Wer ist man eigentlich, wenn man mal wer war, und plötzlich niemand mehr ist? Wenn man sich nur als wahr und lebendig empfand, wenn man in Magazinen vorkam, wenn Titelbilder vom Boulevard seine Spiegel waren. Und in diesem Spiegel plötzlich niemand mehr ist, der einem auch nur entfernt ähnelt. Und man sich um Kopf und Kragen denkt und lebt, weil, wo man mal war, nur noch Kälte und Leere ist.
Pony Hübner (Pony mit langem O) war mal wer. Und natürlich eine geradezu idealtypische Figur für einen Stuttgarter „Tatort“. Die werden gern angetrieben vom Wahnsystem eines Menschen, der irgendwann aus seiner Mitte fiel und beim Versuch, sich aus dem Strudel zu arbeiten, nur mehr immer tiefer in ihm versinkt.
Ponys Fall, die Wolfgang Stauch den Stuttgarter Kommissaren Lannert und Bootz für „Ex-It“ (ein genialer Titel) zur Aufklärung aufgegeben hat, geht so: Von der Stuttgarter Supermarktkasse ging’s mal steil die Aufmerksamkeitskurve hinauf für Pony. Sie wurde zu einer der meistfotografierten Frauen Deutschlands. Ihr Mann – Stephan heißt er – hat sie gemacht, sagt sie selbst. Der ist Medienmogul, hatte hunderte Klatschblätter.
„Er war“, sagt Pony, „mein Victor Frankenstein.“ Dann kamen Insta und TikTok und YouTube. Und die Blättchen gingen nicht mehr. Stephan, der inzwischen mehr Internet-Kanäle hat als Venedig, stellte sie ein. Und Pony gleich mit. Das It-Girl versuchte alles, um It zu bleiben in den neuen Medien. Half alles nichts. Pony wurde zum Ex-It.
Dann regnet es Bindfäden in Stuttgart. Es ist mitten in der Nacht. Pony – kurzes blassblaues Kleidchen, weiße Hochhackige an den Füßen – ist mit ihrem SUV unterwegs. Das Baby – Penelope – schläft, der Junge – Hugo Aurelian – wird gerade wach. Pony will Zigaretten holen, stellt das Auto ab. Als sie zurückkommt vom Kiosk – erklärt sie der Polizei später, aufgelöst und nass bis auf die Haut – ist es weg. Wird aus dem Neckar gezogen. Penelope ist ertrunken, Hugo Aurelian verschwunden.
„Wir können uns die Toten nicht aussuchen“, sagt Lannert fassungslos. Und dann entwickelt sich etwas, das sich vielleicht mit dem Gefühl beschreiben lässt, dass man in einem Wollpullover hat, den man eigentlich sehr mag, aber der furchtbar kratzt. Lannert und Bootz stehen, wie sie es gern tun in Stuttgarter Sonntagabendkrimis am Rand und schauen den Menschen im Strudel zu, denen sie nicht helfen können. Im Fall von „Ex-It“ sind das Pony und Stephan. Die wohnen in einem an den Hang über Stuttgart geklotzten Villenwürfel. Es ist kalt da und schick. Gelegentlich schwimmt ein aufblasbarer Flamingo durch den Pool.
Immer wieder stehen die Hübners an Fensterscheiben, spiegeln sich, haben keine Hoffnung. Sie können nicht ohne- und nicht miteinander, sie müssen sich weh tun, sie wissen genau, wie es geht. Das wäre eigentlich – auch weil man Hans Löw und der wunderbar zerbrechlich in sich herumirrenden Pony von Kim Riedle so gern zuschaut, wie sich ihre Figuren zerlegen und die Welt, in der sie sich eingeigelt haben – ein wunderbares Psychodrama geworden. Ein noch wunderbareres, als es werden durfte.
Verkettung unglücklicher, aber typischer Sonntagabendkrimi-Umstände
Jetzt müssen wir auf das Kratzgefühl kommen. Dessen Ursachen ahnt man selbst beim dritten Schauen eigentlich eher, als man sie genau benennen könnte. Vielleicht ist es einfach eine Verkettung unglücklicher, aber typischer Sonntagabendkrimi-Umstände. Dass es nun mal irgendwie ein Verbrechen geben muss zum Beispiel. Den armen Hugo hätte Wolfgang Stauch vielleicht doch besser sterben lassen, statt durch das eigentlich großartig erzählte Ergebnis seiner Prominenzfolgenforschung einen von vorneherein eher klapprigen Entführungsplotfaden durchzuziehen.
Auf Ponys doch arg klischierte Schwester samt ihres seltsam am Wegrand der Geschichte stehenden Lebensgefährten, der auch noch im Straßenbau arbeitet und Echse genannt wird, hätte man aus Gründen der Spielraumvergrößerung für die Abstiegsgeschichte ganz gut verzichten können. Was möglicherweise auch hätte schief gehen können, weil – altes Problem im Problem-„Tatort“ – entschieden zu viel geredet und erklärt wird.
Und ein Teil der Monologe, die Lannert und Bootz in ihren getrennten Verhören von Pony und Stephan zu Protokoll nehmen, hören sich doch arg aufgesagt an. Selbst wenn Stauch und die Regisseurin Friederike Jehn, sonst eine Expertin für komplexe Beziehungsgeflechte, erfolgreich alles tun, Löw und Riedle die zum Teil wahnhafte Wahrhaftigkeit ihrer Aussagen selbst ins Wanken zu bringen.
Zum Start vom „Dschungelcamp“ kommt „Ex-it“ natürlich gerade recht. Eine Frau, die sich derart reflektiert ans Spinnenbaden und Truthahn-Hoden-Essen macht, wie Pony wird man da nicht finden. Die würde man anderthalb Stunden im „Tatort“ aber auch nicht aushalten.
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