Man hört Arno Brandlhuber gerne zu. Sein unterfränkischer Dialekt lässt Sätze dahinrollen wie Holzscheite im Kaminfeuer, auch wenn er druckreif Dinge formuliert, die jeden Gedanken an Gemütlichkeit wegschieben. Kein anderer Architekt denkt so neu und experimentell wie dieser freundliche Rebell aus dem Städtchen Wasserlos in Unterfranken. Der Name lädt zum Wortspiel ein: Viele seiner Gebäude waren tatsächlich von der Kanalisation getrennt, bevor er sich ihrer annahm.
Vor 20 Jahren gründete er sein Büro in Berlin, das inzwischen als kollaborative Praxis unter dem Namen b+ firmiert, weil Brandlhuber, wie er betont, nun einmal nie allein arbeitet. So ist es auch, als wir uns in Basel treffen, wo ihn die Galerie Contemporary Fine Arts in ihre hutzeligen Räume im Totengässlein zu einer Ausstellung eingeladen hat. Statt Pläne, Fotos und Modelle eigener Projekte zu präsentieren, stellt Brandlhuber einfach die Galerieräume selbst aus. Auf der Ankündigung stehen die Namen aller Beteiligten, darunter Galeriemitarbeiterinnen, die Kaufleute Gerda und Donald Kanitzer, die hier einmal ein Pelzgeschäft betrieben und im Stockwerk darüber wohnen, sowie Peter Doig und Cecily Brown, deren Bilder an der Wand lehnen.
„Zeigen, was da ist!“
„Zeigen, was da ist!“ freut sich Arno Brandlhuber und sofort geht das Kaminfeuer an. Der Satz bringt den Kern seiner Arbeit auf den Punkt, mit der er vor 15 Jahren zum Pionier einer „Umbau statt Abriss“-Architektur wurde, wie sie heute dauernd gefordert und doch nur selten umgesetzt wird. Mit der Unerschütterlichkeit eines einstigen Messdieners hat sich Brandlhuber nie zum Lakaien der Developer gemacht. Er arbeitet vor allem an eigenen Projekten – und zaubert Architekturen, für die jemand das Wort „brutiful“ erfand: Betonruinen der Nachkriegsmoderne werden zu Wohn- und Kreativstätten recycelt, so nonchalant, dass man sie Kunst nennen muss.
Mit Brandlhuber, der auch Stadtplaner ist, wird Hässliches schön und Nachhaltigkeit sexy. Erstmals sah man das bei dem Galerie- und Wohnhaus in Berlin-Mitte, das in unverputztem, luftig-semitransparentem Betonlook auf den Grundmauern eines verworfenen Rohbaus entstand, wofür ein Fan den Kunstbegriff „teutonic favela“ prägte. Bauregeln wie Trittschall- und Heizungsrohrdämmung wurden außer Kraft gesetzt, was das Ganze extrem vergünstigte – das ging, weil Brandlhuber als sein eigener Kunde für ein paar Jahre selbst einzog.
Wenn man an der Brunnenstraße 9 vorbeigeht, stellt sich das Gefühl ein, dass Berlin genau hier sein Versprechen auf Aufbruch erfüllt, was es sonst fast überall bricht. Sich vom gesetzlichen Korsett zu befreien und die Standards herabzusetzen, um zu zeigen, wo Vorschriften ökologisch oder sozial nützliche Konzepte behindern, zugleich aber auch vorhandene Strukturen radikal zu akzeptieren und mit minimalen Eingriffen weiterzuentwickeln: Mit diesem Mindset hat Brandlhuber Architekturgeschichte geschrieben.
Das Paradebeispiel dafür ist die für den Kostenbruchteil eines Neubaus kreierte „Antivilla“: In die maroden Wände der ehemaligen Unterwäschefabrik bei Potsdam wurden große Öffnungen gehauen, was aussieht wie angefangen und dann einfach aufgehört, und nun weite Blicke auf Wald und See freigibt. Oder die zwei nicht abreißbaren Betontürme auf einem Industriegelände in Berlin-Lichtenberg: Was zu DDR-Zeiten den Alexanderplatz mit Strom versorgte, dient nun b+ für Werkstatt und Büros. Benannt nach dem Toskana-Städtchen „San Gimignano“, gaben die Banken derlei Verheißung williger einen Kredit als einer Industriebrache inmitten der größten vietnamesischen Community Deutschlands.
Heute finden hier Ausstellungen und Grillabende statt, so wie Arno Brandlhuber generell eine Berliner Kunst- und Architektenszene anzieht, die Spaß hat an dieser Art des Um-die-Ecke-Denkens und der Uminterpretation von Orten, die man vorher übersah. „Wir sind als Architekten gut beraten, in anderen Medien zu denken und nicht nur in Renderings“, hat Brandlhuber einmal gesagt, der schon kunstnah konzipierte, bevor er den brutalistischen Bau einer Berliner Kirche in eine Galerie umwandelte. Und: „Wir müssen sozial heterogen denken, vom Stadtteil bis ins Haus hinein.“
Damit meint er auch die Frage nach der Kernfamilie, die kaum noch als Modell für Wohnstandards herhalten kann. Ostentativ bricht damit sein Terrassenhaus in dem stark durchmischten Stadtteil Berlin-Wedding, wo sich Mieter und Besucher die Außenflächen vor den Fensterfronten teilen, sodass man dauernd neue Leute kennenlernt.
Wer dort einmal in einem Gemeinschaftsbüro gearbeitet hat, weiß, dass man das manchmal nett und manchmal nervig finden kann. Aber am Ende fühlt man sich als Teil einer radikal neuen Idee: einer politisch verstandenen Weiterentwicklung der Moderne, die auf bezahlbare, anpassbare Räume zielt, mit Regulierungen jongliert und so Stadtentwicklung und Eigentumsverhältnisse infrage stellt – und die auf ruppige Weise gut aussieht. „Wenn Architektur nur ein schönes Objekt ist und kein weiteres Argument in die Diskussion einführt, ist sie irrelevant.“ Mit dieser Haltung hat Brandlhuber eine Praxis etabliert, die er „aktivistisch“ nennt.
In Basel besteht dieser Aktivismus unter anderem darin, in dem niedrigen, sich tief nach hinten verdrückenden Laden die verdeckten Fenster zum Hinterhof zu öffnen, sodass ein spätkubistisches Wandbild von 1979 wieder sichtbar wird. In einem ausgestellten Videointerview erklärt die ehemalige Pelzhändlerin dessen Motivik vom Sündenfall bis zum „Stützlisex“, ein Schweizer Wort für die in Basel damals unzulässige Peepshow. „Und von oben schwebt der Pillenpauli herab“, erklärt Brandlhuber und verweist auf Paul VI., der sich gegen die Pille aussprach.
An ausgestanzte Tabletten oder eben an eine Peepshow erinnern auch die Löcher in der Leinwand der Künstlerin Constanze Haas, die passgenau vor dem Schaufenster hängt und durch die man das Galeriegeschehen begutachten kann. Haas ist Brandlhubers Partnerin, ihre Malerei reflektiert immer auch die Historie eines Ortes und den gegebenen Raum, weswegen die beiden gern zusammenarbeiten.
In dem ihm eigenen pointierten Verständnis von Inklusion erklärt Brandlhuber, dass im „kollaborativen Verweben von Ideen“ auch der Entwurf für das Siedle-Haus entstanden sei, das demnächst in Furtwangen eröffnet: ein Privatmuseum mit Werken von Kirchner bis Picasso. Auch hier geht es um eine Hommage an den Ort, dieses Mal in der Bautradition des Schwarzwalds. Der Ausstellungsraum des Museums ist ein Abbild des Wohnhauses, das vorher an dieser Stelle stand und früher der Familie Siedle gehörte, die es nun zurückerwarb.
Offenheit, Pragmatismus, Improvisation
Während Brandlhuber durch die Basler Galerieräume spaziert und ob seiner eigenen Baumstammhaftigkeit teils fast mit dem Kopf an die Decke stößt, kommt der Betrachterin ein Besuch bei ihm auf Sizilien in den Sinn, wo es von Betonruinen nur so wimmelt. Er kaufte einige auf, eine davon beherbergte früher die „Guardia della Finanza“ – jetzt dient sie seiner Familie als Ferienhaus am Meer, wo natürlich auch wieder gearbeitet wird, denn wer arbeitet, ohne zu wohnen, würde das Prinzip Brandlhuber eh nicht verstehen.
Außer ihm hätte wohl kein anderer den Mut und den Nerv, sich mit Siziliens Bauordnungen und allem, was dazugehört, auseinanderzusetzen. Die italienische Flexibilität ist genau das, was das Land gerade im Turbotempo voranbringt, von dehnbarer Bürokratie bis zu Steuervorteilen, die gerade immer mehr Kunsthändler ins Land holen, zuletzt die Großgalerie Hauser & Wirth.
Die Tatsache, dass Brandlhuber sich mit derlei Offenheit, Pragmatismus und einem natürlichen Hang zur Improvisation identifizieren kann, dürfte auch der Grund sein, weshalb er beispielsweise bisher nicht gebeten wurde, sich repräsentativen öffentlichen Gebäuden in Deutschland zu widmen, wie etwa dem Museum „berlin modern“ am Kulturforum – und selbst wenn, dann hätte er wohl vorgeschlagen, die Kunst lieber im „Mäusebunker“, einem stillgelegten Versuchslabor der FU Berlin, unterzubringen statt eine überteuerte Riesenscheune auf den Potsdamer Platz zu zimmern.
So bleibt einem nichts anderes übrig, als sich hierzulande noch viel mehr eines so heiteren Eigensinns zu wünschen, wo Architektur von Bauunternehmern, Kommunalpolitikern und anderen Kleingeistern immer mehr in ästhetische wie bürokratische Kompromisse gezwungen wird, was dann eben so aussieht wie der Großteil des seit der Jahrtausendwende vollends verhunzten Berlins.
Brandlhuber befasst sich inzwischen mit größeren Fragen. Seine Initiative „HouseEurope!“ will Erhalt und Umbau zur Norm machen und den Abriss im großen Stil (nach Schätzungen bis zu zwei Milliarden Quadratmeter Gebäudefläche in Europa bis zur Jahrhundertmitte) stoppen. Denn wenn diese Praxis zu den 38 Prozent beisteuert, die der Bausektor insgesamt in die Erderwärmung feuert, kann das mit Europas Klimaneutralität bis 2050 ja nichts werden. Bis Ende Januar braucht Brandlhuber eine Million Unterschriften.
Und wenn er jetzt in der Galerie auf Socken auf das eingebaute Podest vor dem Schaufenster steigt, um die Leinwand mit den Gucklöchern auszurichten, dann zeigt das einmal mehr die Leichtfüßigkeit, mit der man die in der Kunst nur selten vereinbaren Pole Aktivismus und Ästhetik in etwas Neues verwandeln kann.
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