Wenn man, sagen wir, um 1700 mit der Kutsche von, sagen wir, Freiburg nach Berlin fuhr, was eine halbe Weltreise war, kam man gefühlt alle 50 Kilometer durch die Residenzstadt irgendeines Fürsten, Herzogs oder Prinzen. Jeder hatte ein Schloss, und jeder hatte eine Kapelle. Jeder einen Kapellmeister. Musik diente nicht nur zur netten feudalen Abendunterhaltung, zur Möblierung von Festen. Musik war Nationbuilding.

Wer aber war das eigentlich, der da in Rastatt, Darmstadt, Meiningen Sinfonien schrieb und Ouvertüren, Suiten und Concerti? Was lernt man aus ihrer Musik über die musikalische Landkarte des Barock und wie sie zustande kam? Fragte sich das Freiburger Barockorchester. Das hat – als eines der entdeckungsfreudigsten, fabelhaftesten Ensemble für historische Aufführungspraxis – seit Jahrzehnten Konzertreihen in Stuttgart und Berlin und fährt deswegen regelmäßig durchs Land. Für ihr neues Album sind sie virtuell an einem halben Dutzend der Bahnhöfe ausgestiegen, haben sich in den Archiven umgesehen und Musik vom Staub befreit, die ziemlich weit unten im Stapel der angeblichen Kleinmeisterwerke herumlag. Musik aus Rastatt, Stuttgart, Meiningen, Eisenach und Weimar.

Vielleicht nehmen wir nur mal Johann Sigismund Kusser und Stuttgart. Da regiert 1674 Herzog Wilhelm Ludwig von Württemberg. Der halbwüchsige Johann Sigismund, mit seinen Eltern aus dem damals ungarischen Pressburg geflohen, erhält seinen ersten Unterricht in musikalischem Satz, Gesang und Orgel. Wilhelm Ludwig, ein Frankophiler vor dem Herrn, finanziert dem kleinen Kusser, der ein flammendes Talent gewesen sein muss, eine Bildungsreise nach Paris und Versailles. Wo er am Hof des Sonnenkönigs wohl von Jean-Baptiste Lully unter die Fittiche genommen wird und perfekt Französisch zu komponieren und Geige zu spielen lernt.

Kusser kehrt zurück, spielt in der Hofkapelle von Baden-Baden, unterweist die Geiger im Ansbacher Schloss. Dann geht er auf Grand Tour durch die deutsche Kleinstaaterei. Er wird zu einer Art Superspreader des französischen Stils. Wird von Herzog Anton Ulrich angestellt, in Braunschweig ein Musiktheater zu gründen, das 1690 mit Kussers „Cleopatra“ eröffnet wird, leitet kurz Hamburgs Oper am Gänsemarkt, ist in Nürnberg und Augsburg und wieder in Stuttgart. Flammend muss Johann Sigismund Kusser geblieben sein, er verlässt beinahe jede seiner Stationen schnell und im Streit, geht nach London, stirbt schließlich 1727 in Dublin.

„Apollon enjoué“ ist eine Ouvertüre, die um 1700 erschien, aber wohl in Ansbach entstand. Die Windmaschine läuft und bläst einem die Energie in die Beine. Elf Sätze lässt das von Gottfried von der Goltz angeführte Freiburger Barockorchester farbenfroh wie beinahe schwerelos vorbeifedern und verwandelt selbst das traurigste Wohnzimmer in einen Kronsaal voller graziler Tänzer. Das hätte französischer auch Lully nicht hinbekommen.

Französisch ist überhaupt der verbreitetste Akzent in allem, was die Freiburger selbst dann ganz groß machen, wenn es eher mittel ist. Johann Caspar Ferdinand Fischer (1656–1746), Hofkapellmeister in Rastatt, ist einer der deutschen Franzosen, Johann Christoph Pez (1664–1716), Oberkapellmeister in Stuttgart, ein anderer. Je weiter die Reise Richtung Spree geht, desto mehr vermischen sich die Stile – französische Tanz-, deutsche Kontrapunkt- und italienische Konzertkunst. Johann Ludwig Bach (1677–1731), der „Meininger Bach“, treibt die Verschmelzungsvirtuosität weit. Sein entfernter Vetter Johann Sebastian in Weimar und Georg Philipp Telemann, der wahrscheinlich musikalisch vielsprachigste aller Barockkomponisten in Eisenach, bringen sie zur Vollendung.

Das Live-Album „Grand Tour“ (Aparté) ist, was die Bildungsreise für die gehobenen Stände nach Italien oder Frankreich früher sein sollte, lebendig und lehrreich. Und macht einfach gute Laune. Wovon man gegenwärtig ja gar nicht genug bekommen kann.

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