Unsere Kolumnistin mag Vorsätze so wenig wie Emotionen. Fürs neue Jahr aber ist ihr ein Vorsatz eingefallen: Sie will weicher werden. 

Für das neue Jahr habe ich einen ganzen Sack voll guter Vorsätze, wie jedes Jahr eigentlich. Alle nur erdenklichen Vorsätze fallen zwischen den Jahren auf mich herab, als wäre ich das Mädchen mit den Sterntalern.

Auf dem größten Taler steht, dass ich mehr fühlen will. Was genau das heißt, weiß ich nicht. Ich finde, es klingt viel zu bescheiden und ein wenig blöd. Ich höre doch ständig, wir lebten in einer hochemotionalisierten Gesellschaft, die Politik spiele mit Emotionen – und ich soll jetzt mehr davon wollen? Da höre ich die Stimme von Helmut Schmidt in meinem Kopf – leicht abgewandelt – sagen: Wer Emotionen hat, der sollte zum Arzt. Ich habe aber keine Zeit für einen Arzt. Ich bleibe bei meinem Vorsatz.

Wir fühlen zu wenig in diesen Zeiten. Ich sowieso. Ich wollte mit dem Wir nicht von mir ablenken, aber ich glaube, wir sind viele, wir Emotionslosen.

Wieso sagen wir nicht: Trump lügt?

Seit 2015 haben wir unsere Gesellschaft von Thema zu Thema durchemotionalisiert. Ständig sind alle erregt, aber deshalb sind sie noch lange nicht emotional. Wutbürger, Empörte und Nostalgiker dominieren die Nachrichten. In Universitäten und Diskussionsrunden werden schnell ein paar passende Begriffe erfunden: postfaktisches Zeitalter etwa. So einen Begriff wiederholen dann alle wie Papageien: postfaktisch hier, postfaktisch da! Wahrscheinlich ist das alles richtig, aber es lässt mich nicht fühlen. Es erzählt uns keine Geschichte. Da ist niemand mehr, der wie der kleine Junge im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern mitten in die postfaktische Bewunderung hineinschreit: "Aber der Kaiser ist doch nackt!" 

Wieso sagen wir: Trumps Politik ist postfaktisch? Und nicht: Trump lügt und führt die Wähler an der Nase herum? Weil wir bei Letzterem eine Traurigkeit empfinden, der wir nichts entgegenzusetzen haben, fürchte ich. Doch was, wenn diese Traurigkeit die Bedingung dafür ist, dass sich etwas bewegt, womöglich nach vorn? Ich höre immer den Satz, den Deutschen gehe es nicht schlecht genug, sonst bewegte sich etwas. Ich denke, es ist anders: Die meisten Deutschen wissen nicht mehr, was sie fühlen und worauf sie reagieren sollen. Vielleicht ist das eine eigene Art von Schlechtgehen, eine, die passiv macht.

Emotionen sind Voraussetzung für Empathie

Einmal las ich über einen Betrieb in China, in dem Mitarbeitern in einer Versammlung verkündet wurde, dass Arbeitsplätze abgebaut würden. Die Mitarbeiter stürzten sich daraufhin auf den Chef und ließen ihrem Unmut freien Lauf. Ich glaube, es ging nicht gut aus für den Chef. Verstehen Sie mich nicht falsch, das Verhalten der Belegschaft scheint mir unzivilisiert und wenig nachahmenswert zu sein. Es wirkt aber gleichzeitig real. Als hätten Menschen hier Gefühle, die zu den Ereignissen passten, als reagierten sie auf die Wirklichkeit. Meistens liest man große Formulierungen wie "ein Ergebnis der Globalisierung". Das, was für die Menschen dahintersteckt, bleibt unerzählt. Wir diskutieren über den Standort Deutschland und schimpfen emotionalisiert ein wenig herum.

Fühlen zu können, ist die Voraussetzung für Empathie. Noch so ein Modewort, mit dem man angeblich gegen soziale Kälte anstinken kann. Es hilft nur nicht. Stellen werden abgebaut, wir zucken mit den Schultern. Es gibt Krisenherde, wir schauen betroffen hin und wieder weg, schließlich sind wir nachrichtenmüde.

Ich denke, mein Vorsatztaler mit dem Fühlen will eigentlich sagen: Jahreswechsel sind ein guter Moment, sich daran zu erinnern, dass mit Abhärtung auch keinem geholfen ist. In diesem Sinn: ein gefühlvolles neues Jahr!

  • Jagoda Marinić
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