Wem am vergangenen Samstag die Lust vergangen war, sich mit der Erschießung des Krankenpflegers Alex Pretti durch mehrere ICE-Agenten in Minneapolis zu befassen, hatte eine Alternative: die Uraufführung des Films „Melania: Twenty Days to History“ im Ostraum des Weißen Hauses in Washington.

Es wäre allerdings nicht ganz einfach gewesen, eine der 70 exklusiven Einladungen zu bekommen. Die waren reserviert für Gäste wie den Apple-Chef Tim Cook, den früheren Schwergewichts-Boxweltmeister Mike Tyson, den Amazon-Studiochef Mike Hopkins, diverse saudische Prinzen, den NLP-Bestsellerautor Tony Robbins, die Fotografin Ellen von Unwerth (von ihr stammt das Foto auf den „Melania“-Plakaten), Fiat-Erbin Azzi Agnelli sowie Erika Kirk, die Witwe des ebenfalls erschossenen Rechtsaktivisten Charlie Kirk. Die First Lady schrieb dazu auf X: „Ich bin zutiefst dankbar, dass ich im Weißen Haus von einem inspirierenden Kreis aus Freunden, Familie und kulturellen Ikonoklasten umgeben war.“

Die Geladenen wurden von einer Militärkapelle begrüßt, die den speziell für den Film komponierten „Melania-Walzer“ vortrug. Auf goldenen Tabletts wurden extra für den Anlass kreierte Süßigkeiten der Marke „Melania“ gereicht, „Pâte sucrée biscuits“, wie ein kleiner Aufsteller die Gäste informierte. Danach begann die Vorführung eines in der Filmgeschichte einzigartigen Films.

Dessen Geschichte hatte vor einem guten Jahr begonnen, als Melania Trump die Absicht bekundete, ihren Einzug ins Weiße Haus filmisch dokumentieren zu lassen. Schnell standen Hollywood-Studios in einem Bieterwettbewerb Schlange, der Gewinner war Amazon MGM, das Nachsehen hatten Disney und Paramount; Netflix und Apple gaben kein Gebot ab.

Das hatte möglicherweise mit den Preisregionen zu tun, in denen sich die Konkurrenz bewegte. Amazon MGM soll laut übereinstimmenden Berichten 40 Millionen Dollar für die Kino- und Streaming-Rechte gezahlt haben, dazu kommen rund 35 Millionen Dollar, die für das weltweite Marketing aufgewendet werden müssen. Es gibt eine Parallele zu diesem Geschäft: Disney zahlte 75 Millionen Dollar dafür, dass es das Broadway-Musical „Hamilton“ abfilmen und streamen durfte, doch „Hamilton“ war eine sichere Bank, hat es doch allein als Theaterstück bisher mehr als eine Milliarde Dollar eingenommen.

Nun ist „Melania“ alles andere als ein Amateurfilm. Drei Teams in Florida, Washington und New York folgten ihr in den Wochen vor der Amtseinführung ihres Mannes im Januar 2025: Jeff Cronenweth (der Kameramann von David Fincher bei „Fight Club“ und „Social Network“), Dante Spinotti (Kameramann von Michael Mann bei „Heat“ und „Insider“) und Barry Peterson (Kameramann von „Starsky & Hutch“ und „The Lego Movie“).

Was uns zu dem wichtigsten Mann bringt: dem Regisseur. Brett Ratner begann seine Karriere mit Musikvideos für Mariah Carey, wurde Hollywoods Mann für erfolgreiche Actionfilme („Rush Hour 1 – 3“, „X-Men: Der letzte Widerstand“, „Hercules“) und war als Produzent für die Oscar-Verleihung 2012 ausersehen. Sexistische Äußerungen Ratners während einer Promo-Tour kosteten ihn diesen Job.

Fünf Jahre später beschuldigten ihn sieben Schauspielerinnen, darunter Olivia Munn und Natasha Henstridge, der sexuellen Nötigung und Belästigung. Ratner bestritt die Vorwürfe, es kam zu keiner Anklage, aber für das Hollywood-Establishment war er damit zur Unperson geworden. Im Jahr 2021 konnte er kurz auf ein Comeback hoffen, als Regisseur eines „Milli Vanilli“-Biopics, doch nach Protesten von „MeToo“-Gruppen wurde das Projekt begraben und, unabhängig davon, von dem deutschen Regisseur Simon Verhoeven als „Girl You Know It’s True“ schließlich ins Kino gebracht.

Danach verschwand Ratner von der Bildfläche und tauchte erst im Herbst 2023 wieder auf, auf einem Foto mit dem israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu und dessen Ehefrau Sara, aufgenommen nach Netanjahus Rede bei den Vereinten Nationen. Einige Wochen darauf veröffentlichte Ratner auf Instagram ein Bild von sich, auf dem er einen Pass hochhielt, wie ihn Israel neuen Einwanderern ausstellt.

Ratner lebt „Mara-a-Lago“

Nicht nur mit Netanjahu, auch mit Donald Trump hat Ratner seit längerer Zeit Verbindungen. Laut der Los Angeles Times hat Ratner im Jahr 2007 einen Jeans-Werbespot für die Werbeagentur eines gewissen Marc Beckman gedreht – jenes Beckman, der jetzt Melania Trumps PR-Agent ist. Ratners Action-Komödie „Tower Heist“ wurde im Trump Tower in Chicago gedreht. Der Finanzminister in Trumps erster Amtszeit, Steve Mnuchin, war einer der Mitbegründer von Ratners „RatPac“-Filmproduktionsfirma.

Ratner lebt abwechselnd in Israel und in Florida, genauer gesagt in Mar-a-Lago, wo sich auch Trumps Privatwohnsitz befindet. Das Fachblatt Variety berichtete, ein vierter Teil von „Rush Hour“ werde bei Paramount gerade vorbereitet, mit Ratner als Regisseur, nach einer persönlichen Intervention von Donald Trump bei dem Paramount-Mehrheitsaktionär David Ellison.

„Melania“ hatte seine Publikumspremiere im Kennedy-Center in Washington, das seit kurzem offiziell „The Donald J. Trump and The John F. Kennedy Memorial Center for the Performing Arts“ heißt. Der amerikanische (und weltweite) Kinostart ist für den 30. Januar vorgesehen, in den USA auf rund 1500 Leinwänden. In Deutschland wird der Film von dem „24 Bilder“-Verleih in die Kinos gebracht, der im Dezember eine andere Frauenbiografie startete: „Teresa“, über die Ordensschwester Mutter Teresa. „Melania“ ist in rund 45 deutschen Kinos zu sehen, meistens in Abend- und Spätvorstellungen. Später kommt er auf Prime Video.

Über die Erfolgsaussichten von „Melania“ streiten sich die Experten. Manche trauen dem Film nur Kinoeinnahmen von einer Million Dollar zu, andere sind optimistisch und tippen auf fünf. Niemand geht auch nur in die Nähe der 75 Millionen, die Amazon insgesamt für das Projekt ausgegeben hat. Vielleicht macht Jeff Bezos ganz andere Rechnungen auf. Amazon Web Services erhält riesige Aufträge von zahlreichen Bundesbehörden, darunter dem Verteidigungsministerium, und Bezos’ Raumfahrtunternehmen Blue Origin verfügt über milliardenschwere Nasa-Verträge.

Voriges Jahr hatte Donald Trump den Sender CBS wegen eines Interviews mit seiner Präsidentschaftskonkurrentin Kamala Harris verklagt; sie sei durch Schnitte in ein besseres Licht gerückt worden. Juristen hielten die Klage für aussichtslos – und doch zahlte der CBS-Mutterkonzern Paramount 16 Millionen Dollar „Entschädigung“. Ein paar Wochen später winkten die US-Kartellbehörden die Acht-Milliarden-Dollar-Fusion der Mediengiganten Skydance und Paramount durch.

Egal, wie viele Zuschauer ihren Film ansehen werden – für Melania Trump hat er sich schon gelohnt. Von den 40 Millionen Lizenzgebühren gehen offenbar 28 Millionen direkt an sie.

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