Der wahrscheinlich berühmteste Satz des vergangenen Jahrhunderts über das bürgerliche Musiktheater nähert sich allmählich auch dem Rentenalter: Dass man die Opernhäuser in die Luft sprengen müsste, hat Pierre Boulez, Komponist und Bayreuth-Dirigent, im September 1967 dem „Spiegel“ gesagt.
Ganz wörtlich hat er das natürlich nicht gemeint, aber in Köln hat es seit gut anderthalb Jahrzehnten den Anschein, als käme man der Abschaffung des Musiktheaters auch ohne Sprengstoff sehr nahe. Kaputt ist das Opernhaus seit 2012; seitdem wird an der Bühne am Offenbachplatz herum saniert. Wenn das Haus – hoffentlich – im September wiedereröffnet wird, hat Köln für die Renovierung seines Musiktheaters fast so lang gebraucht wie Berlin für den Neubau seines Flughafens. Immerhin war es billiger.
Eigentlich hatten sich die Kölner Sonntagabendkrimi-Verantwortlichen, die gern in extremen Lokalitäten drehen, gedacht, dass die staubfreie neue Bühne ein schicker Ort wäre für eine Mord- und Totschlaggeschichte unter Musikern. Nicht eine der üblichen Übertragungen des üblichen Opernplots auf den „Tatort“ plante der Routinier Wolfgang Stauch – also keine Eifersüchtiger-Tenor-ersticht fremdgehenden-Sopran-oder-so-Geschichte mit ein bisschen Klassik – sondern eine Art „Sonntagabendkrimi-Opera-Guide“, wo das Blut in den Gängen fließt und vom Schnürboden tropft, sprich aus all den Gewerken, die sonst keiner sieht, ohne die es aber beängstigend leer und still wäre in der heiligen Halle der Oper.
Stauch immerhin kam es also ganz recht, dass zu Beginn der Dreharbeiten natürlich noch nichts fertig war am Offenbachplatz. Da schoben sich noch Handwerker aneinander vorbei. Und im Ausweichquartier auf der anderen Rheinseite, in der Deutzer Messe, wurde weitergespielt. Ein perfektes Chaos für ein Polizeifilm-Drama, das auch musikalisch mit dem Chaos beginnt. Dem Chaos zu Beginn von Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ nämlich.
Gottes Wort hüpft durch die Gänge
Mit dessen Veroperung soll die Oper am Rhein wiedereröffnet werden – im „Tatort“, denn was im September in Wirklichkeit gegeben werden wird, ist noch nicht bekannt. Im „Tatort“ hingegen wird schon hektisch gebaut und hektisch geprobt. Der Druck ist hoch. Die neue Welt entspringt dank Haydn und dem Chor aus Gottes Wort und hüpft durch die neuen Gänge. Sänger testen den Probenraum, Handwerker fahren Rolltreppe, die Spielleiterin läuft herum, man frotzelt sich an, es scheint ein großer Spaß, diese Oper.
Auch Rüstmeisterin Elli Zander (Ines Lutz) macht ihre Arbeit mit Begeisterung. Sie sticht auf eine Frau ein. Das Messer funktioniert, wie es soll. Der Frau geschieht nichts. Ein paar „Tatort“-Minuten später ist Elli tot. Erschossen liegt sie – mit (Alec Baldwin lässt grüßen) einer Pistole aus ihrer eigenen Requisite – im blitzeblanken neuen Bühnenaufzug da. Angetan mit dem schwarzblauen Glitzerkleid der Königin der Nacht. Zentrum einer makabren, aber malerischen Inszenierung. Das Kleid hat zwei Einschusslöcher, obwohl Elli Zander nur ein Schuss in die Brust traf.
Nicht weniger malerisch hängt nicht viel später der Willi vom Schnürboden. Eine Wildschweindecke auf dem Rücken, eine Rüsselnase vor dem Gesicht. Auch er ist erschossen worden. Der Willi (Aljoscha Stadelmann) war Schuhmacher bei den Theaterwerkstätten, Heavy-Metal-Aficionado, harter Rocker mit den Manillis und Komponist der Kammeroper „Das Schwein, das grunzte, als die Königin erschossen wurde“, die demnächst uraufgeführt werden sollte.
„Eva weiß alles“
Vielleicht kurz zur Gestalt von Wolfgang Stauchs Drehbuch. Es gibt bei „Asterix als Legionär“ einen Goten, der Verkrümeldich heißt. Eine imposante Figur in gigantischem Fellmantel. Eigentlich aber ist er spindeldürr. Dieser „Tatort“ ist so ein Verkrümeldich: Weil Stauch sein Drehbuch schick nach den Abteilungen von Haydns Oratorium sortiert hat (und man Lust bekommt, das Ganze mal komplett zu hören); weil er eine hohe Meisterschaft darin beweist, Interna aus dem Maschinenraum des Musiktheaters und seiner Mechanik in sehr lustige Dialoge zu packen.
Weil er mit dem Auftritt des von Stefan Grossmann geschmeidig hinoutrierten Intendanten die ganz eigene Parallelwelthaftigkeit der Oper Sprache werden lässt und klarmacht, dass es die Realisten in der Sonntagabendkrimiklientel vielleicht doch eher bei Inger Lindström im Konkurrenzkanal versuchen sollten; und weil Stauch eine Figur erfunden hat, in die man sich ihrer Nassforschheit wegen schockverliebt, kaum fängt sie an, in ihrem gigantischen Haus herumzutänzeln: Eva „Eva weiß alles“ Krüger. Hat als Elektrikerin angefangen, jetzt ist sie verantwortlich für den Umzug.
Eine patente Person im Blaumann, die – bevor es die baffen Kommissare tun – sich in atemlosem Tempo selbst alle klassischen Sonntagabendkrimifragen stellt und sofort beantwortet. So ist sie: schnell heraus mit der Meinung, unbestechlich. Die Oper mag sie, die Künstler eher nicht. Man wünscht dieser Eva Krüger (Katja Bürkle) sehr bald, dass sie am Ende nicht in ihrem Blut liegt.
Die Kommissare werden die Treppen hoch gehetzt und durch den Untergrund. Klischees gibt es, aber nicht mehr als bei Verdi. Stauch treibt schöne, ernste Spiele mit ihr. Der Wahnsinn des Arbeitens im Umzug wird ausgestellt. Der Druck, der auf Menschen lastet, die täglich ihr Herz durch die Kehle an die Luft lassen, auch (Valerie heißt die getriebene Sängerin, die ohne Flachmann keine Sekunde im Getriebe zu überleben glaubt – Hannah Schiller gibt ihr eine widerborstig verletzte Verhuschtheit).
Die Bilder sind opulent. Selbst die Wohnzimmer – die von des Counters garstiger Mutter vor allem (niemand hätte diese Divenhaftigkeit besser hinbekommen als Judith Engel) – sehen aus wie einem Musterkatalog hochromantischer Interieurs nachgestaltet.
Es gibt eigentlich nur eins, worüber man nicht hinwegkommt in diesem lustigen Trumm von Themen-„Tatort“: Wer zur Hölle plant eigentlich die Abfolge der Sonntagabendkrimis? Ein einigermaßen klar denkender Koordinator hätte zwischen „Das Verlangen“, dem Weihnachts-„Tatort“ aus München – tote Schauspielerin auf der Bühne, Kommissare rennen durchs Theatergetriebe etc. – und „Die Schöpfung“ mindestens ein halbes Jahr gelegt.
„Die Schöpfung“, der neue „Tatort“ aus Köln, ist am 11. Januar 2026 um 20:15 Uhr in der ARD zu sehen und auch in der Mediathek zu finden.
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