Ihr Vater sammelte Bilder von Milton Avery, jenem Maler, der gelegentlich als amerikanischer Matisse bezeichnet wurde und dessen „großartigen Kolorismus“ der konservative Kunstkritiker Hilton Kramer rühmte. Marian Goodman selbst stand früh auf einer anderen Seite. Nicht der Kanon interessierte sie, sondern die Gegenwart. Sie suchte nicht das Abgesicherte, sondern das Unfertige, das noch nicht Eingeordnete.
Eine frühe Szene ist dafür bezeichnend. 1962 wollte die junge Mutter Goodman eine Wohltätigkeitsausstellung an der Walden School organisieren. Sie ging schnurstracks ins Atelier des abstrakten Expressionisten Franz Kline und verließ es mit einem Stoß Zeichnungen und einigen kleinen Ölgemälden. Die eine Hälfte verkaufte sie für die Schule, die andere brachte sie dem Künstler zurück. Kline wollte sie nicht wieder annehmen und bat Goodman, wenigstens ihr Lieblingsbild zu behalten. Sie tat es. Eine Woche später starb Kline plötzlich. Goodman nahm dieses Zusammentreffen womöglich als Omen – und als Lektion darüber, wie eng Risiko und Verantwortung im Umgang mit Kunst beieinanderliegen.
1965 schloss sie sich mit vier weiteren Frauen zusammen, die ihr Leben nicht länger ausschließlich über das Muttersein definieren wollten. In der Upper West Side von Manhattan gründeten sie Multiples, Inc., ein Geschäft, das Kunstdrucke, Editionen und Künstlerbücher vertrieb. Für das Startkapital soll sie freilich einen Avery aus Vaters Sammlung verkauft haben dürfen. Die Idee ihres Unternehmens war dann aber radikal: zeitgenössische Kunst leichter zu vermitteln – materiell wie geistig.
„Ich war fest davon überzeugt“, sagte Goodman einmal, „dass Originalgrafiken für Menschen von großem Wert sind, wenn sie die Arbeit von Künstlern lieben, sich aber kein Gemälde oder eine Skulptur leisten können. Ich wollte Kunst für alle zugänglich machen – auf höchstem Niveau.“
Multiples, Inc. veröffentlichte Druckgrafiken, Mappenwerke, Bücher und dreidimensionale Editionen, die international zirkulierten. Goodmans Rolle lag in der engen Zusammenarbeit mit den Künstlern. Zeitweise arbeitete sie mit Leo Castelli zusammen, dem damals mächtigsten Händler zeitgenössischer Kunst in New York – eine Verbindung, die ihre Position als Grafikspezialistin aber auch als Kunsthändlerin weiter festigte. Künstlerische Auflagenwerke haben den Markt für zeitgenössische Kunst in den 1960er- und 1970er-Jahren dank Goodman maßgeblich geöffnet und erweitert.
Ihrem Gespür für die Avantgarden ihrer Zeit vertraute sie weiterhin. Goodmans ästhetischer Kompass war bemerkenswert klar, ohne doktrinär zu sein. Sie arbeitete mit Künstlern wie Arman, Richard Artschwager und Man Ray, produzierte frühe Editionen von Sol LeWitt und Robert Smithson und unterstützte als eine der ersten die Künstler der Pop Art – darunter Roy Lichtenstein, Claes Oldenburg und Andy Warhol. Über viele Jahre hinweg war der belgische Künstler Marcel Broodthaers ihr wichtigster intellektueller Bezugspunkt: seine ironische Institutionskritik, sein Spiel mit Sprache, Objekt und Bedeutung prägten Goodmans Verständnis davon, was Kunst leisten.
Marian Goodman: „Kunst für alle, auf höchstem Niveau“
Seit 1974 war Goodman die alleinige Eigentümerin von Multiples, Inc., von da an war der Weg nicht mehr weit zur Marian Goodman Gallery, die 1977 in der East 57th Street eröffnete. Und es war wieder ihr Gespür für die richtigen Künstler zur richtigen Zeit, dass Goodman diesmal auf die Deutschen setzte: Zunächst Joseph Beuys, für den ihr tiefer Sinn für den sperrigen Broodthaers sicherlich Türen öffnete. Aber vor allem Gerhard Richter, der zwar international schon bekannt war, dem Goodman aber zum Durchbruch in den USA und auf dem internationalen Markt verhalf. Richter wurde in der Zeit der Zusammenarbeit zu einem der teuersten Gegenwartskünstler. Goodman war auch entscheidend an der Einführung weiterer Künstler aus Europa in den amerikanischen Kunstmarkt beteiligt, darunter etwa Maurizio Cattelan, Annette Messager und Pierre Huyghe.
Im Kunstboom der 1980er-Jahre zog die Galerie in die West 57th Street, wo sie über vier Jahrzehnte blieb. Gleichzeitig veränderte sich das Gesicht des Kunsthandels. Frauen übernahmen Schlüsselpositionen in einem bis dahin von patriarchalen Posen und Machoallüren geprägten Feld. Paula Cooper, Barbara Gladstone, Mary Boone – sie alle prägten bald die Szene. Marian Goodman jedoch nahm eine Sonderstellung ein: weniger spektakulär, aber von anerkannter Autorität.
1995 eröffnete sie einen zweiten Standort in Paris, später folgte ein Ausstellungsraum in London. 2021 zog sich Goodman aus dem operativen Geschäft zurück – wenig später wechselte Gerhard Richter zur David Zwirner Gallery. Die Marian Goodman Gallery eröffnete 2023 einen weiteren Standort in Los Angeles und verlegte 2024 ihren New Yorker Hauptsitz in das historische Grosvenor Building in Tribeca.
Am 22. Januar 2026 starb Marian Goodman im Alter von 97 Jahren. Was sie an Kunst wirklich schätzte, hat sie selbst einmal präzise formuliert: „Eine humanistische Haltung, einen kulturkritischen Blick auf unsere Lebensweise, einen dialektischen Zugang zur Realität und eine künstlerische Vision des öffentlichen Lebens.“
Ihr Lebenswerk soll von den langjährigen Galeriepartnerinnen Rose Lord, Junette Teng, Emily-Jane Kirwan und Leslie Nolen fortgeführt werden. Diese Kontinuität war Goodmans Wunsch. Sie wollte nicht nur Künstlerkarrieren aufbauen, sondern auch Strukturen schaffen, die über ihre eigene Person hinaus Bestand haben.
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