Die französische Schriftstellerin Colombe Schneck schreibt über das, was typischerweise im Leben jeder Frau vorkommen kann: Erwachsenwerden, Emanzipation, Liebhaber, Kinder, gescheiterte Ehen und Scheidung, Neuanfang; ihr Thema ist das, was an und für sich im Privaten bleibt, dem seit einiger Zeit Schriftstellerinnen eine Bühne bieten, meist mit dem literarischen Mittel der Autofiktion: Annie Ernaux, in Deutschland etwa Julia Schoch, im englischsprachigen Raum Rachel Cusk.
Schneck ist oft als literarische Erbin von Ernaux beschrieben worden, wegen der kühlen Rückschau auf ihr Leben, die von einer eigenartig fesselnden Mischung aus suchender Energie und melancholischem Ennui getragen ist. Hinter ihrem Werk liegt aber eine andere Motivation: Die Familie von Colombe Schneck, die 1966 in Paris geboren wurde und dort bis heute lebt, stammt väterlicherseits aus Transsilvanien, mütterlicherseits aus Litauen, es sind jüdische Familien, die verfolgt wurden und der Vernichtung nur sehr knapp entkommen sind. Ihre Eltern überlebten versteckt, die Cousine der Mutter wurde in Auschwitz ermordet. Schneck hat davon erst spät als Erwachsene erfahren, fast zufällig.
„Über diese Zeit haben meine Eltern nie gesprochen“, hat Schneck einmal gesagt, sie habe selber geforscht, in Archiven gesucht; das Schweigen ihrer Eltern habe sie zum Schreiben gebracht – ihre Kindheit, in der ihr ihre Mutter manchmal wie versteinert erschien und der Vater seltsam unverbunden, habe sie erst schreibend verstanden und sich Stück für Stück zusammengesetzt, im späten Bewusstsein des Schicksals ihrer Eltern.
In „Lügen im Paradies“ geht sie dieser Kindheit nach, die sie – wie für die bürgerliche Schicht Pariser, der sie angehörte, üblich – in den Ferien weit entfernt von den Eltern verbrachte; in ihrem Fall nicht in einem der typischen französischen Ferienlager, sondern in den Schweizer Bergen bei einer Familie, die wohlstandsverwahrloste Kinder aus brüchigen Elternhäusern für einige Wochen aufnahm, ihnen Skifahren und Bergwandern beibrachte und sie vor allem liebevoll und mit freundlicher Strenge behandelte. „Unsere Eltern sind beschäftigt“, heißt es, „haben ihre geheimnisvollen Leben, sie reden nicht über ihre Vergangenheit, ihren Alltag, ihre Sorgen.“ Wie „Leasing-Kinder“ seien sie gewesen, seltsam distanziert von ihrem eigentlichen Zuhause, glücklich und vor allem frei in der anderen Welt der Berge in einem kargen Haus, das sie „Home“ nennen.
Trügerische Idylle in der Schweiz
Für Colombe, die von einem „kleinen, dünnen, schreckhaften Mädchen“ zu einem „spöttischen, willensstarken und sportlichen Teenager“ wird, war es ein Geschenk, eine andere Welt, andere Mütterlichkeit, andere Väterlichkeit zu erleben. Später, so schreibt sie, sei sie an den Ort der Kindheit zurückgekehrt, um über ihn zu schreiben – findet aber nichts vor, wie sie es erwartet hat. „Es ist Zeit, in die Schweiz zu gehen und über das Tal zu schreiben“, heißt es an einer Stelle. „Ich bin überzeugt, es wird angenehm, erholsam sein, ich muss mir nur gute Erinnerungen ins Gedächtnis rufen und mir ausdenken, was ich vergessen habe. Aber mit jedem Tag schwindet diese Sicherheit, kommt mir die Geschichte falscher vor.“
Nach und nach verblasst das Paradies der Kindheit, als sich herausstellt, dass die eigenen Kinder des Schweizer Ehepaars – im Gegensatz zu den Kindern, die zu dieser Gastfamilie in den Ferien kamen – misshandelt und gequält worden sind. Am Ende steht die Gewissheit, dass sich hinter der vom Kind Colombe erlebten Freiheit in ihrer eigenen Familie eigentlich etwas anderes verbirgt: Ihr Vater hatte zeitlebens latente Zweifel, dass sie als jüdische Familie in Sicherheit leben würden, ihre Mutter blieb aufgrund ihrer Familiengeschichte starr und unsicher den eigenen Kindern gegenüber.
In den knappen 160 Seiten springt die Autorin oft hin und her zwischen Zeitebenen; wer Schnecks „Pariser Trilogie“ (2024) nicht kennt und mit ihrem Grundthema einer Frau, die aus Erwartungen ausbricht und sich andere Welten aufbaut, fremdelt, wird mit dem kühl monotonen Panorama der Bergwelt der Erinnerung in „Lügen im Paradies“ vermutlich Schwierigkeiten haben. Alle anderen können hier einen Schlüssel zum Werk der autofiktionalen Erzählerin Schneck finden, ihrem aufklärerischen Prinzip: sich immer wieder schreibend den Schrecken zu nähern, die aus der Vergangenheit noch in die zweite und dritte Generation reichen, um aus ihnen keine langen Schatten werden zu lassen.
Colombe Schneck: Lügen im Paradies. Aus d. Französischen von Claudia Steinitz. Rowohlt, 160 Seiten, 24 Euro
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