Kann aus einem Nussknacker ein Schauspieler werden? Verächtlich nennt die Sprechlehrerin diesen Joachim Meyerhoff so, den Novizen an der renommierten Münchner Otto-Falckenberg-Schule. „Das muss lockerer werden!“ Wenn das sein einziges Problem wäre! Joachim, gespielt von Bruno Alexander, weiß gar nicht, wie ihm geschieht, wenn er nun aufgefordert wird, „mit den Brustwarzen zu lächeln“ oder auf der Bühne einen Fontane-Text „als Nilpferd“ vortragen.
Eigentlich ist ihm sogar ein Rätsel (und auch dem Zuschauer), wie er es überhaupt durch die strenge Aufnahmeprüfung geschafft hat, als einer von acht aus fast tausend Bewerbern. Astronaut zu werden, sei einfacher, hat Joachims Großvater gewarnt. Doch dann genügt ein Monolog aus Büchners „Dantons Tod“ – stockend vorgetragen im körperlichen Ausnahmezustand krasser Übermüdung und mit der Trauer um seinen vor Kurzem tödlich verunglückten Bruder vor dem inneren Auge.
Simon Verhoevens Verfilmung von Joachim Meyerhoffs autobiografischem Roman „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ spitzt das Drama eines wechselseitigen Missverständnisses zu: Zufällig in die fremde Theaterwelt hineingeraten, introvertiert und unsicher, stolpert Joachim zwischen Improvisationen und Sprechübungen herum.
Bruno Alexander spielt gekonnt einen vermeintlich untalentierten Klotz, der lediglich auf Touren kommt, wenn die Gäule mit ihm durchgehen, der nur in Rage geraten, aber keine Wut vorspielen kann. Geschweige denn eine gute Figur abgeben bei Übungen wie „Stellt euch jetzt alle vor, ihr seid Spaghetti im heißen Wasser“.
Zwar beschreibt auch Meyerhoff – bei Erscheinen des Buchs 2015 längst ein Theaterstar – das Mismatch zwischen einem norddeutschen Sturkopf und dem zwanghaft kreativen Theaterklassenzimmer. Bei Verhoeven geht jedoch die Komik auf Kosten der Wahrscheinlichkeit. Während die Mitstudenten auf Kommando ulknudelig abzappeln und drauflos chargieren (man spürt, wie viel Spaß der Cast bei der Arbeit gehabt haben muss), ist Joachim buchstäblich im falschen Film. Aber alle haben übermenschlich viel Geduld mit ihm.
Meyerhoffs Vorlage, der dritte Teil seines Zyklus „Alle Toten fliegen hoch“ ist ein klassischer Bildungsroman, der die tastende Entdeckung einer künstlerischen Berufung mit der Erfahrung von Tod und Verlust verbindet. Während die beiden früheren Bücher dem verunglückten Bruder und dem verstorbenen Vater gewidmet sind, stehen in „Ach, diese Lücke“ die Großeltern im Zentrum, in deren Münchner Villa Joachim während seiner Falckenberg-Zeit wohnt, ein zur Karikatur geronnenes Bildungsbürgerpaar, das sich zum andächtigen Klassikhören auf den Teppich legt und beim Wandern Goethe rezitiert.
Inge, die ihren Joachim nur „Liebeling“ ruft, war einst selbst eine erfolgreiche Schauspielerin, deren Karriere durch einen schweren Unfall torpediert wurde. Hermann ist ein emeritierter Philosophieprofessor (Meyerhoffs Großvater war der Münchner Idealismus-Spezialist Hermann Krings), der seine Gedankenschärfe in einen restlos durchgeplanten Ehe-Alltag übertragen hat. Vor allem der Alkoholkonsum folgt strikten kategorischen Imperativen: Morgens wird mit Enzianschnaps gegurgelt, dann gibt es Sekt, um Punkt 18 Uhr jeden Tag Whisky und anschließend Rotwein, bis auch Joachim es nur noch im Treppenlift in die obere Etage schafft.
Mit den Virtuosen Senta Berger und Michael Wittenborn gelingt Verhoeven die spezifisch Meyerhoff’sche Gratwanderung zwischen Karikatur und dem warmherzig-nostalgischen Blick des Enkels. Für beide sind das Paraderollen: Berger beherrscht wunderbar das Pathos der gealterten Diva, die immer noch alle in den Bann ihrer eingebildeten Aura schlägt. Wittenborn ist kongenial in seiner passiv-aggressiven Pedanterie; berührend gerade am Ende, wenn Altersschwäche und Demenz Sand ins Getriebe der unumstößlichen Daseinsrituale streuen. Zusammen sind sie die perfekte Verkörperung eines alternden Paares zwischen äußerlicher Erstarrung und innigster Vertrautheit.
Als Inge von einem alten Regisseurs-Freund noch einmal eine Filmrolle angeboten bekommt, macht sie zur Bedingung, dass ihr Enkel ebenfalls mitspielen darf. Das führt zur Katastrophe, denn selbst am quasi-familiären Filmset erweist sich Joachim als Totalausfall. Nachdem er hochstaplerisch seine Lehrer und Mitschüler mit seinem Engagement beeindrucken wollte, wird die Filmpremiere zur endgültigen Demütigung – man hat ohne sein Wissen die Dialogpassagen mit einem professionellen Sprecher synchronisiert.
Im Roman ist das eine Anekdote, natürlich schmerzlich, aber auch irgendwie komisch und jedenfalls nicht wirklich tragisch. Im Film ist das ein Höhe- und Wendepunkt, der finale Beweis für Joachim, dass er in dieser Welt des schönen Scheins nichts verloren hat.
„Echten Schmerz benutzen“
Eine an Joachims Undurchdringlichkeit verzweifelnde Schauspiellehrerin gibt ihm einen Rat. „Versuch doch mal, einen echten Schmerz zu benutzen. Erinner’ dich an etwas, das dir wirklich fehlt. Eine Lücke in dir.“ Dabei kann er an gar nichts anders denken, und muss vielmehr befürchten, dass alle Dämme brechen, wenn er seiner Trauer wirklich Ausdruck verleiht. Doch die selbst immer gebrechlicher werdenden Großeltern werden zum Katalysator seiner Gefühlsreaktionen. Auf einem Spaziergang zitieren die beiden die Zeile aus dem „Werther“, der dem Film den Titel gibt. „Diese entsetzliche Lücke“ werden sie schließlich selbst hinterlassen.
Als Joachim sich von seiner Klasse verabschieden will, singt er das Lieblingslied seines Bruders: Soft Cells „Tainted Love“, a cappella und schief, mit Aussetzern – aber eben „echter Schmerz“. Die absolute, nackte Aufrichtigkeit erweist sich paradoxerweise als Bedingung für das Rollenspiel. Plötzlich gehört er dazu.
Die Konfrontation mit den inneren Dämonen weist Joachim einen Weg, der ihn nicht nur zum Theaterstar macht, sondern auch, viel später, zum Schriftsteller, der aus dem Totengedächtnis eine tragikomische Poetik der Erinnerung entwickeln wird. Einmal stellt Inge ihren Enkel zur Rede, weil sie seine Notizen gelesen hat, in denen sich auch scharfe Porträts seiner Großeltern – und großzügigen Gastgeber – finden. Statt des erwarteten Eklats gibt es Lob für seine Beobachtungsgabe.
Am Schluss schlägt der Film den Bogen zu seiner Vorlage. Joachim Meyerhoff entwickelte seine Romane ursprünglich aus Soloabenden mit autobiografischen Texten. Von hinten nähert sich die Kamera, während Bruno Alexander die bewegenden Schlusszeilen des Romans liest, in denen Meyerhoff vom „verlässlichen Besuch aus dem Totenreich“ erzählt, die seine Großeltern ihm bei jedem Gedanken an sie abstatteten: „Wie auch immer sie das geschafft haben, die Vergänglichkeit verschont sie und die Zeit trägt sie, wann immer ich es will, bereitwillig auf Händen zu mir.“
„Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ ist ab dem 29. Januar 2026 im Kino zu sehen.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke