Ein berühmtes Foto zeigt Robert Walser bei seinem allerletzten Spaziergang. Mitten im Schnee liegt da ein Menschlein, niedergestreckt von einem Herzschlag, die Arme vom Körper abgespreizt. Als wollte der Schriftsteller noch einmal die Welt umarmen, der er abhandengekommen war. Für Walser gehörte beides zusammen: das Spazieren und die Welt. Gehend erkundete er, was ihn umgab, und sammelte ein, was auf ihn einströmte. Der Wiener Theaterabend „Der irrende Planet“ huldigt dem großen Spaziergänger Robert Walser und entführt die Zuschauer auf einen Rundgang mit dem Schweizer Sonderling.
Es ist ein in sich gekehrter, ja in sich versunkener Abend geworden, den Barbara Frey am zum Burgtheater gehörenden Akademietheater inszeniert hat. Nichts pocht hier mit auftrumpfender Geste auf Aktualität, nichts plustert sich zur Simulation von Tatkraft auf. Stattdessen ein träumerisches Spazieren, ein Ausschweifen und Abschweifen. Ganz zurückgenommen im Ton, sich nicht übergriffig einmischend, sondern schutzlos überlassend. Die ethische Geste von Walsers Literatur ist, wie von Walter Benjamin bis Elfriede Jelinek immer wieder bemerkt wurde, eine der Selbstzurücknahme in der ziel- und zwecklosen Bewegung. Loslaufen, sich verlieren, anders wiederkehren.
Die beeindruckende Bühne von Martin Zehetgruber und Stephanie Wagner ist eine Landschaft, die ins Traumbild kippt. Und zugleich ist sie der reflexive Rahmen des Abends: hinten ein Feld blühender Blumen, über dem Steinbrocken wie Meteoriten kurz vor dem Einschlag schweben. Es wirkt wie ein bedrohtes Idyll, eine Welt der Schönheit im Moment der größten Gefahr und kurz vor dem Verschwinden. Und recken sich weiter hinten aus dem Boden nicht ein paar riesige Beine zum Himmel, als hätte der Riese Tomzack aus Walsers „Der Spaziergang“ seinen Kopf in den Sand gesteckt? Genau ist es nicht zu sehen, denn all das ist hinter einem leicht durchsichtigen Vorhang versteckt.
Vor dem Vorhang steht eine langgestreckte hölzerne Bank wie in einer Bahnhofshalle. Passanten gehen vorbei oder setzen sich nieder, beginnen miteinander oder aneinander vorbei zu sprechen. In die feinen und dezenten Kostüme von Esther Geremus gehüllt, ist das Ensemble – Maria Happel, Sabine Haupt, Dorothee Hartinger, Katharina Lorenz, Elisa Plüss, Martin Schwab und Max Simonischek – mehr vielstimmiger Erzähler als Verkörperung einer dramatischen Handlung. Erzählt wird von so prosaischen und alltäglichen Dingen wie der Steuererklärung, aber auch von fast magischen Erfahrungen wie einem Waldspaziergang. Es sind kleine Prosafragmente mit hintersinnigem Humor.
Essen ist Mord
Die geballte Komik von Walsers Texten zeigt sich, wenn beispielsweise ein empörter Kunde sich in einer Tirade gegenüber dem Schneidermeister Dünn verliert, die Thomas Bernhard alle Ehre gemacht hätte. Oder wenn ein Gast bei einem Dinner die nicht unbegründete Angst entwickelt, man wolle ihn durch zu viel Essen zerstören – wie ein Gegenentwurf zu dem „Hungerkünstler“ von Franz Kafka, der ein großer Bewunderer von Walser war. Oder wenn von dem schmerzlichen und unwiederbringlichen „Wurstverlust“ durch Verzehr berichtet wird, was für Szenenapplaus beim Premierenpublikum sorgt. Was einem das alles sagen soll? Vielleicht erfreulicherweise erstmal gar nichts.
So spaziert man mit Walser und den Ausschnitten aus seinen Texten durch den Abend. Geführt wird man durch das Halbdunkel von einer hervorragenden Lichtregie, die immer wieder schemenhaft die Schönheit der Bühne aufblitzen lässt. Angetrieben oder umhüllt wird man von den Klängen von Josh Sneesby, der am Klavier Akzente setzt. Wohin es einen treibt? Man weiß es nicht. Vielleicht ist es nur ein Spaziergang ins Ungewisse und eine Einladung zum Träumen. Erst am Ende, wenn Schwab als Alter Ego von Walser auf der Bank sitzend ein letztes Lied anstimmt, hebt sich der Vorhang und gibt, ganz kurz nur, den Blick frei auf Blütenmeer und Steinhagel, bevor alles im Dunkel versinkt.
Es ist ein Theaterabend, der so verschroben und eigenartig ist wie Walsers Literatur. Der erst befremdet, bevor er beglückt. Ein Abend für „uns Bewohner dieses irrenden Planeten“, wie es an einer Stelle heißt. Nur warum irrt eigentlich der Planet, warum nicht wir als seine Bewohner? Zeigt uns das eine tragische Selbstverstrickung von planetarischem Ausmaß, deren zerstörerische Wucht die Menschheit immer mehr zu spüren bekommt, je mehr sie die verschiedensten Kräfte der Welt technisch zu entfesseln, aber nicht vernünftig zu nutzen weiß? Was da noch hilft? „Himmlisch schön und gut und uralt einfach ist es ja, zu Fuß zu gehen“, schrieb Walser einmal. „Der irrende Planet“ schließt sich da an und hat noch eine Empfehlung: „Und nun weiter spaziert.“
„Der irrende Planet“ läuft am Wiener Akademietheater, das zum Burgtheater gehört.
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