Je länger dieser Theaterabend geht, desto mehr fragt man sich: Wer spielt hier eigentlich den Juden? Und für wen? Am Anfang scheinen die Rollen klar verteilt zu sein: Es gibt einen deutschen Schauspieler, der zwar kein Jude ist, aber mit Vorliebe Juden spielt. Juden, die im Holocaust ermordet werden, und manchmal auch welche, die überleben. Was halt gerade gebraucht wird. Er kann zwar kaum mehr als Shalom sagen, spricht jedoch laut seiner Schauspielagentur „fließend Hebräisch“. Und nun braucht der Schauspieler für ein E-Casting dringend eine Kippa, weil die nächste Judenrolle winkt.

Um sich als Jude zu kostümieren, klingelt der Verstellungskünstler bei einem befreundeten „echten“ Juden. Aus dem, was sich zwischen den beiden Figuren abspielt, hat Noam Brusilovsky sein Stück „Fake Jews“ gestrickt. Der 1989 in Israel geborene Theatermacher hat den Text am Deutschen Theater Berlin selbst inszeniert, mit dem Schauspieler Moritz Kienemann als Solisten. In der Box, der kleinsten Spielstätte des Hauses, wird daraus ein intimes Kammerspiel mit Tisch und zwei Sesseln (Ausstattung Julia Plickat). Distanz zum Publikum ist an diesem Abend nicht erwünscht, denn auch die Zuschauer spielen ihre Rolle in diesem Stück über Täuschung, Fabulieren und Lüge.

Das diskursive Klettergerüst der Identitätspolitik

In der Rolle des „echten“ Juden wickelt Kienemann das Publikum um den Finger. Er berichtet in szenischer Nachstellung und mit scharfzüngiger Ironie von seinem Schauspielerfreund, der so gerne den „Kostümjuden“ gibt. Seine Autorität als Erzähler untermauert er durch wiederkehrende Verweise auf sein Jüdischsein – und durch Abgrenzung von den „Fucking Goys!“ im Theatersaal. Das dürfe er doch sagen, als Jude! Oder etwa nicht? Geschickt nutzt er das diskursive Klettergerüst der Identitätspolitik, hangelt sich von Fremd- zur Selbstzuschreibung, vom „Othering“ zum „Empowerment“.

Der Erzähler nimmt einen mit auf eine Reise durch seine Biografie. Als Kind war er in der Schule ein Außenseiter. Bis zu jenem Tag, als er sich im Geschichtsunterricht beim Thema Holocaust als Jude „outet“ und somit sein Außenseiterdasein durch einen sekundären Gewinn an Aufmerksamkeit und Mitgefühl aufwertet. Zu Hause ist er allein mit seiner DDR-Mutter, die seinem flehentlichen Bitten, ihm die jüdische Zugehörigkeit zu bestätigen, mit schwer zu deutender Indifferenz begegnet. Spätestens hier ahnt man, dass sich das emotional bedürftige Kind als unzuverlässiger Erzähler erweisen könnte.

Was in der Schule der sanfte Druck der Geschichtslehrerin auf der kindlichen Schulter ist, wird im Erwachsenenalter zur liebevollen Umarmung des deutschen Feuilletons, in dem der Erzähler sich als nach eigener Auskunft wichtigste jüdische Stimme seiner Generation – dazu mit Bonus für die Ostherkunft – positioniert hat. Und plötzlich kommt das Angebot, die eigene Rolle noch aufregender zu gestalten und sich mit harscher Kritik am Staat Israel und der deutschen „Staatsräson“ hervorzutun. Es wird seine Glanz- und Paraderolle, weil das deutsche Publikum nach dem jüdischen Entlastungszeugen giert.

Perfide Strategie und narzisstische Befriedigung

Der Höhepunkt ist eine Szene, in der Kienemann zeigt, wie der Journalist gemeinsam mit seinem Schauspielerfreund an der Vervollkommnung seines Auftritts feilt – fast wie der Straßengangster Arturo Ui mit dem Schauspielerlehrer bei Bertolt Brecht. Wie wäre es mit Kippa und Kufiya? Edgy! Als der Erzähler dann ins Scheinwerferlicht tritt, wohnt man der Verfertigung des Authentizitätseffekts bei. Ohne Maske, Bühne oder Kostüm trete er hier auf, lässt einen der Protagonist wissen, sondern ganz einfach als er selbst, als Jude. Dabei ist dieser Auftritt alles andere: perfide Strategie und narzisstische Befriedigung.

Obwohl der Name Fabian Wolff an diesem Abend kein einziges Mal fällt, orientiert sich „Fake Jews“ bis in die Details an dessen Fall. Wolff hatte es mit einer erfundenen jüdischen Lebens- und Familiengeschichte („die berühmten gepackten Koffer unterm Bett“) bis zum Starjournalisten in der „Zeit“ gebracht. „Fake Jews“ zeigt, wie der Schwindel auffliegt und der Protagonist von seiner Redaktion konfrontiert wird. Erstaunlicherweise kratzt das seinen Narzissmus nur oberflächlich an. Was auch vorkommt, ist das missbräuchliche Verhalten gegenüber einer Henriette genannten Frau, die sich später umbringt. Auch das ist, wie man weiß, sehr nah an Wolff.

In kurzen Einspielern werden andere Fälle von „Kostümjuden“ kurz angerissen, Journalisten und Psychologen äußern sich zu dem Phänomen. Spannender als diese Zusatzerklärungen ist jedoch die Theaterebene, die Brusilovsky dem Abend mit der Schauspielerfigur hinzugefügt hat. Als dieser die Rolle beim E-Casting trotz Kippa-Einsatz nicht bekommt, schäumt er. Die wollen nur noch echte Juden! Jewfacing ist jetzt out! Bald darf man gar nichts mehr spielen! Als Zuschauer weiß man am Ende dieses sehr aufschlussreichen Stücks aber, dass auch „echte Juden“ nur gespielt sein können, wenn es sowohl den Bedürfnissen der Täuscher als auch der Getäuschten entspricht.

„Fake Jews“ läuft am Deutschen Theater Berlin.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke