Hier erscheint unsere monatliche Empfehlungsliste. Experten einer unabhängigen Jury küren die zehn „Sachbücher des Monats“ aus Geistes-, Natur-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. Im Februar lohnen sich – auch für kritische Lektüren:
1. Hartmut Rosa:
Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums. Suhrkamp, 247 Seiten, 25 Euro*
Immer öfter fehlt dieser Gesellschaft die Kraft zum Handeln. Woran liegt das? Der Soziologe erzählt mit suggestiver Kraft von immer mehr Situationen, in denen Mensch die Urteilskraft nicht mehr selbst in der Hand hat – vom VAR beim Fußball über die Benotung in der Schule bis hin zur Bildschirmmedizin.
2. Dorothy Thompson:
Das Ende der Demokratie. Reportagen aus Deutschland 1931 – 1932. Herausgegeben von Oliver Lubrich, übersetzt von Johanna von Koppenfeld. Das vergessene Buch, 419 Seiten, 27 Euro*
Durch ein Interview mit Hitler wurde die US-Journalistin 1932 berühmt. Ihr Buch „I saw Hitler!“ erschien 2023 auf Deutsch, jetzt folgt ein Band mit Reportagen aus der späten Weimarer Republik.
3. Aldous Huxley:
Zeit der Oligarchen. Über Wissenschaft, Freiheit und Frieden. Hanser, 91 Seiten, 14 Euro*
Bislang kannte man Huxley als Schöpfer der Dystopie „Schöne neue Welt“. War er auch ein Prophet der grünen Energiewende? Sein Essay von 1946 dreht sich (auch) um Windturbinen, Sonnenspiegel, Batterien. Lesen Sie hier die ausführliche Buchbesprechung.
4. Harald Jähner:
Wunderland. Die Gründerzeit der Bundesrepublik 1955 – 1967, Rowohlt Berlin, 480 Seiten, 32 Euro*
Ein gelungenes Panorama der Adenauerzeit, als Deutschland noch sechs Tage die Woche gearbeitet hat. Immer wieder gelingt es Jähner, was Journalisten oft besser als Historiker oder Soziologen können: Gesellschaftsgeschichte anekdotisch zu verdichten und zu pointieren. Lesen Sie hier die ausführliche Buchbesprechung.
5. Philipp Ther:
Der Klang der Monarchie. Eine musikalische Geschichte des Habsburgerreiches. Suhrkamp, 562 Seiten, 32 Euro*
Dieses Buch hat Schmökerqualitäten. Es schildert, wie die Habsburger Musik zum Nationbuilding instrumentalisierten.
6. Sven Beckert:
Kapitalismus. Geschichte einer Weltrevolution. Übersetzt von Helmut Dierlamm, Werner Roller, Sigrid Schmid und Thomas Stauder. Rowohlt, 1279 Seiten, 42 Euro*
Der deutsche Harvard-Professor hat eine Globalgeschichte des Kapitalismus geschrieben, von den jemenitischen Händlern des 11. Jahrhunderts bis heute. Auch erzählerisch ein Opus Magnum.
7. Florence Gaub:
Szenario. Die Zukunft steht auf dem Spiel. DTV, 512 Seiten, 25 Euro*
Außenpolitik in Planspielen: Das ist die Stärke der auch aus Talkshows bekannten Autorin, die als Direktorin das Nato Defense College in Rom leitet. Lesen Sie hier ein Interview mit Floence Gaub.
8. Anne Brorhilker:
Cum/Ex, Milliarden und Moral. Warum sich der Kampf gegen Wirtschaftskriminalität lohnt. Heyne, 272 Seiten, 24 Euro*
Brorhilker hat als Oberstaatsanwältin der Staatsanwaltschaft Köln jahrelang und unerschrocken die Cum/Ex-Ermittlungen geleitet. Ihr Buch thematisiert Machenschaften der Finanzwelt, die für viele ehrliche Steuerzahler ein Ärgernis ist.
9. Daniel Marwecki:
Die Welt nach dem Westen. Über die Neuordnung der Macht im 21. Jahrhundert. Ch. Links Verlag, 288 Seiten, 24 Euro*
Der Autor lehrt an der University of Hongkong und hat schon deshalb einen distanzierten Blick auf den Westen. Seine Deutungsmuster ähneln denen des Publizisten Pankaj Mishra: Genugtuung über den Niedergang des Westens ist Programm.
10. Roberto Simanowski:
Sprachmaschinen. Eine Philosophie der künstlichen Intelligenz. C. H. Beck, 288 Seiten, 25 Euro*
Der Medienphilosoph fragt, wie sehr uns Künstliche Intelligenz entmündigt. Und ob Sprachbots das Selbstverständnis des Menschen verändern.
Die Extra-Empfehlung
Neben den zehn Büchern der Jury kommt jeden Monat eine Extra-Empfehlung von einem Gast. Diesmal von Judith Kohlenberger (Forschungsinstitut für Migrations- und Fluchtforschung und -management; Wirtschaftsuniversität Wien). Sie empfiehlt:
Mirjam Zadoff: Wie wir überwintern. Den Lebensmut durch die harten Zeiten retten. Hanser, 136 Seiten, 16 Euro*
„Wie man auch in schwierigen Zeiten – und das ist diese unsere Zeit ganz bestimmt – den Lebensmut und den Sinn fürs Schöne nicht verliert, zeigt Mirjam Zadoff in ihrem neuen Buch eindrücklich. Den Leser erwartet kein klassisches Selbsthilfebuch oder eine Sammlung von Kalendersprüchen, sondern Techniken der Zuversicht, von Inspiration durch die Kunst bis hin zur Kraft der Solidarität. Zadoff, die das NS-Dokumentationszentrum in München leitet, hält uns vor Augen, dass Krisen zur Menschheitsgeschichte gehören, aber auch wieder vorbeigehen – und dass jeder von uns etwas dazu beitragen kann, den Schatten des Pessimismus zurückzudrängen und das Licht im Alltag heller leuchten zu lassen.“ (Judith Kohlenberger
Die Jury der Sachbücher des Monats
Tobias Becker, Der Spiegel; Natascha Freundel, RBB-Kultur; Dr. Eike Gebhardt, Berlin; Knud von Harbou, Feldafing; Prof. Jochen Hörisch, Universität Mannheim; Günter Kaindlstorfer, Wien; Dr. Otto Kallscheuer, Sassari, Italien; Petra Kammann, FeuilletonFrankfurt; Jörg-Dieter Kogel, Bremen; Dr. Wilhelm Krull, Hamburg; Marianna Lieder, Berlin; Lukas Meyer-Blankenburg, Redaktion Das Wissen, SWR; Gerlinde Pölsler, Der Falter, Wien; Marc Reichwein, WELT; Thomas Ribi, Neue Zürcher Zeitung; Prof. Dr. Sandra Richter, Deutsches Literaturarchiv Marbach am Neckar; Wolfgang Ritschl, ORF Wien; Florian Rötzer, krass-und-konkret, München; Norbert Seitz, Berlin; Mag. Anne-Catherine Simon, Die Presse, Wien; Prof. Dr. Philipp Theisohn, Universität Zürich; Dr. Andreas Wang, Berlin; Prof. Dr. Harro Zimmermann, Bremen; Stefan Zweifel, Zürich. Redaktion: Andreas Wang.
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