Seit der Mensch von sich erzählt, erzählt er von den Räumen, in denen er sich vor der übergriffigen Welt schützt. Gerne haben die Maler ihre Helden mit den erlegten Drachen im Freien paradieren lassen. In Landschaften, die unter dem Eindruck der Manneskraft wie gezähmt erscheinen. Dabei kommt kaum eine Bühne ohne Nachweis aus, dass zur Monsterbezwingung auch die baumeisterliche Tatkraft gehört. Irgendeine Stadtmauer in der Ferne, irgendein Turm, ein Brückenbogen, eine edle Ruine, und wenn’s nur eine Hütte ist, gehört immer, fast immer zum Bild.
Falsch jedenfalls kann es nicht, sein, wenn man der Kunst nachsagt, dass zur Entwicklung ihrer Fantasien die architektonischen Erfindungen von allem Anfang an dazugehört haben. Dass man aus Wänden, Dächern, Fenstern oder Portalen Gebilde schaffen kann, die keiner Statik standhalten würden, aber das Bild in den Wunderrang heben, das gehört zu den eher selten nachgeschlagenen Kapiteln der Kunstgeschichte.
Architektur in der Kunst oder „Archistories“, wie Kirsten Claudia Voigt, die Kuratorin der Karlsruher Kunsthalle ihre fabelhafte Ausstellung nennt. Das Panorama ist so opulent bestückt und vergnügt geordnet, dass man kaum eine Führung braucht, um ganz sicher zu sein, dass die „bayerischen Dorfhäuser unter Bäumen“ auf dem Bild von Alexander Kanoldt nicht nur zur Staffage des Bergidylls gehören. Und die gebaute Welt der gewachsenen an erhabener Ruhe mindestens ebenbürtig scheint.
Was in der abwechslungsreichen, an keiner Stelle redundanten Enzyklopädie vor allem auffällt: dass die Malerei keinerlei Anlauf brauchte, um ihre Architekturfantasien und -phantasmen aufblühen zu lassen. Während man der Figurendarstellung und Weltschilderung doch so etwas wie Entwicklung nachsagen darf und dem Bildgegenstand „Figur in der Welt“ eine beträchtliche Zunahme an Raffinesse, verbinden sich mit dem Thema Bauen von allem Anfang an die erstaunlichsten Visionen.
Von der Wohnung des nackten Menschen – paradiesisch und außerparadiesisch – wird im Alten Testament nichts erzählt. Wie der Unterschlupf von Kain und Abel aussah, wissen wir nicht. Aber plötzlich begannen die Menschen zu träumen: „Wohlan, lasst uns einen Turm bauen, der bis in den Himmel reicht!“ Dass aus dem Projekt auf Einsprache der zuständigen Baupolizei nichts geworden ist, hat – wie gut belegt – keinesfalls zu demütiger Bescheidung beigetragen. Heute stehen wir auf der Mainbrücke in Frankfurt und schauen zu den Wolkenkratzern hoch, deren Spitzen in den Regenwolken ertrinken, und denken: Babylon at it’s best.
Klar, dass im Kanon der malenden und zeichnenden Baumeister auch der Venezianer Giovanni Battista Piranesi nicht fehlen darf. Wie er seine zwanghaften Vorstellungen in einem Dutzend gruseliger Kerker-Radierungen versinnlicht hat, das sollte ihn weltberühmt machen. Denn allzu offensichtlich haben die finsteren Gemächer seiner „Carceri d’invenzione“ weniger mit zeitgenössischem Strafvollzug als mit abgründigen Ängsten vor dem Höllenschicksal des unerlösten Menschen zu tun. Es ist ein bisschen wie bei Dante, der seinerzeit unter Vergils Führung in die Hölle abgestiegen ist und sich den Qualmechanismus detailliert hat vorführen lassen.
So geht es in der munteren Ausstellung hin und her – von einem architektonischen Anwendungsfall zum nächsten. Es wird von der „Schönheit der Ruine“ erzählt und von der „Schönheit des Rundbogens“, von „Architekturansichten als Souvenir“ von „toten Räumen, die der Krieg schafft“, von den „Umbaumaßnahmen in Paris“ und vom „geschäftigen Treiben in London“ – und uns ist auch nach Stunden kein Kapitel eingefallen, das in der fülligen Archistory vergessen worden wäre.
Ein Haus wie ich
Selbst das überaus spannende Thema der faschistischen Architektur findet zureichende Erwähnung, zumal sie ganz im Sinne der malerischen Fantasie ihre Bauaufgaben zur grandiosen Inszenierung nützte. Wobei es immer wieder überrascht, um wie viel freier, eleganter, kühner sich die italienischen Baumeister der 1940er-Jahre gegenüber ihren deutschen Kollegen aus der Hitler-Entourage ausnehmen.
Ein imposantes Gebäude wie der „Palazzo della Civiltà Italiana“, der 1943 zur Weltausstellung in Rom eröffnet wurde, beglaubigt mit seinen stoischen Rundbögen-Fassaden noch immer das alte Bekenntnis des italienischen Rationalismus mit Curzio Malaparte: „Una casa come me: triste, dura, severa“ (Ein Haus wie ich: traurig, hart und streng).
Nicht ganz so ernst erscheint der Traum, den der spanische Architekturkünstler oder Künstlerarchitekt Dionisio González am Computer geträumt hat. Die Häuser, die er sich am Fluss- oder Seeufer unter einer bewaldeten Steilküste ausgedacht hat, erinnern mit ihren runden Dach- und Wandschalen an muschelartige Gewächse. Weshalb die kühnen Bewohner ziemlich sicher sein dürfen, mindestens hundertmal am Tag vom Wasser aus fotografiert zu werden.
Dass die spektakuläre Anlage ausgerechnet den Namen „Wittgenstein’s Cabin“ trägt, leuchtet nicht so ganz ein. Denn der österreichische Philosoph hatte sich zum ungestörten Nachdenken eine unscheinbare Hütte über einem norwegischen Fjord bauen lassen, und nie wäre ihm ein Satz zum Mitschreiben wie „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“ im Gewächshaus seines spanischen Verehrers eingefallen.
Nicht jede Architektur im Bild trägt zum Adel der Komposition bei – das ist wohl wahr. Das eher unauffällig gefällige Gemälde des Carl Ludwig Frommel hat es wohl nur in die Ausstellung geschafft, weil es das Geburtshaus des Tasso in Sorrent zeigt. Das liegt sehr gediegen an der Steilküste des Tyrrhenischen Mittelmeers, Blick über den offenen Golf, Segelboote, Schönwetterwolken, heute steht da bestimmt ein nobles Hotel.
Eigentlich hätte mit dem Dichter Tasso, der dann so schwer am Leben trug und sich sein Kreuzzugs-Epos „Gerusalemme liberata“ Zeile für Zeile abrang, herkunftsmäßig und architekturtypologisch betrachtet alles gut werden müssen. Aber der Verwöhnort hat dann doch nicht ganz ausgereicht. Weshalb der Maler einen jungen Mann mit Orangen auf die Terrasse setzt und ihn ganz offensichtlich einen unendlichen Traum träumen lässt.
Vielleicht ist es ja der gleiche Traum, den auch Poliphilo träumt, als er seiner Geliebten Polia nachreist, die ihm immer wieder ausbüxt. Die wundersame Verserzählung „Hypnerotomachia Poliphili“, die im Venedig des Tasso-Jahrhunderts für Aufsehen sorgte, hätte gut ins Karlsruher Kompendium gepasst, zumal sie geradezu verschwenderisch illustriert worden ist. Francesco Colonna, der Dominikanermönch, der sich die Liebes-Odyssee ausgedacht hat, ist mit Sicherheit der ergiebigste Architektur-Visionär der Renaissance gewesen.
Zwar wird seinem unermüdlichen Helden immer wieder der Weg von monströsem Gewürm verstellt, aber dafür geht die Reise durch Hallen, Pyramiden, Tempel und Kreuzgänge von nie gesehener Pracht. Dass er aufgewacht ist, bevor er seine fliehende Nymphe im Arm halten konnte, hat dann auch das Geheimnis der gebauten Welt zerstört.
Beim Abschied, zurück in der Halle des Karlsruher Hauptbahnhofs, war es uns, als sei der Aufblick in den Gewölbehimmel in Wahrheit das letzte Bild der wundersamen Ausstellung.
„Archistories. Architektur in der Kunst“, bis 12. April 2026, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe (Orangerie), Katalog 48 Euro
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