Ist Peter Handke eine „Blaupause all jener bildungsfern-bauernschlauen Politiker-Darsteller, die unsere Uhren im Westen heute um hundert Jahre zurückdrehen wollen“? Das meint sein Kollege Alexander Schimmelbusch in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ vom 11. Januar 2026. Anlass ist ein Jahrestag: Handkes „Gerechtigkeit für Serbien. Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina“ erschien im Januar 1996 in zwei Wochenendausgaben der „Süddeutschen Zeitung“.
Seine „winterlich Reise“ führte den österreichischen Schriftsteller 1995 von Belgrad bis an die bosnische Grenze – aber nicht weiter (erst in einem „Sommerlichen Nachtrag“ sollte Handke einen Besuch in Srebrenica schildern). Der Krieg im zerfallenden Jugoslawien hatte schon jahrelang getobt: 1991 war es in Slowenien zum sogenannten 10-Tage-Krieg gekommen, in Kroatien waren die militärischen Auseinandersetzungen ungleich grausamer. Nachdem Vukovar in Ostslawonien im Winter 1991 von der jugoslawischen Volksarmee eingenommen worden war, wurden mindestens 1500 kroatische Zivilisten ermordet. Es kam zu Massenvergewaltigungen kroatischer Frauen und Mädchen. Auch in der jugoslawischen Teilrepublik Bosnien-Herzegowina herrschte seit 1992 Krieg. Wegen Kriegsverbrechen wurden später Mitglieder aller drei Kriegsparteien (Bosnier, Kroaten, Serben) angeklagt, wobei die Zahl der Anklagen gegen Mitglieder bosnisch-serbischer Verbände bei Weitem überwog.
Im Sommer 1995 erreichte der Krieg im bosnischen Srebrenica sein Höchstmaß an Bestialität. Dort verübten Soldaten unter dem Kommando des bosnisch-serbischen Generals Ratko Mladić einen Genozid: Über achttausend vorwiegend männliche bosnische Muslime wurden ermordet. Der Krieg hat kurz darauf, im Winter 1995, mit dem Abkommen von Dayton ein Ende gefunden.
Heimatgefühl in Serbien
Da bereiste also auch Handke Serbien. Was er von dort mitbrachte, waren, neben heftiger Kritik an Medien, die er der Parteinahme gegen Serbien zieh, Eindrücke aus einem mit Sanktionen belegten Land, das fast vormodern wirkte. Die „Winterliche Reise“ war aber nicht seine erste Wortmeldung zum blutigen Zerfall Jugoslawiens. In „Erzählte Welt“, seiner kürzlich erschienenen, sehr lesenswerten „Literaturgeschichte der Gegenwart, 1989 bis heute“ (Rowohlt) macht der Berliner Germanist Steffen Martus darauf aufmerksam, dass die „rund vierhundertsiebzig Seiten“, die die Handke-Werkausgabe den Jugoslawien-Aufsätzen (Texte von 1991 bis 2011) widmet, „im Blick bleiben“ müssen. Handke habe „gleich anfangs ... seinen persönlichen Einsatz“ hervorgehoben: „Nirgends, so der Ausgangspunkt, habe er sich so ‚zu Hause‘ und ‚in der Wirklichkeit‘ gefühlt wie in Slowenien. Dieses Heimatgefühl verallgemeinerte Handke zu einer großen Epochendiagnose, denn der Gegensatz zum Ideal bildete die entfremdete ‚Westwelt‘.“
Eine andere Beobachtung Martus‘ betrifft den zeitgeschichtlichen Kontext: „Die BRD probierte an der Position zu militärischen Konflikten aus, wie es sich anfühlte, ein ‚normaler‘ Staat zu sein. Sie beteiligte sich nicht am Irakkrieg (1991), entsandte jedoch zwei Jahre später bewaffnete Soldaten im Rahmen einer UN-Aktion nach Somalia. 1995 hielt sich Deutschland aus den Kampfhandlungen in Jugoslawien heraus. 1999 unterstützte die deutsche Luftwaffe jedoch den Krieg gegen Serbien und erbrachte damit die außenpolitischen Belege für jene Souveränität, die Deutschland im Rahmen des ‚Zwei-plus-Vier-Vertrags‘ (1991) von den Alliierten zugestanden worden war.“
Handke wird auch während der Nato-Intervention von 1999 nach Serbien reisen und zunächst in Form eines Zeitungs-Artikels darüber berichten. Die Münchner Historikerin Janine Calic bemerkte gegenüber WELT einmal, dass es, weil dieser Angriff ohne Mandat des UNO-Sicherheitsrates stattgefunden habe, „zu einem internationalen Normenwandel zugunsten von humanitären Interventionen“ gekommen sei: „In der UNO hat sich die Doktrin der sogenannten Schutzverantwortung etabliert. Sie enthält das Recht und die Pflicht, zum Schutz von Menschenrechten in anderen Ländern militärisch einzugreifen, und zwar zur Not auch ohne UNO-Mandat. Russland erkannte in der Nato-Intervention hingegen einen Völkerrechtsbruch und somit einen Präzedenzfall. Aus diesem Grund argumentiert Putin heute ähnlich wie damals die Nato: Russland müsse zum Schutz der vermeintlich vom Genozid bedrohten russischen Bevölkerung in der Ukraine militärisch intervenieren. Aber das ist natürlich Propaganda“, so Calic.
„Leere und ignorante“ Fragen
Dass Handkes Texte zu Jugoslawien so erbitterte Diskussionen auslösten – früh erschienen Sammlungen der Wortmeldungen von Journalisten und Schriftstellern –, muss also auch im Zusammenhang der politischen Umbrüche jener Jahre verstanden werden. In Deutschland war interessant zu sehen, dass Handkes Kritik an einer allzu schematischen Festlegung der Täter- und Opfer-Positionen in den Jugoslawienkriegen sich gar nicht schlecht mit der erbitterten Kritik eines linken Soziologen wie Wolfgang Pohrt an vermeintlich oder tatsächlich wieder aufflammenden Großmachtfantasien Deutschlands nach 1989 vertrugen. Pohrt war die „antideutsche“ Warnung im selben Maße wichtiger als die Toten und Vergewaltigten von Vukovar, wie es Handke in der „Winterlichen Reise“ zwar erklärtermaßen auch um die „bösen Fakten“ ging, das „Poetische“, das er für etwas Verbindendes hielt, aber im Vordergrund stand.
Dass es wieder erbitterte Diskussionen geben würde, als Handke 2019 der Literaturnobelpreis zuerkannt wurde, war klar, weil eben nicht nur Literatur auf dem Spiel stand, sondern auch internationale Spielregeln das betreffend, was Humanität bedeuten soll, sowie (in Deutschland) nationale Identität. Zur Verleihung in Stockholm reisten unter anderem die „Mütter von Srebrenica“ an und warfen Handke eine Relativierung, wenn nicht Leugnung des Genozids von 1995 vor.
Die „Mütter“ stehen jetzt auch im Mittelpunkt der Kritik, die Alexander Schimmelbusch formuliert. Oder auch reformuliert: Dass Handkes Journalistenschelte, ja „Medienverachtung“ daran erinnert, „was heute etwa die AfD und deren politische Verwandten praktizieren“, hatte 2019 schon René Aguigah im Deutschlandfunk formuliert. Aguigah spielte dabei auf eine Szene an, die sich bei einer Stockholmer Pressekonferenz abgespielt hat. Wie einseitig Schimmelbusch sie nun zusammenfasst, sollte man gegen Aguigahs ausgewogene Darstellung stellen:
Schimmelbusch 2026: „Einem amerikanischen Reporter, der ihn um eine Klarstellung seiner Haltung zu Srebrenica gebeten hatte, gab Handke die pubertäre Höhö-Antwort, ihm sei Toilettenpapier mit einer „Kalligraphie der Scheiße“ darauf lieber als ‚solche leeren und ignoranten Fragen.‘“
Aguigah 1999: „Eine „Kalligrafie aus Scheiße“ – oder, im Original in österreichischem Englisch: „a calligraphy of shit“ habe er kürzlich per Post bekommen, so erzählt Peter Handke bei der Pressekonferenz der Nobelpreisträger in Stockholm. Nach einer Viertelstunde stellt ein US-amerikanischer Journalist die Frage, wie Handke heute Srebrenica bewerte, das völkermörderische Massaker von 1995. Das war zu viel für den Autor. Er ziehe jenen anonymen Brief mit dreckigem Toilettenpapier denen, wie er, Handke, meint, „leeren und ignoranten“ Fragen des Journalisten vor.“
Von den Beschimpfungen, auch anonymen, die Handke zu ertragen hatte, ist bei Schimmelbusch nichts zu lesen. Ohnehin geht es ihm vor allem um Drastik. Man beachte den zweiten Absatz von Schimmelbuschs „FAS“-Artikel, hier zunächst in der online nachlesbaren Version: „Die Mütter haben sich mit Handke schon seit 1996 herumzuschlagen, als er in einem Bericht aus Serbien in der ‚Süddeutschen Zeitung‘ die Frage stellte, was denn ‚wirklich passiert‘ sei in Srebrenica. ‚Es gab die Mütter von Buenos Aires, die hatten sich zusammengeschlossen und die Militärdiktatoren gefragt, was mit ihren Kindern geschehen ist‘, so Handke weiter. ‚Aber diese billige Nachahmung ist scheußlich. Es gibt die Mütter von Buenos Aires, und das genügt.‘“
Es lohnt sich, auch die im E-Paper lesbare Version zu betrachten, sie ist ausführlicher: Handke würde den Müttern „mal eben so die Ehre“ abschneiden, schreibt Schimmelbusch da. Dann folgt ein weiteres Zitat aus einer wiederholt nicht genannten Quelle. „Überhaupt diese sogenannten ‚Mütter von Srebrenica‘. Denen glaube ich kein Wort. Denen nehme ich die Trauer nicht ab. Wäre ich Mutter, ich trauerte allein.“
Es verbietet sich, darüber zu spekulieren, warum die Printversion Schimmelbuschs Text ausführlicher wiedergibt als die online lesbare. Im Normalfall ist es andersherum, denn das Netz hat keine Platzprobleme. Es ist aber wichtig, darauf hinzuweisen, woher das bzw. die Zitate stammen, in denen Handke über die Mütter von Srebrenica spricht. Sie stammen aus einem Interview, das 2011 in den „Ketzerbriefen“ veröffentlicht wurde, einer Freiburger Kleinstpublikation. Das betreffende Heft heißt „Viel Lärm um Srebrenica“, auf dem Umschlag ist der Ortsname mit einer amerikanischen Flagge unterlegt. Über dem Hefttitel sieht man Bill Clinton mit ausgebreiteten Armen, darunter, jeweils hinter Gittern, die Konterfeits von Ratko Mladić, Radovan Karadžić und Slobodan Milosević. Geführt haben das Interview Alexander Dorin und Peter Priskil.
Nicht autorisiertes Gespräch
Nun sind die Aussagen über die „Mütter“, mit denen Peter Handke in diesem Interview wiedergegeben wird, kaum das Schockierendste. „Nicht, dass ich es verurteilen würde, aber ich kann es auch nicht uneingeschränkt gutheißen“, so wird er zum Genozid zitiert. Der Balkan-Korrespondent der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ hat seinerzeit gemutmaßt, hier seien die Verben vertauscht. Ob das so ist? Bis heute gibt es keine Aufnahme des Gesprächs, die öffentlich zugänglich wäre. Wenn es überhaupt eine gibt.
Der Verfasser dieser Zeilen hat 2019 für die Wochenzeitung „Der Freitag“ versucht, mit Dorin und Priskil Kontakt aufzunehmen. Nur Dorin hat sich damals zurückgemeldet und auch Auskunft darüber gegeben, ob Peter Handke die in den „Ketzerbriefen“ veröffentlichten Zitate autorisiert hätte: „Nein, darüber haben wir damals nicht gesprochen“, schrieb Dorin in einer E-mail. Das entspricht dem, was Handke zu dem Interview verlauten ließ: „Ich habe das Gespräch nicht gegengelesen und auch nicht autorisiert. Es entspricht nicht dem von mir Gemeinten. Ich kann mir auch nicht vorstellen, diese Sätze in dieser Form so gesagt zu haben. Für mich gilt das, was ich schriftlich festhalte. Dem habe ich nichts und dem wollte ich nichts hinzufügen.“
Gegen eine kritische Betrachtung dessen, was Handke in diversen Interviews und Texten zum Thema Srebrenica gesagt hat, ist diese Klarstellung freilich kein Argument. Warum aber einen Text veröffentlichen, der mit Äußerungen einsetzt, von denen sich der, der sie geäußert hat, distanziert hat? Von denen sich bis heute nicht mit Sicherheit sagen lässt, ob sie so gefallen sind? Wie viel bleibt da von der Behauptung, Handke habe „Brüder im Geiste“ bei AfD und neuer Rechten?
Schimmelbusch zitiert Götz Kubitschek: „Die Serben seien zum Tätervolk abgestempelt worden, genau wie die Deutschen ‚nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg‘“, und bugsiert Handke ideologisch ins revanchistische Lager. Auf diese Art und Weise aber wäre auch ein Wolfgang Pohrt ein „Bruder im Geiste“ von AfD und neuer Rechten, war er doch, wie Handke, ein scharfer Kritiker einer deutschen Intervention in den Jugoslawienkriegen (und des „FAZ“-Herausgebers Johann Georg Reißmüllers, der das ganz anders sah). Doch will man so anfangen? Nur dann, wenn man ein „Bruder im Geiste“ der am wenigsten seriösen Kritiker Peter Handkes ist, von denen es in den letzten 30 Jahre viele gab,lautet die Antwort. Dass es auch viele seriöse Handke-Kritiker gibt und gab, sollte darüber aber nicht vergessen werden.
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