch dieser dritte Roman stilistisch in sein bisheriges Werk ein. „Die Möglichkeit einer Ordnung“ verhandelt das Sujet des Baumarkts weniger suggestiv als der Kinofilm „In den Gängen“, dafür jedoch ernster und vielschichtiger als die Amazon-Serie „Die Discounter“. Aus anekdotischen Beobachtungen formt Pfabe eine Welt, die die scheinbar selbstverständlichen Ordnungen unserer Lebenswirklichkeit ins Wanken bringt.
Denis Pfabe: Die Möglichkeit einer Ordnung. Rowohlt Berlin, 335 Seiten, 25 Euro
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